Radsport
«Das Wimbledon der Radfahrer» - Neuendörfer startet am härtesten Rennen der Welt

Der Neuendörfer Mario Müller nimmt im Viererteam am härtesten Rennen der Welt teil. Beim Race Across America gilt es 5'000 Kilometer mit knapp 50'000 Höhenmetern zu bewältigen.

Raphael Wermelinger
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Das längste Rennen in der Schweiz, die Tortour, hat Mario Müller im Alleingang geschafft. Jetzt startet er mit drei Kollegen am Race Across America.

Das längste Rennen in der Schweiz, die Tortour, hat Mario Müller im Alleingang geschafft. Jetzt startet er mit drei Kollegen am Race Across America.

Bruno Kissling

Noch bleiben etwas mehr als 110 Tage bis zum Start des Race Across America, kurz RAAM. Auf der Website des «team4RAAM 2019» zählt ein Countdown die Sekunden rückwärts bis zum grossen Abenteuer der vier Ultra-Radfahrer. Abflug nach Los Angeles ist am 10. Juni, das Rennen beginnt fünf Tage später. Für die gut 5 000 Kilometer mit knapp 50 000 Höhenmetern Steigung hat das Viererteam, zu dem der Neuendörfer Mario Müller zählt, neun Tage Zeit.

Wem normale Ausdauer-Rennen wie die Tortour in der Schweiz mit einer Gesamtstrecke von 1 000 Kilometern nicht genügen, der nimmt quasi als Krönung am Race Across America teil. «Dieses Rennen ist für die Radfahrer vergleichbar mit dem Wimbledon-Turnier für die Tennisspieler», sagt Mario Müller.

Der Ü50er und seine drei Mitstreiter wissen, dass sie ihre Grenzen überschreiten werden. «Physisch und psychisch», konkretisiert Müller. «Es warten einerseits natürlich schier unzählige Kilometer. Am meisten Respekt habe ich aber davor, dass wir mehrere Wetterzonen passieren.»

«Es gibt nichts Gröberes»

Das Rennen quer durch die USA wird Mitte Juni im kalifornischen Oceanside erwartungsgemäss bei etwa 25 Grad starten. «Dann folgt bald ein Anstieg auf fast 1 800 Höhenmeter. Während der Abfahrt herrschen vielleicht noch 10 Grad, bevor es in der Mojave-Wüste schon mal bis zu 50 Grad heiss werden kann», schildert der Jüngste des Teams, Tobias Bailer aus Baden-Baden, die Erwartungen.

In den Rocky Mountains muss die Equipe mit Schneefällen rechnen, in der grossen Ebene von Kansas blase ein heftiger Gegenwind. «Wir müssen wirklich mit allem rechnen», ist sich auch Müller bewusst. «Auf jeden Fall wird es ein einmaliges Erlebnis. Man darf sicher stolz auf sich sein, wenn man das Race Across America geschafft hat. Es gibt nichts Gröberes im Ultra-Cycling.»

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Und es war schon eine weite Reise bis hierhin. Die Vorbereitung auf das RAAM 2019 läuft bei den vier Fahrern bereits seit Herbst 2017. Das Team um die beiden Deutschen Tobias Bailer und Thomas Göpfert sowie den Baselbieter Patrick Eichenberger bestand bereits.

Der Neuendörfer Mario Müller schloss sich auf Anfrage an. «Das musste ich mir nicht lange überlegen. Solche Projekte und Ultra-Rennen haben mich schon immer fasziniert.» Die Tortour hat er im Alleingang bewältigt. Müller sieht sich als der Allrounder des Vierer-Gespanns, welches zusätzlich aus einem Flachlandsprinter und zwei «Berggeissen» besteht.

Ein neunköpfiges Begleitteam

Eine der ersten Aufgaben war es, das Begleitteam auf die Beine zu stellen, erzählt Müller. Insgesamt neun Helfer werden die vier Fahrer vor Ort begleiten und unterstützen. Stefanie Bailer ist Personal- und Ernährungscoach sowie Mentaltrainerin und waltet als Chefin der Begleit-Crew. Zu dieser zählen ausserdem ein Kardiologe, ein professioneller Radmechaniker, eine Physiotherapeutin, ein Kameramann, der das ganze Abenteuer dokumentiert, und weitere Spezialisten.

Das «team4RAAM» besteht aus vier Fahrern und der neunköpfigen Begleitcrew.

Das «team4RAAM» besteht aus vier Fahrern und der neunköpfigen Begleitcrew.

Zur Verfügung gestellt

Verteilt auf mehrere Autos und ein Wohnmobil folgt der Tross den Fahrern. «Die Helfer machen einen Drittel des Erfolgs aus, wägt Tobias Bailer ab: «Die Crew kann dich ins Ziel bringen oder nicht.» Für ihn und seine drei Mitstrampler gehe es nur ums Fahren, die Crew sorge dafür, dass Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme der Sportler stimmen, die Regenerationsphasen eingehalten werden, die Fahrräder jederzeit einwandfrei funktionieren und «sie kümmert sich einfach um alles andere, was nötig ist, damit wir die Ostküste innert der Zeitvorgabe erreichen».

Devise lautet, ins Ziel kommen

Ein wichtiger Punkt in der gesamten Vorbereitungszeit ist die Suche nach Sponsoren. Diese läuft immer noch auf Hochtouren. Das Unternehmen Race Across America kostet die Equipe eine Summe im mittleren fünfstelligen Bereich. Das Startgeld beträgt 9 000 Dollar. Die Mieten für die Fahrzeuge, die Flüge oder auch das Verpflegungsmaterial kommen noch dazu.

Nur schon wegen des finanziellen Aspekts ist das RAAM definitiv keine Massenveranstaltung. Nur ein paar hundert Fahrer nehmen daran teil. Wer kann oder will sich derartige Strapazen denn auch freiwillig antun?

Mario Müller, der in seiner Freizeit als Cycling-Instructor arbeitet, sieht das Rennen als die ultimative Herausforderung. Im vergangenen Monat war das Team in Alicante im Trainingslager. Um möglichst viele Kilometer abzuspulen, aber auch, um den Teamgeist zu fördern und einen Lagerkoller vorzubeugen.

Auch die Taktik für das maximal neuntägige Rennen ist bestimmt. Es werden Zweier-Teams gebildet, die jeweils Schichten à acht Stunden fahren. Ob beide Fahrer effektiv je vier Stunden im Sattel sitzen oder die Zeit anders verteilt wird, sei auch von der Tagesform abhängig. Grundsätzlich befindet sich immer nur ein Fahrer auf der Strecke.

Die Rekordzeit, in welcher die gut 5 000 Kilometer von einem Viererteam geschafft wurden, beträgt ziemlich genau fünf Tage. Durchschnittlich brauchen die Quartetts – auch Solo sowie Zweier- und Achter-Teams sind am Start – etwas mehr als sieben Tage.

Das «team4RAAM» begibt sich in den USA allerdings laut eigener Aussage nicht auf Rekordjagd. Mario Müller und Co. geht es schlicht darum, sämtliche Zeitposten in der vom Veranstalter vorgeschriebenen Zeit zu passieren und das Rennen bis zum Ende durchzustehen. Oder wie es Tobias Bailer formuliert: «Wir wollen ins Ziel kommen, alles andere ist Zubrot.»