Übung macht den Meister. Das ist in der überaus trainingsintensiven Sportart des Kunstturnens besonders augenfällig. Das muss einmal mehr auch Nationalturner Benjamin Gischard schmerzlich zur Kenntnis nehmen.

Wegen einer Verletzung konnte Gischard nicht wie erwünscht trainieren und tritt an den heute beginnenden Europameisterschaften in Cluj (Rumänien) deshalb nicht im Vollbesitz seiner Kräfte an.

Erneute Verletzung vor Wettkampf

Schon wieder hat der 21-Jährige seinen rechten Fuss einbandagiert. Vor einigen Wochen stürzte er während eines Trainings rund um den World-Cup-Event in Doha vom Pauschenpferd - grundsätzlich etwas Alltägliches. Aber bei der Landung vertrat er sich den rechten Fuss, die Bänder wurden arg strapaziert - ob sie angerissen oder gezerrt sind, konnten die Ärzte nicht zweifellos sagen.

Gischard konnte deshalb in den letzten Wochen weder Boden- noch Sprungtrainings - und somit auch keine Sprints - absolvieren. «Es schmerzt noch immer. Aber heute bin ich zuversichtlich, dass ich mein Programm durchziehen kann», sagt Gischard, der nach dem Sturz zwei Tage überhaupt keine Belastung auf den Fuss verkraften konnte. Bereits kurz vor der EM in Bern im vergangenen Jahr zerrte sich Gischard den rechten Fuss.

Ausserdem plagten ihn damals Schmerzen in den Schultern. Gischard will nicht hadern und sieht das Positive, weshalb er die erneute Verletzung vor einem grossen Wettkampf erstaunlich gelassen hinnimmt: «Ich weiss damit umzugehen», sagt er lakonisch und fügt an: Ich versuche, mein Bestes zu geben und muss mich einfach auf mein Gefühl verlassen.»

Der Final ist das grosse Ziel

Es spricht an den Europameisterschaften nicht viel für den 21-jährigen Kunstturner. Gischard tritt trotzdem sowohl am Boden wie auch am Pauschenpferd sowie am Sprung an. «Ich will zeigen, dass ich die neuen Elemente beherrsche. Als grosses Hauptziel will ich in einen Final vorstossen und damit an der Spitze mitreden können», sagt er nicht ohne Selbstvertrauen.

Für seinen Erfolg muss Gischard jedoch einen Schritt zurückmachen. Für die olympischen Spiele von Rio im vergangenen Jahr hatte er noch seine beiden Sprünge angepasst, um einen höheren Schwierigkeitswert zu erlangen. Weil nun - wie immer nach Olympia - der Code de pointage zur Sicherheit der Athleten angepasst wurde, gewisse Elemente verboten oder abgestuft wurden, musste er die Sprünge vereinfachen.

Gischard an den Ringen.

Gischard an den Ringen.

Auch in der Schule gefordert

So wird er etwa bei seinem zweiten Sprung, einem Salto rückwärts, anstatt drei nur noch zweieinhalb Schrauben zeigen, weil man neu einmal mit Blick zum Gerät landen muss. Gischard verliert dadurch ein paar Zehntel in der Benotung, weshalb er im ersten Sprung eine halbe Schraube eingebaut hat.

«Ich konnte die Umstellung gut meistern», so Gischard, der trotz seiner schwierigen Situation nicht hadern will. Viel Zeit dazu hat er ohnehin nicht. Im Frühsommer schliesst er die Matur ab und ist dadurch auch nebst den Trainingseinsätzen stark gefordert.

«Während die anderen sich beim Fernsehen amüsieren oder Spiele machen, studiere ich meine Lernbücher. Es gibt Schöneres», sagt er und lacht. Ein erfolgreicher EM-Einsatz wäre in vielerlei Hinsicht eine willkommene Motivationsspritze.