Was verbinden Leute mit China? Reisfelder, die Chinesische Mauer, Drachen? Vielleicht sogar Tischtennis? Aber Eishockey? Wohl eher nicht. Das Land des Lächelns mag in vielen Bereichen fortgeschritten sein, aber eines ist sicher: Eine Eishockeynation ist China nicht. Noch nicht?

Es ist Mittwochmorgen und in der Eishalle in Zuchwil herrscht schon reger Betrieb. Eine Auswahl chinesischer Eishockeyspieler lauscht Köbi Köllikers Erläuterungen zum heutigen Plan für das Training. Nach wenigen Sätzen beendet Kölliker seine Ansprache, die meisten haben verstanden und machen sich an ihre Plätze, einer fragt noch mal nach. Kölliker erklärt erneut.

Zwischen Magglingen und Zuchwil

Was hier vor sich geht, ist Teil eines Förderprojekts des chinesischen Staats. Dieser hat 46 Eishockeyspieler im Alter zwischen 18 und 22 Jahren für ein halbes Jahr in die Schweiz entsandt. Das grosse Ziel: die Spieler fitzumachen für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Sie leben in Magglingen und trainieren in Zuchwil. Sechs Tage die Woche pendeln sie mit einem Reisebus zwischen den beiden Ortschaften. Wöchentlich stehen bis zu 10 Trainings an.

Ihr Trainer in der Schweiz ist Köbi Kölliker, ehemaliger Sportchef des EHC Olten und Ex-Trainer der SCL Tigers sowie der deutschen Nationalmannschaft. Er wurde auserkoren, die chinesische Delegation der Teilnahme an Olympia ein Stück näher zu bringen. Eine reizvolle Aufgabe für ihn: «Das ist für mich selbstverständlich, den jungen Spielern zu helfen. Es hat mich gereizt, mit diesen ausländischen Teenagern zu arbeiten. Vor allem für so ein Projekt. Das ist schon eine grosse Sache.»

Die grossen Pläne Chinas

Dass das Projekt eine grosse Sache ist, zeigen die Zielsetzungen. Denn China meint es ernst mit Eishockey. Anlässlich der Olympischen Spiele in Peking will Staatschef Xi Jinping 300 Millionen Chinesen zum Wintersport animieren. Der Eishockeyverbandschef Cao Weidong rechnet mittelfristig gar mit drei Millionen chinesischen Eishockeyspielern. Kleine Randnotiz: Momentan gibt es in China 548 lizenzierte, männliche, erwachsene Eishockeyspieler.

Das sind grosse Pläne, die die Nation verfolgt. Doch sind sie realistisch? Mit dem Können der entsandten Spieler lasse sich jedenfalls gut arbeiten, sagt Kölliker: «Das Niveau ist sehr hoch. Es hat einige wirklich gute Spieler darunter.» Hier redet er vom A-Team, von richtigen Eishockeyspielern. China hat aber noch ein zweites Team entsandt: das B-Team. Es besteht aus Quereinsteigern, die vom Feld- oder Rollhockey kommen. Für sie ist jetzt schon klar: Mit den Olympischen Spielen wird das nichts. Doch das ist auch nicht das Ziel. Von ihnen erhofft sich der chinesische Staat, dass sie in der Heimat beginnen, Eishockey zu spielen und den Sport in China mit vorantreiben.

Kommunikation als grösste Herausforderung

Bis zum professionellen Eishockeyspieler ist es noch ein langer Weg. Beide Teams bekunden noch Mühe mit gewissen Gepflogenheiten des Sportlerdaseins, sagt Kölliker: «Eine richtige Teamorganisation mit Masseuren, Materialwärtern und so weiter, das kennen sie nicht. Sie wissen auch nicht, dass man eine halbe Stunde vor dem Training nicht noch essen sollte oder wie man ein wenig auf die Ernährung achtet. Es sind die kleinen Sachen. Da haben sie Aufholbedarf.»

Auch Kölliker hat heute im Training seine Probleme. Normalerweise werden die Teams von einer Dolmetscherin begleitet. An diesem Morgen ist sie nicht hier. Kölliker muss selbst zurechtkommen. Das scheint nicht einfach. Oftmals muss er sich wiederholen oder eine Übung mehrmals zeigen, weil die Spieler sie nicht verstanden haben: «Die Kommunikation ist die grösste Herausforderung. Vor allem dem B-Team muss man alles dreimal sagen und vorzeigen, weil sie die Hockeysprache nicht kennen», sagt er.

«Für einige ist Peking 2022 realistisch»

Das A-Team hingegen, versteht Eishockey – und hat Potenzial, sagt Kölliker: «Für einige davon ist Peking 2022 sicherlich realistisch.» Auf dem Eis zu gleiten und mit dem Stock zu hantieren, müsse man dem A-Team nicht mehr beibringen, bei ihnen fehle etwas anderes: «Sie sind sehr willig. Das ist ihr grösstes Problem. Denn sie rennen einfach rum. Sie haben noch kein taktisches Verständnis.»

Das soll sich im nächsten halben Jahr ändern. «Wenn sie in einem halben Jahr so weit sind, dass sie ein System verstehen und darin spielen können, dann bin ich zufrieden. Ich würde mich freuen, den einen oder anderen an den Spielen in Peking zu sehen», sagt Kölliker.

China und Eishockey. Die Pläne sind riesig, der Weg ist lang. Die Bemühungen sind gross – aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis Leute China hören und an Eishockey denken.