Schwimmen

Andreas Tschanz ist der höchste Schiedsrichter im Land

Andreas Tschanz und seine Erinnerungen an mehr als 20 Olympia-, Welt- und Europameisterschafseinsätze als Schiedsrichter.

Andreas Tschanz und seine Erinnerungen an mehr als 20 Olympia-, Welt- und Europameisterschafseinsätze als Schiedsrichter.

Eigentlich ist es ein Zufall, dass der Andreas Tschanz gerade bei seiner Frau und seinen drei Kindern zu Hause in Utzenstorf ist. Mehr als 200 000 Flugmeilen hat Andreas Tschanz heuer schon zurückgelegt.

«Es gibt in diesem Jahr keine Phase, während der er 14 Tage am Stück daheim sein wird», sagt seine Frau Anna. Aber eigentlich sei es immer schon gewesen, also nichts Neues, fügt der älteste Sohn Peter an. Als Verkaufsleiter bei international der Securiton für Brandmelde-Systeme düst Tschanz viel durch die ganze Welt. «Das Geschäft läuft gut», sagt er.

Wer nun jedoch denkt, dass der Mann, der beruflich so viel unterwegs ist, sich dann, wenn er denn einmal zu Hause oder in den Ferien ist, seiner Briefmarken-Sammlung widmet oder Meilen mit dem Hund im Wald sammelt, der täuscht sich. Tschanz ist der höchste Schwimm-Schiedsrichter im Land. Soeben ist er zurückgekommen von der Jugend-EM in Antwerpen.

Er ist Präsident der Schiedsrichter-Kommission, Mitglied dieses Gremiums auf europäischer Ebene (LEN) und er ist Direktionsmitglied des nationalen Verbandes. Als Richter oder Head-Schiedsrichter investiert der ehemalige Trainer des Schwimmclub Eichholz Gerlafingen zweieinhalb bis drei Wochen seiner Ferien jährilich in sein Hobby. Während dieser Zeit ist der Brandmelde-System-Manager in Sachen Wasser unterwegs.

Weltrekord, Phelps und Clinton

«Ich habe als Schiedsrichter sehr viel für meinen Einsatz zurückbekommen», sagt Tschanz. Viel hat er gesehen, viel hat er erlebt und es gibt nicht viele Schweizerinnen und Schweizer, die von sich sagen können, dass sie dreimal an Olympischen Spielen teilgenommen haben. 1996 in Atlanta stand er erstmals als Richter am olympischen Bassinrand. Der damalige US-Präsident Bill Clinton und seine Frau Hillary haben ihm die Hand geschüttelt. «Ja, sie wollten sich die Lagen-Staffel der Damen ansehen und so sind wir uns begegnet», erinnert sich Tschanz.

«Viel von den Spielen sonst hat er damals, buchstäblich erschlagen von den Eindrücken, nicht mitbekommen.» 2004 in Athen war das schon besser und Peking 2008 ist für den China-Fan der bisherige Höhepunkt seiner Karriere. «Die ganze Ambiance, die Art der Menschen, die Stimmung all das war einfach einzigartig», sagt Tschanz. Speziell sei auch der Moment gewesen, als er seinen ersten Weltrekord als Schiedsrichters erlebt habe. «Emotional halt – so nach dem Motto – ich war auch dabei», schwärmt er. Für den Weltrekord verantwortlich zeichnete damals die französische Sprintrakete Alain Bernard.

Ansatzweise hyperventiliert hat er, als er 2008 im Olympia-Vorlauf über 200 m Delfin zuständig war, die Wende von Michael Phelps. «Ich dachte nur, mach jetzt keinen Seich, Herr Phelps», so Tschanz. Und: «Ich hätte ihn, ohne zu zögern, disqualifiziert, wenn ich eine Regelwidrigkeit erkannt hätte. Aber ich bin froh, kam es nicht dazu.» Nun, jede und jeder, die oder der während der letzten 30Jahre hierzulande irgendwie ins Wettkampfschwimmen involviert war weiss, dass der «Tschanz» , dass zweifellos, gnadenlos, ohne Bonus für grosse Namen getan hätte -– Phelps hin oder her.

Traum – Olympia-Schiedsrichter

Tendenziell, erzählt Tschanz, gehe es seit einigen Jahren auch im Schwimmen ruppiger zu und her. «Es gibt immer wieder Trainer, Athleten, Betreuer und Leute aus dem Publikum, die eine Disqualifikation nicht akzeptieren können und einen Aufstand machen», sagt Tschanz.

Bis zu einem gewissen Grad könne er mit impulsiven Reaktionen umgehen. «Wenn es aber unter die Gürtellinie geht, habe ich Mühe.» Insofern wäre der Job des Fussball-Schiedsrichters nichts für den eher sensibel gestrickten Menschen, der darauf baut, dass ein Rechtssystem dazu da ist, um umgesetzt zu werden. «Schiedsrichter sind heute zunehmend Konfliktmanager», sagt Tschanz. Es gelte «Übersicht zu bewahren und die Richter-Crew aufgabengerecht und vorausblickend zu führen.»

Merke: An Schwimm-Wettkämpfen gibt es einen oder zwei Schiedsrichter und, je nach dem, 30 bis 40 Richter, die für Wenden, Stil, Start und Anschlag zuständig sind. Andreas Tschanz hat praktisch das volle Programm, das ein Schwimm-Schiedsrichter auf diesem Planeten erleben kann erlebt. Einen Traum aber hat er noch: «Noch einmal bei Olympischen Spielen, und das als Schiedsrichter, dabei sein.» In London wird sich dieser Wunsch nicht erfüllen, da ist er nicht dabei. Aber wer weiss, vielleicht ist er in vier Jahren in Rio der erste Schweizer Big-Boss über die acht Bahnen

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