Als die beiden Dressurreiterinnen und Schwestern Simona und Carla Aeberhard in Erinnerungen schwelgen und auf den Anfang ihrer Karriere zurückblicken, müssen sie kurz nachrechnen, wann das denn überhaupt war. «20 Jahre ist das her. Das klingt mega lang», sagt Carla Aeberhard.

Seit diesem Zeitpunkt ist viel passiert im Leben der beiden Oltnerinnen. Bald trennten sich ihre Wege im Dressurzirkus aufgrund unterschiedlicher Pferde. Nun haben die zwei Schwestern zum ersten Mal einen gemeinsamen Erfolg eingefahren. Im Rahmen der Schweizer Meisterschaft Dressur in Basel wurden die beiden mit dem goldenen Reitabzeichen Dressur Elite ausgezeichnet. Dieses wird nur aufgrund aussergewöhnlicher Erfolge verliehen.

Die Freude ist deswegen gross: «Wir haben beide immer unterschiedliche Pferde auf unterschiedlichen Niveaus geritten. Es ist ein grosser Zufall, dass wir gerade im gleichen Jahr ausgezeichnet wurden», sagt Carla Aeberhard, welche die Auszeichnung mit dem bereits als Fohlen erworbenen Delioh von Buchmatt erreicht hat. Ihre Schwester durfte sich diese hingegen mit den beiden Pferden Active Private Dancer und Donna Diandra erreiten.

Donna Diandra ist nun seit ein paar Wochen in Pension. Seit elf Jahren ist die Stute im Besitz der Familie. Ihr altersbedingtes Ausscheiden aus dem Dressursport war für Simona Aeberhard keine einfache Situation. «Das Bauchgefühl hat einfach gesagt, dass es nicht das Richtige wäre, noch weiterzumachen. Sie hat so viel für mich gemacht, ich habe mit ihr alles erreicht, was ich wollte», sagt sie.

Neubeginn mit einem Nachwuchspferd

Nun beginnt die Oltnerin mit einem Nachwuchspferd quasi noch einmal von vorne. Auch Carla Aeberhard befindet sich mit Delioh noch im Aufbauprozess. Weil die beiden erst seit einem Jahr zusammen Grand-Prix-Turniere bestreiten, musste auch sie das ihr eigentlich vertraute Pferd neu kennen lernen. Überhaupt ist das Ganze ein ewiger Lernprozess. «Der Grand Prix ist zwar die höchstmögliche Stufe, trotzdem kann man an jedem kleinsten Detail immer wieder weiterfeilen. Auch das Pferd selbst verhält sich nie gleich», sagt sie.

Nicht nur aus diesem Grund bleibt ihre Faszination für das «Tanzen mit Pferden», wie Carla Aeberhard ihren Sport einst beschrieb, ungebrochen. «Es ist unglaublich, wie viel Harmonie man erzeugen kann, wenn Pferd und Reiter aufeinander eingehen. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl», schwärmt Simona Aeberhard. «Ein grosses Glücksgefühl ist das, wenn man bemerkt: Jetzt hat man es», wirft ihre Schwester ein. «Das rechtfertigt den ganzen Aufwand.»

Überhaupt lässt das Reiten alle Strapazen vergessen. «Auch wenn man einen noch so stressigen Tag hatte, sobald man auf dem Pferd sitzt, ist man als Reiter konzentriert. Es gibt einem wirklich sehr viel», sagt Simona Aeberhard. Ein Zuckerschlecken ist das Ganze trotzdem nicht. Während andere Sportler sich auf sich selbst fokussieren können, so braucht auch das Pferd, das eben kein mechanisches Sportgerät ist, viel Aufmerksamkeit. Um die 26 Stunden verschlingt ihr Hobby pro Woche, die Turnier-Teilnahmen nicht mit einberechnet.

Erfolge als Verdienst der ganzen Familie

Vier- bis fünfmal die Woche trainieren beide in Balm bei Günsberg mit dem Trainerehepaar Christian und Birgit Wientzek-Pläge. Beide sind vollständig berufstätig, Simona Aeberhard als Anwältin, ihre Schwester als Apothekerin im familieneigenen Geschäft. Dass sich die «Amateurinnen» doch in der Elite-Welt behaupten können, liegt nicht nur an ihrem Talent, sondern auch an der Unterstützung ihrer Eltern.

Mehrmals betonen die Geschwister, wie dankbar sie dafür sind. Denn obwohl beide Elternteile zuvor nichts mit dem Pferdesport am Hut hatten, springen sie immer wieder ein. «Unsere Eltern nehmen uns viel ab, ohne sie würde das Ganze nicht funktionieren», sagt Simona Aeberhard. Die Erfolge der Geschwister sind somit ein Verdienst der ganzen Familie.

Es mag erstaunen: Konkurrenzkampf herrscht gerade deswegen nicht. «Der Reitsport ist mit so viel Aufwand verbunden, wir wissen beide, was es braucht, um mithalten zu können», sagt Simona Aeberhard. Lieber unterstützten sich die Schwestern gegenseitig. Zurzeit bestreitet Carla Aeberhard die Qualifikationsturniere für die Europameisterschaften im August in Rotterdam. An fast allen Turnieren ist auch Simona Aeberhard vor Ort.

Der grosse Traum der beiden ist eine Teilnahme an den Olympischen Spielen. Obwohl sie überrascht sind, es überhaupt so weit geschafft zu haben. Carla Aeberhard zeigt sich dankbar: «Diese Auszeichnung hat uns schon sehr gefreut. Ich glaube, es gab zuvor kein Schwesternpaar, welches das goldene Reitabzeichen gleichzeitig erreicht hat. Auch dass wir die Pferde dazu haben, ist nicht selbstverständlich.»

So verlaufen die Wege der beiden Schwestern zwar nicht immer parallel – doch durch das Erreichen dieser Auszeichnung haben sie sich nun eine gemeinsame Erinnerung geschaffen.

Larissa Gassmann