Wer zu spät kommt, den bestraft der Parkplatz. Abends um halb sieben startet in Grenchen das fünfte Donnerstags-Abendrennen. Eine Stunde später findet sich rund ums beeindruckende Velodrome kaum mehr eine Parkmöglichkeit. Drinnen versuchen gerade drei brasilianische Velomatadore, den Landesrekord im Teamsprint zu verbessern. Das Publikum auf den gut gefüllten Tribünen feuert die Bahnfahrer an. Auch im Innenraum des 250 Meter langen Ovals vergessen die Zuschauer für einen kurzen Moment Wurst und Bier. Ein Rennabend in Grenchen bietet durchaus gute Unterhaltung. Das spricht sich herum.

Die Verehrer müssen auf die Warteliste, die Trauzeugen stehen Schlange – das Velodrome entpuppt sich bereits im ersten Betriebsjahr als äussert attraktive Braut. Mehr als 300 Jahreslizenzen für Hobbyfahrer hat man in Grenchen verkaufen können. Das Interesse der Junioren am neuen regionalen Nachwuchsstützpunkt sorgt für ausgebuchte Kurse. Und die Besten des Landes trainieren derzeit bei optimalen Rahmenbedingungen intensiv für ihren Auftritt an den Weltmeisterschaften von Ende Februar in Kolumbien. An «Liebhabern» fehlt es dem Velodrome wahrlich nicht.

Ein L auf dem Rücken wird gefordert

Und auch die Brautführer lassen nicht auf sich warten. Bis zu 800 Zuschauer verfolgen die Abendrennen am Donnerstag, deren fünfte Austragung in dieser Woche als zweitägige Schweizer Meisterschaft im Omnium ums Oval geht. Am späten Freitagabend entschied sich, wer sich vielseitigster Schweizer Bahnfahrer nennen darf. Diverse Rahmen-Prüfungen sorgen für Startmöglichkeiten von rund 50 Junioren, Frauen und Senioren. Wobei es bei Letzteren mehr als einmal zum spektakulären Sturz kommt. «Kleb dir doch ein L auf den Rücken», muss sich der Verursacher einer Karambolage von seinem Konkurrenten anhören.

Das Publikum belohnt die gebotene Action mit seiner Aufwartung. Es ist gut gemischt. Viele fachkundige Herren älteren Semesters sind anwesend. Nicht wenige sind seit Jahrzehnten auch Stammgäste beim Zürcher Sechstagerennen. Dass das Velodrome rauchfrei ist, wird der eine oder andere zweifellos bereuen ...

Viele junge Frauen im Publikum

Auch allerlei Prominenz findet den Weg nach Grenchen. «Wir hatten schon Weltmeister und Olympiasieger im Publikum», sagt Geschäftsführer Peter Wirz. Oder Politiker und Unternehmer. Selbst Schriftsteller Peter Bichsel lässt sich regelmässig von der Poesie der im Kreis drehenden Sportler inspirieren. Er ist nur einer von vielen Zuschauern aus der Region, die Gefallen am neuen Grenchner Abendprogramm gefunden haben. Auffallend auch die vielen jungen Damen auf der Tribüne. Sie passen auf, dass das Velodrome im Herzen ihrer Liebsten höchstens den zweiten Platz einnimmt.

Hauptdarsteller bleiben die Athleten. Bahn-Nationaltrainer Daniel Gisiger ist den ganzen Abend lang omnipräsent. Er betreut, berät, beobachtet – ohne ein Mann grosser Worte zu sein. Ein stiller Schaffer. Für Visionen sind andere im Verband zuständig. Mehr als ein Fachmann kommt beim Potenzial des Schweizer Bahn-Vierers, einem Olympia-Projekt für 2016, ins Schwärmen. Eine Schweizer Radmedaille in Rio – wieso eigentlich nicht? Das Velodrome Grenchen lässt träumen.

Das Velodrome ist vielseitig nutzbar

Viel Arbeit, aber auch viel Freude macht das Oval den Verantwortlichen Peter Wirz und Michèle Tanner. Die Kommunikationsbeauftragte freut sich über die Menge und Vielseitigkeit der Anlässe, die im neuen Velodrome stattfanden und stattfinden werden. Das organisatorische Husarenstück dürfte die Generalversammlung von Swatch am 14. Mai werden. Auch der entstandene Boom auf das Bahnfahren sowohl bei Hobbyfahrern wie auch beim Nachwuchs freut Michèle Tanner ausserordentlich.

Geschäftsführer Peter Wirz denkt derweil an die Zukunft. Bereits dran ist man an einer Lösung für die ziemlich desolate Akustik im weiten Rund. «Im Innenraum hört man den Speaker praktisch nicht», sagt Wirz. In den nächsten Wochen wird die gesamte Halle mit Schallschutzelementen ausgerüstet. Sportlich hofft Wirz auf einen baldigen Höhepunkt in Form eines Stunden-Weltrekordversuchs von Fabian Cancellara sowie eines ersten internationalen Topanlasses in Grenchen. Den Bahnweltcup oder sogar die Europameisterschaft will man in die Uhrenstadt holen.