Interview

«Bereits Einjährige werden erfasst»: Alois Moser über die Entwicklung der Kunstturner-Vereinigung

«Bereits Einjährige werden erfasst»

Hinsichtlich der 100-jährigen Jubiläumsfeier der Kunstturner-Vereinigung des Kantons Solothurn vom Freitag wurde der Ehrenpräsidenten Alois Moser interviewt. Moser blickt auf die sportlichen Erfolge der vergangenen Jahre zurück und gibt Auskunft über die grössten Herausforderungen.

Die Kunstturner-Vereinigung des Kantons Solothurn (KVKSO) feiert heuer ihr 100-jähriges Bestehen. Im Vorfeld der Jubiläumsfeier von morgen Freitag im Turbensaal in Bellach hat diese Zeitung mit dem KVKSO-Ehrenpräsidenten Alois Moser Rück- und Ausschau gehalten.

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr ist das Präsidium der Kunstturner-Vereinigung des Kantons Solothurn vakant. Lässt das auf ein Formtief schliessen?

Alois Moser: Keinesfalls. Die Kunstturner-Vereinigung ist kerngesund. Derzeit arbeiten rund 35 Personen für die KVKSO, sei es als Funktionär, Betreuer oder Trainer. Alle Arbeiten und Verantwortlichkeiten sind gut aufgeteilt. Der Verband funktioniert so für eine kurze Zeit auch ohne Präsident gut. Es gibt zwei bis drei Kandidaten für das anspruchsvolle und zeitintensive Amt. Ich bin überzeugt, dass wir an der nächsten Generalversammlung einen Präsidenten präsentieren können.

Und wie sind die Solothurner Kunstturner sportlich in Form?

Der aktuell Beste ist Nationalkaderturner Benjamin Gischard, derzeitiger Schweizer Meister am Pferdsprung. Und an den letzten Europameisterschaften war Gischard mit einem 4. Rang am Boden sowie einem 5. Rang am Pferdsprung bester Schweizer. Zudem stellen wir in der dritthöchsten Juniorenklasse mit Timi Bühlmann den aktuellen Schweizer Meister. Dazu turnen einige hoffnungsvolle Talente, die den Sprung nach ganz oben schaffen können.

Was waren die vier grössten Highlights der letzten 25 Jahre?

2001 dominierte Dominik Däppen die Schweizer Kunstturnszene. Der sechsfache Schweizer Meister ist der einzige Solothurner der Neuzeit, welcher den Mehrkampf und die Schweizerischen Kunstturnertage gewonnen hat. 2004 und 2006 holte der Reckspezialist Christoph Schärer an seinem Paradegerät eine Medaille an den Europameisterschaften. Diese Leistung gelang an der EM 2016 in Bern ebenfalls Benjamin Gischard, welcher mit der Schweizer Mannschaft Edelmetall holte. Ein grosses Highlight waren 2006 die Realisierung und der Einzug in die neue eigene Trainingshalle (Raiffeisenhalle) im CIS in Solothurn.

Können Sie den sportlichen Erfolg in einem Medaillenspiegel ausdrücken?

In den letzten 25 Jahren holten unsere Athleten 60 Schweizer-Meister-Titel, 20 davon bei der Elite und 40 bei den Junioren. Weitere 144 Silber- und Bronzemedaillen kommen dazu. Diese Anzahl bestätigt, dass wir zu einem führenden Verband in der Schweiz gehören.

Worauf ist dieser Erfolg zurückzuführen?

1992 war der Verband mutig. Er leitete mit einer ersten Traineranstellung die Professionalisierung ein und erhöhte das Budget um ein Vielfaches. Mit der Gründung des Magnesianerklubs wurden die Finanzen dazu sichergestellt. Seither arbeiten verschiedene Profitrainer langjährig und zielstrebig mit unseren Talenten insgesamt 55 Stunden pro Woche im Training.

Wie werden in Solothurn die Kunstturn-Talente erfasst?

Die Talenterfassung hat sich verändert. Früher konnten die Kunstturner meist aus den Turnvereinen rekrutiert werden. Heute beginnt die Talentsichtung bereits beim «Krabbel-Gym», ein Spielangebot für ein- bis vierjährige Kinder, welches wir dreimal pro Woche in der Raiffeisenhalle anbieten. Anschliessend gehen die Kinder ins «Flizz-Gym» (4- bis 6-jährig) und danach ins «Kids-Gym» (7- bis 9-jährig). Die besten Talente werden dann definitiv in das Regionale Leistungszentrum aufgenommen.

Wieso werden in Solothurn nur Männer trainiert – oder anders gefragt: Hält in Solothurn nach 100 Jahren bald auch das Frauen-Kunstturnen Einzug?

Wir bedauern auch, dass das Frauen-Kunstturnen heute in Solothurn fehlt. Seit 100 Jahren fördert und fokussiert sich der Verband für das Männer-Kunstturnen. Für das Frauen-Kunstturnen war früher der Solothurnische Turnverband verantwortlich. Diese Förderung wurde vor einiger Zeit eingestellt. Die talentierten Kunstturnerinnen der Region trainieren heute im Trainingszenter in Utzenstorf. Selbstverständlich haben wir uns auch überlegt, ob wir das Frauen-Kunstturnen anbieten sollten. Wir hätten den Aufbau und die Finanzierung selber in die Hand nehmen müssen. Personell und finanziell waren wir nicht in der Lage, ein solches Projekt zu realisieren. Wir haben uns entschieden, unsere Ressourcen weiterhin auf die Männer zu setzen, um ein führender Verband im Männer-Kunstturnen in der Schweiz zu bleiben.

Das Jahresbudget der Kunstturner-Vereinigung des Kantons Solothurn beträgt über 400 000 Franken. Woher stammt das Geld?

Aus verschiedenen Quellen. Es ist wichtig, dass wir gut auf die Finanzen achten. Ausgaben gibt es nur auf Guthaben-Basis. Ursprünglich hat der Verband den Magnesianerklub (Sponsorenklub mit aktuell 120 Mitgliedern) für die Anstellungen der Trainer gegründet. Dieser leistet auch heute einen wesentlichen Anteil der Finanzen. Dazu kommen die Jahresbeiträge der Turner, die Einnahmen aus dem «Krabbel-Gym» und die Beiträge des Solothurnischen Turnverbandes, des Schweizerischen Turnverbandes (leistungsabhängig), des Kantonalen Sportfonds sowie von Jugend und Sport und des Bundes. Wir organisieren mit unseren Mitgliedern und den Eltern immer wieder auch Anlässe und Wettkämpfe, um weitere Einnahmen zu generieren.

Wie beurteilen Sie das Leistungszentrum Solothurn hinsichtlich Infrastruktur und Trainercrew im Vergleich mit den Zentren in anderen Kantonen?

Seit dem Einzug in die eigene Raiffeisenhalle verfügen wir über eine Infrastruktur, die zu den besten in unserem Land gehört. Für das Training ist unsere Halle optimal. Sie ermöglicht uns, die Sportart erfolgreich auszuüben. Bei der Trainercrew gibt es in der Schweiz drei bis vier Verbände, darunter sicher Aargau und Zürich, welche ein höheres Budget und dadurch noch bessere Möglichkeiten besitzen als wir. Da gibt es für uns noch Potenzial. Doch unser Trainerteam mit Thomas Stüdeli an der Spitze bringt eine langjährige und sehr wertvolle Erfahrung im Kunstturnen mit und arbeitet routiniert, zielorientiert und zuverlässig.

Wie hat sich das schulische Angebot für Sporttalente entwickelt – ist noch mehr zu tun?

Wir setzen uns seit vielen Jahren für gute schulische Angebote für Spitzensportler ein und bringen unsere Bedürfnisse immer wieder bei den Behörden und Schulen ein. Wir stehen aber mit dem Anliegen, dass die Kunstturner bereits früh zweiphasig sollen trainieren können, etwas alleine da. Die heutige Situation ist zufriedenstellend. Seit 2006 führt die Kantonsschule Solothurn die Sonderklassen Sport und Kultur. Mit der Sport Academy Solothurn besteht ein gutes Angebot für die Oberstufe. In der Primarstufe haben wir in Solothurn ein Angebot für die 4. bis 6. Klasse. Für Turner, welche eine Berufslehre absolvieren und zusätzlich über 20 Stunden pro Woche trainieren, muss die Lösung individuell gesucht werden. Das ist nicht immer so einfach. Hier sehen wir Verbesserungspotenzial.

Was ist die grösste Herausforderung für die Kunstturner-Vereinigung?

Die grössten Herausforderungen für uns werden sein, mittel- und langfristig die Finanzen sicherzustellen, die Talenterfassung noch zu ergänzen und die Turner nach der Karriere bei uns zu halten, damit die vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten auch in Zukunft abgedeckt werden können. So wird es möglich sein, die Selbstständigkeit wahren zu können. Der Verband ist gefordert, auch in Zukunft ein der Zeit entsprechendes Umfeld zu schaffen, damit der Erfolg erhalten bleibt.

Was sind die grössten Herausforderungen für das Kunstturnen hierzulande allgemein?

Das Kunstturnen braucht noch mehr professionelle Strukturen. Die turnerischen Anforderungen erhöhen sich laufend, das Turnen wird technisch immer schwieriger. Das System ist auf die internationale Spitze ausgerichtet. Dadurch leidet die Basis, es gibt immer weniger Standorte, die den grossen Aufwand betreiben können. Und die Breite in der Sportart wird immer schmaler. Es ist fraglich, ob dieser Weg nachhaltig ist. Wer mit 8 bis 10 Jahren nicht Aussicht auf die nationale Spitze hat, wird nicht mehr mitgetragen. Da gehen uns Turner und zukünftige Funktionäre verloren. Mit einer Amateurriege, welche die Sportart etwas weniger intensiv betreibt, versuchen wir, dies zum Teil aufzufangen. Hier muss der nationale Verband über die Bücher, damit das Kunstturnen auch in Zukunft die nötige Anerkennung in der Sportwelt hat und die heutigen Stützpunkte erfolgreich erhalten werden können.

Wenn Sie die vier F des Turnerkreuzes für das Kunstturnen interpretieren müssten, wie würden Sie diese definieren?

Die vier F stehen für die Bildung von Stärke, Kraft, Beweglichkeit und Form. Es ist die Schulung von Charakter, Eigenverantwortung, Selbstdisziplin, Standhaftigkeit, Beharrlichkeit und Mut. Kunstturner lernen Disziplin und nutzen die Zeit optimal aus. Sie erhalten einen wertvollen Schatz an Erfahrung. Daraus entstehen immer wieder starke Persönlichkeiten, welche die gesellschaftliche Entwicklung unseres Landes positiv beeinflussen.

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Autor

Beat Nützi

Beat Nützi

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