Schwingen
Auch der Bruder des Schwingerkönig ist ein König – ein «Verletzungskönig»

Der 29-jährige Stefan Sempach steht im Schatten seines starken Bruders und hat ein extremes Verletzungspech. Doch der künftige Bankfilialenleiter kann damit problemlos umgehen. Die Verbundenheit mit Matthias ist keine Worthülse.

Michael Schenk
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Stefan Sempach hat grosses Verletzungspech.

Stefan Sempach hat grosses Verletzungspech.

VI

Des einen Freud des anderen Leid. Kein Geschwisterpaar im helvetischen Sport dürfte das derzeit so faustdick zu spüren bekommen, wie die Sempachs. Schwingerkönig Matthias glänzt von Fest zu Fest und strahlt von Gala zu Gala. Eben erst Ehrengast am Sechseläuten, versteht es der Alchenstorfer bislang blendend, mit dem neuen Ruhm und Promistatus umzugehen. «Manchmal fragt er mich sicher um Rat - aber grundsätzlich weiss er haargenau, vor allem wenn schwere Entscheidungen anstehen, was er will. Er kann sehr gut selber entscheiden. Manchmal staune ich, wie er das in all dem Rummel macht», sagt Stefan Sempach. Der 29-Jährige ist der zwei Jahre ältere Bruder des regierenden Königs.

Der Name spricht an

Betriebsökonom Stefan hat sich einst entschieden, intensiver auf die Karte Job als den Sport zu fokussieren. «Ich glaube, ich würde alles wieder genau gleich machen», sagt er. Selbst wenn Schwingen inzwischen popularitätsmässig explodiert und sehr viel Geld im Spiel ist. Ab Juni leitet der Königsbruder die Filiale der Berner Kantonalbank in Kirchberg. Vom Ruhm des Bruders profitieren will er nicht. Allein sein Name mache es ihm oft auch so einfacher, Kontakte zu knüpfen. «Ich werde oft aufs Schwingen angesprochen», sagt er. Das Eis sei meist schnell gebrochen.

Zwei sportliche Welten

Vergleicht man den sportlichen Werdegang der beiden Kraftpakete, könnte man schnell folgern, dass der ältere auf den jüngeren neidisch sein muss. Während Matthias zuletzt den Hosenlupf-Olymp erklommen hat - mit allen stattlichen finanziellen und gesellschaftlichen Annehmlichkeiten, die damit verbunden sind - scheinen es die Schicksalsgöttinen mit Stefan nicht wirklich gut zu meinen. Allein im Sägemehl wohlverstanden.
Am 15. Mai letzten Jahres riss sich der Berner am Emmentalischen das Kreuzband und verletzte sich am Meniskus. Die Saison und das Eidgenössische vor seiner Haustür in Burgdorf, auf das er sich so sehr gefreut hatte, waren futsch. «Das tat wirklich weh», erinnert sich der 20-fache Kranzgewinner. Er habe sich damals «super in Form» gefühlt - der ersehnte Eidgenössische Kranz lag quasi für ihn bereit. Und jetzt: Beim ersten Einsatz seit jenem 15. Mai 2013 ist das Kreuzband erneut gerissen. Unlängst, am Hallenschwinget in Thörigen. «Es war einfach nur eine dumme Bewegung», sagt Sempach. Dabei habe er sich fit gefühlt - auch mental. «Ich habe mit dem Comeback sogar länger gewartet, als es medizinisch nötig gewesen wäre. Auch damit ich ohne unterbewusste Schonung in den Wettkampf zurückkommen kann.» Und nun ist die Saison erneut gelaufen. Wie notabene vorher auch schon die Saison 2011, als sich an den Hüften hatte operieren lassen müssen. 2010 biss der Panzergrenadier-Oberleutnant durch, um am Eidgenössischen in Frauenfeld zu starten. Als Zwölfter fehlte ihm seinerzeit letztlich ein halber Punkt zum Eichenlaub. «Ich habe gemeint, dass es sich irgendwann auszahlt, wenn man durchbeisst und wieder aufsteht. Aber offenbar dauert das bei mir etwas länger.»

Nichts aufzuholen

Es möge so aussehen, dass er etwas beweisen wolle. «Dem ist aber nicht so», hält Stefan Sempach klipp und klar fest. Gewiss motivierten ihn die Erfolge seines Bruders, die er ja hautnah mitbekommt. «Aber da ist nichts, das ich aufholen müsste.» Allein die engsten Vertrauten von König Matthias Sempach wissen, wie enorm viel dieser dem Schwingen und seinem Königs-Traum seit Jahren untergeordnet hat. Wie extrem fokussiert und ehrgeizig er sein Ziel verfolgt hat. «Darum», sagt Stefan, «habe ich überhaupt kein Problem damit, Bruder des Königs zu sein.» Mättu habe viel mehr in den Sport investiert als er. Und: «Ich mag ihm seinen Erfolg von Herzen gönnen.» Im Falle der Sempachs ist das keine Worthülse.
Der berühmteste Alchenstorfer, Matthias Sempach, und der berühmteste Oberöscher, Stefan Sempach, sind und bleiben eng verbunden. Schliesslich war der Bruder das erste Vorbild für den König - damals, als sie noch als Kind zusammen auf der Polstergruppe geschwungen haben. Insofern ist der grosse ja auch ein bisschen Schuld am Erfolg des kleineren Bruders.