Was erwähnen, wie zusammenfassen, wo beginnen? Am besten mit der 85. Minute, die Minute der Entscheidung. Sacha Stauffer startet einer seiner Energieanfälle. Er dringt auf der linken Seite in den Strafraum ein. Er zieht ab – und trifft zum 5:4. Ausgerechnet Stauffer, er der im Sommer nach acht Jahren in Grenchen zum Rivalen nach Solothurn wechselte.

Die Gründe sind bekannt: Er, der Ruhige hatte genug den ständigen Querelen im Verein. «Das machte die Partie für mich so speziell», sagt nach dem Spiel. Er der Ruhige war wie aufgedreht, nicht wieder zu erkennen. Stauffer legte sich in der ersten Halbzeit mit dem Schiedsrichter an, als ein vermeintliches Notbremsefoul von Torhüter Schaad an ihm, nur mit einer Verwarnung geahndet wurde. Er deckte den Unparteiischen mit Wortsalven ein und erhielt seinerseits Gelb.

Kräfteverhältnisse schienen klar

Der 28-Jährige war nur ein Hauptdarsteller an diesem wunderbaren Herbstabend, an dem fast 1000 Zuschauer den Weg ins Stadion fanden. 9:0, 10:0 oder ein noch höheres Resultat wurde im Vorfeld der Begegnung herumgeboten. So klar schienen die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Mannschaften. Da Solothurn, das blendend in die Meisterschaft gestartet war, dort Grenchen, das bis dato als Tor- und Punktelieferant herhalten musste.

Und dann das: Kurz vor der Pause stand es 3:1. Nicht für Solothurn, sondern für die Gäste aus der Uhrenstadt. Fitim Sadriji hatte dreimal für sein Team getroffen. Dreimal mit einem Freistoss. Beim 0:1 aus 35 Metern, beim 0:2 aus 20 Metern ins Lattenkreuz, beim 1:3 mit einem abgefälschten Schuss. «Das war wirklich speziell», sagte auch Sadriji, der letzte Woche seinen 21. Geburtstag feierte. Speziell deshalb durch die Duplizität der Ereignisse: Wie Stauffer trug Sadriji einst das Tenü des Gegners.

Vorübergehende Schockstarre

Der Grenchner Stürmer hätte zur grossen Figur dieser ausserordentlichen Partie werden können. Kurz nach der Pause brachte Sadriji sein Team erneut in Führung. Mit seinem vierten Treffer innerhalb von 30 Minuten erzielte er gleich viele Tore, wie die Grenchner zuvor in neun Spielen. Vor allem aber versetzte er die Solothurner vorübergehend in eine Schockstarre.

Die Mannschaft von Aziz Sayilir geriet aus dem Gleichgewicht. Die Favoritenrolle bekam ihr schlecht. «Das ist auch normal», erklärte der Trainer hinterher. «Plötzlich werden von uns Wunderdinge erwartet. Es geht nur noch um die Höhe des Sieges.» Diese Situation müssen seine jungen Spieler erst einmal verkraften, so Sayilir. Die Solothurner zeigten eine Reaktion, nicht zuletzt unter gütiger Mithilfe der Grenchner. Zunächst Bala, der seinem Namen alle Ehre machte und innerhalb weniger Sekunden zweimal Gelb sah. Und Mustafi, der sich nach einer rüden Attacke ebenfalls vorzeitig verabschiedete.

Partie für beide Seiten wertvoll

Hunziker und wie erwähnt Stauffer und Elezi mit dem Tor des Tages in den Winkel brachten die Solothurner Fussball-Hierarchie wieder ins Lot. «Ich glaube, dieser Sieg ist für unseren Lernprozess wertvoller als ein 7:0 oder 8:0», hielt Aziz Sayilir fest. Sein Gegenüber Patrick Bösch verliess die Katakomben ebenfalls erhobenen Hauptes. «Meine Spieler haben gesehen, dass die Arbeit nicht umsonst ist. So werden wir nicht absteigen.» Hoffentlich. Der Solothurner Fussball könnte öfters solche Spiele wie an diesem lauen Herbstabend ertragen.

Solothurn – Grenchen 6:4 (3:3)

Stadion. 950 Zuschauer. – SR Mühlheim. – Tore:13. Sadriji 0:1. 22. Sadriji 0:2. 23. Sülüngöz 1:2. 38. Sadriji 1:3. 39. Appelt  2:3. 42. Mertoglu 3:3. 47. Sadriji 3:4. 75. Hunziker 4:4. 85. Stauffer 5:4. 87. Elezi 6:4. 

Solothurn: Vilson Dedaj; Kohler, Sülüngöz, Waylon Grosjean (66. Elezi), Du Buisson ; Mertoglu, Hunziker, Fleury, Veronica ; Gataric (71. Sasso), Appelt (89. Ozaj).

Grenchen: Schaad; Bala, Karabulut (79.La Rocca), Dedaj, Ibraimi; Morina, Risticevic (66. Yossouf), Cabral (81. Güggi), Mustafi, Gaye, Sadriji.

Bemerkungen: 52. Platzverweise Bala (Gel-Rot), 66. Mustafi (Foul).