Sieben 13-jährige Knaben schnüren die Nagelschuhe, begeben sich an die Startlinie und machen sich bereit für den Tiefstart. Der achte steht mit normalen Turnschuhen auf der Linie – und lässt mit einem rasanten Sprint alle hinter sich. Diese filmreife Szene spielt sich nicht in der Karibik oder irgendwo in Afrika ab, sondern vor vier Jahren im altehrwürdigen Zürcher Letzigrund. Und wäre es ein Hollywoodstreifen, dann käme jetzt der harte Schnitt und die nächste Szene würde Timo Castrini bei seinem Rennen an den Olympischen Spielen zeigen.

Ohne Technik der Schnellste

Alles begann mit dem Turnverein Bettlach, welcher 2014 einen Sporttag im Rahmen des UBS Kids Cup durchführte. Timo Castrini qualifizierte sich auf Anhieb für den Kantonalfinal und dort auch gleich für den Schweizer Final. «Als einziger mit Hochstart und normalen Turnschuhen war ich ohne spezielle Trainings der Schnellste meines Jahrgangs im Sprint über 60 Meter. Erst da merkte ich, dass ich Talent habe und dass ich als Sprinter vielleicht etwas erreichen könnte», blickt Timo Castrini auf diesen Tag zurück. «Bis dahin hatte ich beim TC Grenchen Tennis gespielt und war recht gut.»

Also trat er in die Leichtathletikgruppe des Turnvereins Bettlach ein und lernte die Grundlagen der Lauftechnik. Mit durchschlagendem Erfolg: Als 15-Jähriger wurde er zunächst über 60 Meter in der Halle und wenige Monate später über 80 Meter Schweizer Meister im Freien. «Ich erhielt einen Platz in den Schweizer Kaderstrukturen und wechselte in die Sportklasse der Kanti Solothurn. Seither setze ich ganz auf die Leichtathletik. Mit dem Tennis habe ich aufgehört.»

Mittlerweile trainiert Timo Castrini bereits das zweite Jahr bei Hans Kappeler mit dem TV Länggasse in Bern. «Das erste Jahr musste ich ziemlich unten durch, aber darauf hatte mich Hans Kappeler mental vorbereitet. Ich wusste, dass ich zunächst die Technik richtig lernen musste. Die Belastung war sehr gross und mein Körper machte nicht recht mit. Ich war oft müde.» Die harte Arbeit habe sich bezahlt gemacht: «Seit diesem Frühling fühle ich mich richtig gut in Form. Ich konnte mich für die U18-Europameisterschaft in Ungarn qualifizieren und stiess dort bis in den Halbfinal vor. Ich lief 11.05 und das reichte mit etwas Glück für einen Startplatz an den Olympischen Jugendspielen in Argentinien.»

Argentinien als Schlüsselerlebnis

So durfte Timo Castrini am 2. Oktober mit der Schweizer Olympiadelegation nach Buenos Aires fliegen. «Es war sehr beeindruckend», fasst der 17-jährige Sprinter das Erlebnis kurz zusammen. «Die Olympischen Jugend-Sommerspiele werden vom IOC genauso durchgeführt wie die richtigen Olympischen Spiele. In Buenos Aires wurde zum ersten Mal eine Eröffnungsfeier auf einem öffentlichen Platz durchgeführt. Als wir einliefen, waren 200'000 Menschen da. Das Feuer, die Flaggen und die Lichtshow auf dem Platz mit dem grossen Obelisken, alles war genauso, wie man sich das erträumt.»

Mit seinen Leistungen an den Jugendspielen in Argentinien ist Timo Castrini zufrieden. «Beim ersten Lauf waren die Bedingungen garstig. Es war kalt und wir hatten 2,7 Meter Gegenwind. So gesehen waren meine 11,58 Sekunden ganz passabel. Drei Tage später waren die Verhältnisse ideal. Bei warmem und schönem Wetter und Rückenwind lief ich die 100 Meter in 10.97 Sekunden. Das ist nur drei Hundertstel langsamer als meine persönliche Bestzeit.» Am Ende reichten diese Zeiten für den 26. Schlussrang unter 38 Startern.

Der olympische Spirit sei fantastisch gewesen. «Die Stadien waren immer voll und die argentinischen Zuschauer waren begeistert. Es hatte 4000 Athletinnen und Athleten aus 150 Ländern vor Ort und es war für mich eine Ehre, die Schweiz vertreten zu dürfen. Politik war nicht wichtig, an Olympischen Spielen kommen auch Nord- und Südkorea gut miteinander aus.»

Der Plan ist geschmiedet

Diese Erlebnisse haben Timo Castrini motiviert, mit vollem Einsatz weiter zu trainieren. Im nächsten Sommer will er das Sportgymnasium in Solothurn abschliessen. «Danach möchte ich gleich den Bachelor weitermachen. Wahrscheinlich nicht im Sport, weil das mit den Erholungszeiten nicht aufgehen würde. Wenn das Studium schon aus sportlichen Aktivitäten besteht, ist es schwieriger, es mit den Leichtathletik-Trainings zu kombinieren.»

Jugend-Olympiasieger Luke Davids aus Südafrika lief eine Zeit von 10.15 Sekunden. «Das zeigt das Niveau der Weltklasse. Sieben, acht Zehntel, das sieht auf der Stoppuhr nach wenig aus, ist aber für einen Sprinter ein grosser Unterschied. Ich habe noch viel Potenzial, um schneller zu werden, aber ob es so viel sein wird, das weiss ich nicht. Es wäre cool, wenn ich 2024 oder 2028 an den Olympischen Spielen teilnehmen könnte. Vielleicht wird es mit der Staffel möglich, wenn es im Einzel nicht ganz reichen sollte.»