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«Barts» der Versteher – wie Oltens neuer Headcoach ins Profieishockey fand

Die Zeit drängt: Vier Spiele und knapp drei Wochen bleiben dem neuen EHCO-Headcoach Chris Bartolone um die Mannschaft fit für den Ausscheidungskampf zu machen. Wer ist der Mann, der die Oltner in Playoff-Form bringen soll?

Yann Schlegel
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Der neue Chef an der EHCO-Bande: Chris Bartolone.

Der neue Chef an der EHCO-Bande: Chris Bartolone.

Bruno Kissling

Die gelbe Trinkflasche mit der Aufschrift «Barts» steht von den andern ihrer Art separiert auf der Sitzbank. Noch ist das Eis unversehrt. Chris Bartolone öffnet die Garderobentür und betritt das Kleinholz-Eis ein erstes Mal als Chef im Hause.

Sein Freund Bengt-Åke Gustafsson – eben erst noch Bartolones Vorgesetzter – schaut zu. «Es ist nie einfach, wenn dein Freund entlassen wird», sagt der Italoamerikaner rund drei Stunden später im Stadionrestaurant. «Es ging alles sehr schnell.» Und: «Ich bin glücklich, dass der Klub mir sein Vertrauen schenkt.»

Das harte Eishockey-Business hat in Olten zum dritten Mal binnen drei Jahren zugeschlagen. Weil die Resultate nicht genügen, stellte der Klub den Cheftrainer jeweils vor Saisonende frei. Im Frühjahr 2018 soll es Chris Bartolone für den EHCO richten, ihn zu erfolgreichen Playoffs führen. Am späten Samstagabend fragte die Klubleitung den damaligen Assistenztrainer im Stadion: «Bist du bereit, die Verantwortung zu übernehmen?» Er zögert nicht.

Der harte, loyale Arbeiter

Sonntagnachmittag nahm Chris Bartolone die Arbeit als neuer Headcoach auf. Den gesamten Montag verbrachte er im Büro, führte Notizen, analysierte, bereitete Dinge vor. Er habe sich sehr glücklich geschätzt, zwei Tage in Ruhe für sich zu haben. Seine ersten beiden Arbeitstage als Headcoach verkörpern wohl, weshalb die Klubführung dem Italoamerikaner das Vertrauen schenkte. Der Betroffene selbst sagt dazu: «Ich klopfe mir nicht gerne selbst auf die Schulter.» Er sei ein harter, ehrlicher Arbeiter. «An meiner täglichen Arbeit ändert sich gar nicht so viel.

Erstes Training EHCO unter Chris Bartolone. Chris Bartolone

Erstes Training EHCO unter Chris Bartolone. Chris Bartolone

Bruno Kissling

Denn ‹Gus› schenkte mir bereits viel Vertrauen, erzählte mir viel», sagt der 48-Jährige zunächst. Doch seine Rolle werde sich in der neuen Funktion ändern. «Nun muss ich die Zügel straffen. Es liegt an mir, die Regeln festlegen.» Zuvor als Assistent sei er den Spielern der nette Freund von nebenan und erster Motivator gewesen. – Jetzt könne er nicht mehr einfach nur der positive Typ sein.

Die Zeit drängt. Vier Spiele bleiben Chris Bartolone. Dann sollen die Oltner für die Playoffs bereit sein. Doch er sei ein «big believer in believing», sagt er, als er zwei Stunden nach Trainingsschluss zum Gespräch erscheint. Nervös werde er ob dem neuen Druck, der auf ihm lastet, nicht. «Ich bin fokussiert. Wir müssen uns nicht ums Negative um uns herum kümmern», sagt Bartolone in seiner kontrollierten Art. «Aber wenn Sie mich fragen, ob ich in der Nacht auf Montag gut geschlafen habe, ist die Antwort: ‹Nein›». In ihm drin bewege sich dieser Tage vieles. Und doch fülle Eishockey letztlich seit er siebenjährig ist, seinen Lebensinhalt.

Die Pucks müssen wieder Richtung Norden gehen, sagt er und meint damit das Oltner Offensivspiel. In der Defensive wolle er eine Fünf-Mann-Einheit. Am ersten Tag mit der Mannschaft führte Bartolone bereits lange Gespräche mit den verschiedenen Blöcken. Vereinzelt auch mit Spielern persönlich. Chris Bartolone hat das Privileg, dies in vier Sprachen tun zu können. So war er schon unter Gustafsson der Brückenbauer zu sämtlichen vier «Sprachfraktionen», da er Englisch, Italienisch, Französisch und Deutsch beherrscht.

Zurück in die «Heimat»

Vor 18 Jahren kehrte Chris Bartolone als 20-Jähriger auf jenen Kontinent zurück, von dem er abstammt. Einst hatten seine Grosseltern Sizilien hinter sich gelassen und waren mit dem Schiff nach New York und von dort nach Detroit emigriert. So wuchs Vater Bartolone mit neun Geschwistern in den USA auf, ehe er in Clinton Township, Michigan selbst eine Familie mit drei Söhnen gründete. Die italienische Kultur mit Spaghetti-Festen am Sonntag bleibt bei Chris Bartolone bis heute haften und habe ihm eine italienische Identität gegeben.

Als Junge wollte Chris das tun, was seine älteren Brüder taten: Eishockey spielen. Eines Tages fragte ihn sein Agent aus Montreal, ob er sich den italienischen Pass beschaffen könne. «Wieso?», fragte Bartolone. «In Italien spielen sie doch nur Fussball.» Heute lacht er über die Episode. Der 1.80 Meter grosse Verteidiger begann 1991 seine Profi-Karriere bei den Torino Bulls in der italienischen Liga. Die italienische Sprache hatte er im Elternhaus nicht gelernt.

Abschiedsworte von Bengt-Ake Gustafsson. Erstes Training des EHCO mit dem neuen Cheftrainer und bisherigen Assistenten Chris Bartolone; der am Wochenende per sofort freigestellte Trainer Bengt-Ake Gustafsson verabschiedete sich vor dem Training mit wenigen Worten von der Mannschaft.

Abschiedsworte von Bengt-Ake Gustafsson. Erstes Training des EHCO mit dem neuen Cheftrainer und bisherigen Assistenten Chris Bartolone; der am Wochenende per sofort freigestellte Trainer Bengt-Ake Gustafsson verabschiedete sich vor dem Training mit wenigen Worten von der Mannschaft.

Bruno Kissling

Mit der in Milano gefundenen Liebe holte er dies im Nu nach. Es folgten acht Jahre in der DEL, neun WM-Teilnahmen mit Italien. In Nagano war Bartolone an den Olympischen Spielen dabei.

Zum Wohle seiner Familie kehrte Bartolone 2006 in die USA zurück, wo er seine letzten Jahre als Spieler in Arizona verbrachte und sich zum Trainer ausbilden liess. Zehn Jahre später fand er als Assistenztrainer beim EHC Olten Unterschlupf. Die Familie blieb zurück in den USA. «Es ist ein hartes Leben, das ich aber liebe», sagt Bartolone.

Der Trainerjob sei zu wenig stabil und eine Familie brauche Sicherheit. Desto erfolgreicher Bartolone als Headcoach wirkt, umso später wird er seine Familie sehen. «Meine Töchter sind sehr unterstützend», sagt er. Statt ihn zur Rückkehr in die Heimat Michigan zu drängen, sagen sie ihm: «Don’t give up your dream.»

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