45 Minuten. So viel Zeit kann Curling Nationalcoach Andreas Schwaller freischaufeln für ein Interview. Mehr lässt sein Terminkalender nicht zu. Nach dem erfolgreichen Abschneiden der Schweizer Curler an den Europameisterschaften in Norwegen am vergangenen Wochenende ist Schwaller ein gefragter Mann. «Mein Telefon klingelt andauernd und ich bekomme viele Nachrichten – alle wollen etwas von mir», sagt der Recherswiler schmunzelnd. Kein Wunder: Schwaller ist als Nationalcoach an den Medaillengewinnen von Europameister Skip Sven Michel und dem drittplatzierten Team von Mirjam Ott (mit der Feldbrunnerin Carmen Küng, siehe Box) mitbeteiligt.

Andreas Schwaller, haben Sie mit den beiden Teams die Medaillengewinne ordentlich gefeiert?

Andreas Schwaller: Ja, am Samstagabend gabs eine Abschlussfeier, an der alle Nationen teilgenommen haben. Das war eine grosse Party, bei der wir die Medaillen gefeiert haben. Am Sonntag haben wir uns jedoch bereits um neun Uhr wieder getroffen. Es waren alle da und niemand musste gestützt werden, damit er aufrecht stehen konnte. (lacht)

Es wurde also nicht über die Stränge geschlagen.

Nein, überhaupt nicht. Obwohl es für einmal auch in Ordnung gewesen wäre. Man feiert ja schliesslich nicht jeden Tag so grosse Erfolge.

2006 wurden Sie als bislang letzter Schweizer Skip Europameister. Jetzt wurden sie von Sven Michel abgelöst. Überwiegt die Freude oder sind Sie auch ein wenig enttäuscht, dass Sie nicht mehr der letzte Ihrer Art sind?

Ganz ehrlich, wenn ich nicht von Journalisten darauf angesprochen worden wäre, hätte ich mir das nicht einmal überlegt. Es ist mir so was von egal, dass ich nicht mehr der letzte Europameister-Skip bin. Als Nationalcoach arbeite ich ja grundsätzlich dafür, dass ich abgelöst werde und nicht, dass die Schweizer Curler nicht gewinnen.

Wie gross ist Ihr Anteil an den beiden Medaillen?

Die Frauen waren schon sehr erfolgreich, bevor ich im Jahr 2011 Nationalcoach wurde. Daher wäre es vermessen zu sagen, dass ich einen grossen Anteil an ihrem Erfolg hätte. Aber ich glaube, dass ich bei den Männern meinen Teil beigetragen habe. Ich habe dieses Team vor zwei Jahren entdeckt und betreue die Spieler seither regelmässig. In dieser Zeit haben wir ihr Sportlerleben in allen Bereichen professionalisiert. Dazu gehören neben dem Training auf dem Eis auch die Einheiten im Kraftraum, die Ernährung, das Verhalten während einer Partie und das Auftreten als Team.

An der Europameisterschaft waren Sie ebenfalls für die Betreuung des Team Michel zuständig. Konnten Sie während der Partien Einfluss nehmen?

Coaching ist nur während des Time-outs und bei Spielhälfte erlaubt. Meine Philosophie ist aber sowieso, dass die Spieler genügend gut eingestellt sein sollten, damit sie alle Entscheide alleine fällen können. Das hat noch nicht wirklich funktioniert, aber wir arbeiten daran.

Was gehört zu Ihren Aufgaben als Nationalcoach? Mit Allan Moore gibt es ja auch noch einen Nationaltrainer.

Allan arbeitet mit den Spielern vor allem im technischen Bereich. Ich bin dagegen für Taktik, Teambildung, Konfliktlösung und die Einstellung auf die Gegner zuständig. Beim Eistraining bin ich nur selten dabei.

Wie gross ist Ihr Pensum?

Eigentlich bin ich zu 40 Prozent beim Curling Verband angestellt, arbeite jedoch 80 bis 90 Prozent. Der Grund dafür ist, dass ich fest davon überzeugt bin, dass meine Arbeit in diesem Ausmass notwendig ist, damit wir erfolgreich sein können.

Haben Sie etwas verändert, seit sie vor zwei Jahren das Amt des Nationalcoachs übernommen haben?

Ich habe wesentliche Änderungen vorgenommen. Die wichtigste ist die Einführung eines neuen, transparenten Selektionssystems für internationale Anlässe. Es gibt heute keine Willkür mehr bei der Selektion, die Athleten haben dadurch wieder Vertrauen in den Verband. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall.

Neben Ihrer Tätigkeit als Nationalcoach sind Sie als Berater in der Wirtschaft tätig. Können Sie dabei von Ihren Erfahrungen als Spitzensportler profitieren?

Ja, absolut. Für den Erfolg brauchst du Fleiss und qualitativ gute Arbeit – egal ob in der Wirtschaft oder im Sport. In beiden Bereichen ist auch die Kommunikation zentral. Daran arbeite ich mit den Kunden aus der Wirtschaft, aber auch mit den Curlern sehr intensiv. Während eines langen Turniers wie beispielsweise der EM kommt es zwangsläufig zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Teams. Diese müssen sofort angesprochen und beseitigt werden.

Das erfolgreiche Abschneiden der Schweizer an der EM ist kein Einzelfall. Seit vielen Jahren gewinnen die Schweizer Curler immer wieder Medaillen an Grossanlässen. Trotzdem ist das Publikumsinteresse bei Ligaspielen gering. Ist Curling zu wenig attraktiv?

Es ist wirklich so, dass nicht mehr Zuschauer kommen, obwohl das Niveau des Curlingsports stetig steigt. Es liegt jedoch nicht an der fehlenden Attraktivität. Das Hauptproblem ist, dass das Schweizer Fernsehen kaum einmal Curling überträgt und wir daher in der Öffentlichkeit nur alle vier Jahr an den Olympischen Spielen wahrgenommen werden - und auch nur dann, wenn wir um die Medaillen spielen.

Was unternehmen Sie dagegen?

Es ist schwierig, denn letztlich brauchen wir einfach mehr TV-Präsenz und das können wir nicht beeinflussen. Das Einzige, was ich dazu beitragen kann, ist dafür zu sorgen, dass wir weiterhin sportliche Erfolge feiern.

Wir haben zwei Vorschläge, wie man mehr Zuschauer anlocken könnte. Erster Vorschlag: Der Modus der internationalen Grossanlässe muss verkürzt werden. Es gibt zu viele Vorrundenspiele. Nur deshalb ist es möglich, dass am Ende ein Team gewinnt, das zuvor mehrmals verloren hat.

Bei uns hat es Tradition, dass jeder gegen jeden spielt. Aber es ist in der Tat speziell, denn Mirjam Ott hat vier Mal in Folge verloren und trotzdem Bronze gewonnen. Ich habe mir das ehrlich gesagt noch nie überlegt, aber es ist ein guter Punkt. Allerdings kann nur der Weltverband etwas am Modus verändern.

Zweiter Vorschlag: Männer und Frauen sollten gegeneinander antreten. Das Geschlechterduell würde mehr Zuschauer anlocken und das Duell dürfte ziemlich ausgeglichen sein, da die körperlichen Voraussetzungen nicht so stark ins Gewicht fallen.

Ein interessanter Vorschlag. Ich glaube aber, wenn die Olympiasieger-Teams der Männer und der Frauen gegeneinander antreten würden, würden die Frauen höchstens zwei Mal gewinnen würden. Die Männer haben mehr Kraft und bringen den Stein mit Wischen etwa einen Meter weiter. Das ist enorm viel. Auch im taktischen Bereich sind die Männer entscheidungsfreudiger, wohingegen die Frauen mehr abwägen und zur Sicherheitsvariante tendieren. Der Hauptunterschied liegt aber im Kopf.

Inwiefern?

Die Frauen glauben gar nicht daran, dass sie die Männer regelmässig schlagen können. Spielen sie gegen Frauen, verhalten sie sich anders. Wenn man die Spieler hinter einer Maske verstecken könnte, sähe es anders aus. Ich glaube dann würden die Frauen vier von zehn Spielen gewinnen. Die Grenze setzten sich die Spielerinnen im Kopf selbst.