Fussball

Dany Ryser: «Plötzlich fühlten wir uns unbesiegbar»

Dany Ryser coachte die Schweiz 2009 zum Weltmeistertitel.

Dany Ryser coachte die Schweiz 2009 zum Weltmeistertitel.

Am Samstag vor fünf Jahren wurde die Schweiz in Nigeria sensationell U17-Weltmeister – Trainer Dany Ryser (57) erinnert sich.

Ist ein Schweizer WM-Titel im Fussball einmalig?

Dany Ryser: Ich sage immer und mit Absicht: aussergewöhnlich. Aber nicht einmalig. Ich bin überzeugt, in einer guten Konstellation ist für eine Schweizer Auswahl alles möglich. Vor dem U17-Turnier in Nigeria wurden wir in der Favoritenrangliste auf Rang 23 von 24 geführt. Die Wettquote betrug 1:100. Und überall hiess es: Nach drei Spielen fahren die wieder nach Hause.

Und dann wird die Schweiz Weltmeister. Was löst das 5-Jahre-Jubiläum bei Ihnen aus?

Viele Emotionen und Erinnerungen. Dieser Titel bleibt. Für alle. Ein Leben lang.

Wann merkten Sie: Mit diesem Team ist alles möglich?

Nach dem dritten Gruppenspiel spürten alle: Wer Brasilien mit Neymar schlägt, kann jeden besiegen. Die Konstellation war speziell, denn wir wussten im Vorfeld: Schlagen wir Brasilien und werden Gruppenerster, dann wartet im Achtelfinal Deutschland, damals Europameister und Topfavorit. Hätten wir verloren, wären wir auf Neuseeland getroffen. Einen Moment begannen wir zu überlegen. Schliesslich sagte ich aber: Nein, wir spielen mit den Besten, voll auf Sieg und wollen vom Schub profitieren. So kam es. Und plötzlich fühlten wir uns unbesiegbar.

In der deutschen Mannschaft war ein gewisser Mario Götze dabei. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Götze in diesem Sommer den WM-Final entschied?

Zuerst dachte ich: Gegen uns traf er auch – aber das Siegtor fiel auf der richtigen Seite, für uns! Er musste damals eine grosse Enttäuschung verarbeiten, wuchs daran und durfte nun diesen Höhepunkt erleben. Vielleicht löst das auch beim einen oder anderen meiner ehemaligen Jungs etwas aus im Sinne von: «Hey, damals haben wir den Götze besiegt, es ist möglich, noch etwas Grösseres zu erreichen!»

Welche Herausforderung während der fünf Turnier-Wochen war entscheidend?

Vielleicht waren wir nicht die individuell beste Mannschaft. Aber wir konnten uns auf die speziellen Bedingungen am besten einstellen. Wenn die Fahrt vom Hotel bis zum Trainingsplatz 20 Minuten dauern sollte, verlängerte sie sich bisweilen bis zu dreieinhalb Stunden. Wir sagten uns: Dann ist eben Verkehrschaos, wir nehmen das Spektakel an. Die Deutschen hatten vor dem Achtelfinal das gleiche Hotel wie wir. Schon wenn ich mit einigen von ihnen im gleichen Lift war, merkte ich: Die nörgeln immer. Wir nervten uns nie. Das war unsere grösste Stärke. Vor allem vor dem Final.

Warum?

Während des Turniers jubelten uns die Leute aus Nigeria immer zu. Wir waren auch ihre Lieblinge. Als aber klar wurde, dass es im Final zum Direktduell kommt, mehrten sich plötzlich die Zufälle (lacht).

Erzählen Sie!

Beide Teams mussten für den Final von Lagos nach Abuja fliegen. Die Nigerianer kommen zum Flughafen, hopp, hopp, hopp – und weg sind sie. Wir kommen, warten zweieinhalb Stunden in einem Raum bei 35 Grad. Als wir endlich das Flugzeug besteigen, merke ich: Das Gepäck steht mitten auf dem Rollfeld. Nach zehn Minuten kommt ein Arbeiter, entschuldigt sich, «wir müssen leider gerade einen anderen Flieger beladen, very sorry!»›. Schliesslich muss der Pilot direkt Arbeiter engagieren und bar bezahlen, damit sie das Gepäck einladen und wir nach 4½ Stunden losfliegen können!

Wie reagierte das Team darauf?

Ich dachte mir schon: «Wenn das nur gut kommt ...» Aber unser Captain beruhigte mich. Er kam lachend zu mir, sagte: «Trainer, keine Sorge, die können den Final nicht ohne uns anfangen.» Da merkte ich: Es kommt gut!

Ist ein Tor wie jenes an der WM gegen Ecuador von Seferovic auf Pass von Rodriguez immer noch speziell für Sie?

Natürlich! Es ist für mich schon eine riesige Genugtuung, wenn ein ehemaliger Spieler von mir für das A-Nationalteam aufgeboten wird. Und wenn man sich dann bei so einem Tor nochmals daran erinnert, wie häufig wir früher insistierten mit: «Erster Pfosten! Erster Pfosten! Immer einer auf den ersten Pfosten!» ...

... das hat Seferovic mustergültig verinnerlicht.

Ich sage jetzt sicher nicht, er hat es wegen mir getan (lacht). Aber klar, das sind Momente, die tun extrem gut.

Einige Ihrer ehemaliger Spieler wie Granit Xhaka oder Ricardo Rodriguez taugen als Musterbeispiel für Karriereplanung. Andere wie Torhüter Benjamin Siegrist oder Captain Frédéric Veseli haben den Durchbruch nicht geschafft. Was haben sie falsch gemacht?

Sie gingen früh ins Ausland. Das konnte ich zu diesem Zeitpunkt verstehen. In der Schweiz haben sich beispielsweise alle Vereine auf Nassim Ben Khalifa gestürzt, Veseli blieb aussen vor. Aber nach einer gewissen Zeit, als die Spieler merkten, dass die Chancen auf Einsätze im ersten Team unwahrscheinlich sind, hätten sie einen Schritt zurück machen müssen, vielleicht wieder in die Schweiz wechseln, um der Karriere neuen Schub zu verleihen. Diese Einsicht hat gefehlt.

Die Schweiz ist bekannt für ihre gute Ausbildungs-Arbeit. Hätte England mit einem vergleichbaren Jugend-Konzept weniger Sorgen im Nationalteam?

Das ist schwierig zu sagen, weil ich den englischen Fussball aus der Ferne nicht gut einschätzen kann. Klar ist: Die Schweiz hat nur eine Chance gegen die Grossen, wenn wir besser arbeiten als sie. Nur dann, wenn wir die Kräfte bündeln. Nur dann, wenn sich Tessiner, Westschweizer und Deutschschweizer an der gleichen Spielphilosophie orientieren. Und nur dann, wenn nicht jeder dem anderen sagt: Ich weiss es besser als du. Das muss unbedingt so bleiben! Einige Konzepte waren europaweit einzigartig. Solche Errungenschaften dürfen wir nicht gefährden.

Die Arbeit mit Jungen hat zur Folge, dass Sie im Mittelpunkt stehen. Ein Privileg oder schade?

Im Erfolgsfall natürlich schade (lacht). Ich bin nicht einer, der das Scheinwerferlicht sucht. Und im Misserfolg war ich manchmal froh, zu wissen, dass nach zwei Niederlagen nicht alles infrage gestellt wird. Es ist auch schön, Ideen über einen gewissen Zeitraum verfolgen zu können.

Etwas böse ausgedrückt könnte man sagen: Trainer beim Verband sind die Beamten des Fussballs.

Es gibt ja auch den Ausdruck der «geschützten Werkstatt». Aber wenn ich jetzt auf meine 17 Jahre beim Verband schaue, dann haben wir uns die Ruhe mit hervorragenden Leistungen verdient. Wenn wir langfristig keinen Erfolg hätten oder unsere Konzepte nicht umsetzen würden, könnten wir nie so in Ruhe arbeiten. Als ich zum Verband nach Bern kam, da schrie auch niemand: «Wow, der Ryser kommt! Super, jetzt wird alles gut!» Im Gegenteil. Da wurde sehr kritisch geschaut.

Nach dem WM-Titel dachten viele: Auch Sie vergolden jetzt Ihre Karriere. Warum blieben Sie stets im Junioren-Bereich?

Weil mir meine Arbeit stets gefiel. Der Verband bemühte sich nach dem Titel stark um mich. Ich hatte keinen Grund, dieses Umfeld übereilig zu verlassen. Ich wäre schon interessiert gewesen, bei einem Verein zu arbeiten, der ein Konzept mit jungen Spielern verfolgt, diese in der ersten Mannschaft einbauen und dann einmal verkaufen möchte. Aber so ein Angebot ist nie gekommen. Ich hatte aber einige Anfragen aus dem Ausland, wo ich ab und zu ins Überlegen kam, zum Beispiel aus Asien.

Sie gehen im Sommer in Pension – warum?

Pension ist etwas übertrieben. Ich habe mich aber entschieden, dass nach 18 Jahren beim Verband langsam eine Erneuerung kommen sollte. Ich konnte so viel Erfahrung und Wissen sammeln, das werde ich sicher wieder in irgendeiner Form weitergeben.

Wenn also ein Verein mit einem Jugend-Konzept plötzlich einmal denkt: «Der Dany Ryser wäre doch der geeignete Mann dafür …»

… dann würde es mich freuen, wenn ich angesprochen werde (lacht).

Ausschliessen würden Sie nichts?

Ich habe eines gelernt im Fussball: Sag niemals nie. Das Reizvolle an einem Super-League-Job wäre gewiss, zu sehen, ob meine Ideen nicht nur zu einem Weltmeistertitel, sondern auch zu nationalem Erfolg führen könnten. Ich denke, eine Mannschaft von mir in der Super League würde in der Tendenz einige Parallelen zu Jürgen Klopps Borussia Dortmund aufweisen. Diese Art von Fussball gefällt mir.

Das ist aus den U17-Weltmeistern geworden:

Torhüter:
Benjamin Siegrist: Aston Villa U21, ohne Einsatzchancen in der Premier League. Immer wieder ausgeliehen.
Joel Kiassumbua: Erkämpfte sich beim FC Wohlen die Nummer 1.
Raphael Spiegel: Bei GC ohne Durchbruch. Nun bei West Ham in der U21 – ohne Chancen auf die Premier League.

Verteidiger:
Bruno Martignoni: Ergänzungsspieler beim FC Aarau.
Ricardo Rodriguez: Unbestritten beim Vfl Wolfsburg. Top-Transfer steht bevor.
Frédéric Veseli (C): Bei Manchester City ohne Chance. Aktuell Ersatz beim englischen Drittligisten Port Vale.
Charyl Chappuis: In Thailand beim FC Suphanburi. Mittlerweile auch in der thailändischen Nationalmannschaft.
André Goncalves: FC Schaffhausen. Erlitt im Sommer eine Thrombose.
Sead Hajrovic: FC Winterthur. Entscheid für Nationalteam von Bosnien-Herzegowina.
Robin Vecchi: Ist in diesem Sommer in die USA ausgewandert, um zu studieren. Zuvor: Black Stars Basel (1. Liga Classic).

Mittelfeldspieler:
Janick Kamber: Zu schwach für Basel, nach Lausanne-Sport nun beim FC Biel.
Granit Xhaka: Unbestritten bei Borussia Mönchengladbach und in der Nati.
Oliver Buff: Stammspieler beim FC Zürich.
Pajtim Kasami: Stammspieler bei Olympiakos Piräus.
Kofi Nimeley: Nach der U21 in Basel nun beim FC Locarno (1. Liga Promotion).
Matteo Tosetti: Mehrmals ausgeliehen. Jetzt Stammspieler beim FC Lugano.

Stürmer:
Nassim Ben Khalifa: Versuchte sein Glück bei zahlreichen Klubs, landete letztlich wieder bei den Grasshoppers.
Haris Seferovic: Unbestrittener Stammspieler bei Eintracht Frankfurt.
Roman Buess: Stammspieler beim FC Wohlen.
Igor Mijatovic: Neuanfang bei der AC Bellinzona (2. Liga regional).
Maik Nakic: Spielt beim FC Monthey in der 1. Liga Classic.

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