Freitagabend in Biel. Vor dem Kongresshaus herrscht reger Betrieb. Pensionierte, junge Laufbegeisterte und Freizeitsportler beginnen sich für die Tour-de-Force bereit zu machen.

Zwischen einem Bissen Banane und einem Energieriegel nippen die Athleten an der Wasserflasche, trinken Cola oder ein Sportgetränk. Die Aufregung vor dem Startschuss steigt, die Warteschlange vor den Toiletten wird lang und länger.

Noch bleibt etwas Zeit für die letzten Kontrollen; die Schnürsenkel festbinden, die Stirnlampe aufsetzen, die Kompressionssocken bis zu den Knien ziehen und ein Erinnerungsfoto schiessen.

Zehnter 100-km-Lauf

Werner Friedli scherzt mit seinen Laufkollegen und ist bereit für seinen zehnten 100-km-Lauf. Am Mittag ein Teller Spaghetti, ein Nickerchen am Nachmittag und eine Portion Reis kurz nach sechs Uhr abends.

«Einfach nur mit Bouillon zubereitet», erklärt er. Begleitet wird der Solothurner von seinem Sohn Roger, der auf dem Gepäckträger des Begleitvelos ein Einkaufskörbli montiert hat: kleine Salzbretzel, Kleider zum Umziehen und ein 6-er-Pack alkoholfreies Bier.

«Er sagt, dass es ihm gut tut. Ich weiss auch nicht warum», sagt der 29-Jährige lachend. Mit der Stirnlampe in der Hüfttasche und einem Kaugummi im Mund geht Werner Friedli an den Start.

In der Abenddämmerung spornt der Speaker die Läufer an, die Stimmung ist grandios. Der Startschuss fällt. Gemeinsam mit über 3000 Teilnehmern läuft der 58-Jährige in die Nacht hinein.

In Aarberg werden die ersten Halbmarathon-Finisher lautstark empfangen, der Rest des Feldes zieht unter sternenklarem Himmel Richtung Bucheggberg weiter. Still und dunkel ist es auf der Strecke, erst im Zieleinlauf des Marathons in Oberramsern kommt wieder Leben auf.

Vater und Sohn laufen mit dem Bantiger auf der einen Seite und den Weissenstein-Lichtern auf der anderen nach Kirchberg. Die Vögel beginnen zu zwitschern, der Tag erwacht am Emmendamm. Ein letzter Anstieg in Bibern und dann noch der Aare entlang zurück ins Ziel nach Biel.

Mit Tränen in den Augen

Mit Freudentränen, einem Jubelschrei oder gemeinsam im Team überqueren die Läufer die Ziellinie. Nach elf Stunden und 24 Minuten treffen die beiden Solothurner ein.

Roger Friedli steigt vom Begleitvelo, der Finisher nimmt die Medaille entgegen. «In der Morgendämmerung zu laufen ist etwas vom schönsten. Die letzten Meter durch das Festzelt sind überwältigend», sagt Werner Friedli glücklich.

Eigentlich hätte er mit dem zehnten 100-km-Lauf das Kapitel abschliessen wollen. «Weil aber elf die Solothurner Zahl ist, ist es gut möglich, dass ich im nächsten Jahr wieder an den Start gehe», erklärt er schmunzelnd und stösst mit seinem Sohn auf das letzte alkoholfreie Bier im Einkaufskörbli an.