Hug stellte sich nach der WM 2015 in Falun die Sinnfrage, weil er im Sport stagnierte, ihm die Motivation fehlte und er sich intellektuell im Leben nicht ausgelastet fühlte. Ein Studium in erneuerbaren Energien und Umwelttechnik brachte die gewünschte Herausforderung und einen Kick auch als Athlet.

Seither ist Hug so gut wie noch nie, stellt seit zwei Jahren sportlich zum Beispiel auch den vierfachen Olympiasieger Simon Ammann deutlich in den Schatten. Und doch katapultiert er sich als Schweizer Einzelmaske in dieser Ur-Disziplin des nordischen Skisports mit seinen Leistungen kaum je ins Scheinwerferlicht. Wer Nordische Kombination im TV verfolgt, der sieht in erster Linie deutsche Athleten.

Aggressivere Sprünge

Um künftig nicht mehr mit Höflichkeitsabstand ausser Reichweite der Kameras hinter den Medaillenanwärtern zu folgen, braucht es einen nächsten Schritt. Neu erfinden kann sich Tim Hug für seine neunte Weltcupsaison nicht. Also blieb nur der Blick zum Material.

Kann sich für die neue Saison nicht neu erfinden: Tim Hug

Kann sich für die neue Saison nicht neu erfinden: Tim Hug

Weil er in der Zwischenzeit beim Springen eine beachtliche Konstanz entwickelt hat, riskierte der Solothurner die Umstellung auf einen anderen Sprungski. Dieser verändert den Schwerpunkt, erlaubt aggressivere Sprünge. «Es ist ein Risiko, aber ich wollte etwas probieren», sagt Hug. «Um ganz nach vorne zu kommen, war dies notwendig.»

Er gibt zu, dass die Umstellung grösser gewesen sei als gedacht, er Zeit gebraucht habe, bis es wirklich «klick» machte. «Aber heute kann ich sagen, dass sich das Risiko gelohnt hat. Meine Sprünge fühlen sich teilweise sehr vielversprechend an.»

Zu früh für ein Fazit

Noch ist es zu früh für ein definitives Fazit, denn einerseits hat Hug vor dem Weltcupstart heute Freitag im finnischen Ruka keinen einzigen Sprung auf Schnee gemacht. Und zweitens sind seine Leistungsschwankungen mit dem neuen Setting deutlich grösser. Geht es auf, soll der neue Sprung Hug in der Nähe der Podestränge positionieren.

Mit Ausnahme von vier gemeinsamen Lagerwochen mit dem norwegischen Team, das seit letzter Saison für Hugs Skipräparation verantwortlich zeichnet, trainierte der 1.86 cm grosse Athlet alleine oder in seinem Wohnort Einsiedeln gemeinsam mit Simon Ammann und Co.

Tim Hug trainiert alleine oder in Einsiedeln mit Amman und Co.

Tim Hug trainiert alleine oder in Einsiedeln mit Amman und Co.

Hug fühlt sich sehr gut vorbereitet, konnte auf der Schanze beinahe doppelt so viele Sprünge wie im verletzungsreichen letzten Sommer bestreiten und auch beim Langlauf mehr investieren als vor seinem bislang besten Winter. «In Davos und zuletzt in Einsiedeln kam ich zu so vielen Schneekilometern wie wohl noch nie vor der Saison», sagt er.

Einzelgänger im Nirgendwo

Aber eben. Tim Hug sieht sich nicht nur punkto TV-Präsenz bisweilen verhüllt im Nirgendwo, sondern als Einzelgänger ohne Teamkollegen auch im Ungewissen bei der Frage zur Konkurrenzfähigkeit. «Ich bin selber gespannt, für was meine Form reicht», sagt er. Das Gefühl sagt ihm, dass die Top 10 in Reichweite liegen müssten.

Der Solothurner sagte nach seinem Grundsatzentscheid 2015, er werde seine Karriere bis zu den Winterspielen in Pyeongchang fortsetzen. Liegt das Rücktrittsschreiben also schon unterschrieben in der obersten Schublade. «Nein», sagt Hug, «ich fälle diese Entscheidung bewusst erst Ende Saison.

Wenn die Motivation, die Freude und die Resultate in diesem Winter stimmen, kann ich mir aber gut vorstellen, meine Karriere bis zur WM 2019 in Seefeld fortzusetzen. Das wird ein cooler Anlass, der mich reizt. Danach ist aber definitiv Schluss.»