FC Aarau
0 Punkte, 2 zu 11 Tore, 6 Punkte Rückstand auf den Vorletzten – Aarau am Abgrund

Nach fünf Niederlagen zum Saisonstart der Challenge League brennt beim FC Aarau der Baum – die Chronologie des Absturzes.

Jakob Weber
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Nicht zum Ansehen: Sinnbildlich für die aktuelle Lage schlägt FCA-Verteidiger Leo die Hände vors Gesicht.

Nicht zum Ansehen: Sinnbildlich für die aktuelle Lage schlägt FCA-Verteidiger Leo die Hände vors Gesicht.

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Null Punkte, zwei zu elf Tore, sechs Punkte Rückstand auf den Vorletzten. Noch nie ist ein Club derart schlecht in eine Challenge-League-Saison gestartet wie der FC Aarau. Dabei waren die Voraussetzungen vielversprechend. Zehn neue Spieler verpflichtete FCA-Sportchef Sandro Burki im Sommer. Darunter erfahrene, ablösefreie Super-League-Cracks wie Marco Schneuwly, Elsad Zverotic (beide Sion) und Nicolas Schindelholz (FC Luzern). Die übrigen sieben Neuen haben den Status «hoffnungsvolle Talente». Bei Basel und YB reichte es noch nicht zum Sprung ins Profiteam, in Aarau sollten die Spieler unter dem neuen Trainer Patrick Rahmen reifen.

Die Bilanz des Grauens: fünf Spiele, null Punkte

Die bisherigen Resultate:
Aarau - Servette 0:2
Winterthur - Aarau 3:1
Aarau - Kriens 0:2
Wil - Aarau 2:0
Aarau - Chiasso 1:2
Rapperswil - Aarau: heute

Schweizer Cup 1. Runde
Amriswil (2. Liga inter) - Aarau n.V. 1:2

Die Challenge-League-Tabelle nach fünf Spieltagen:
1. Lausanne 11
2. Wil 10
3. Servette 9
4. Rapperswil 9
5. Winterthur 7
6. Schaffhausen 7
7. Kriens 6
8. Vaduz 6
9. Chiasso 6
10. Aarau 0

In der Vorbereitung schien der Plan aufzugehen. Der FCA feierte Siege, unter anderem gegen Basel (4:1), Thun (3:2) und GC (2:1). Nach Rang 6 in der vergangenen Saison schielte der FC Aarau vor dem ersten Saisonheimspiel gegen Servette auf die Aufstiegsplätze. Durch die Wiedereinführung der Barrage – für die sich übrigens FCA-Präsident Alfred Schmid in der Ligaversammlung starkgemacht hatte – könnte sogar der zweite Platz für die Rückkehr ins Oberhaus genügen. Doch es sollte alles anders kommen.

Ordentliches Startspiel

Dem noch ordentlichen Startspiel, das der FCA laut Burki «niemals hätte verlieren dürfen», folgen vier weitere Niederlagen. Gegen Winterthur ist es der ehemalige FCB-Star Davide Calla, der seine alte Liebe mit einem Doppelpack abschiesst. Gegen Aufsteiger Kriens führen 66 Prozent Ballbesitz nicht zu einem einzigen Tor. In Wil macht der Gastgeber aus drei Schüssen aufs Aarauer Gehäuse zwei Tore. Der FCA schiesst 14 Mal, jubelt aber wieder nicht. Es folgt ein peinlicher Cup-Auftritt beim Zweitligisten Amriswil, den der FC Aarau erst in der 119. Minute der Verlängerung mit 2:1 für sich entscheidet.

Doch auch der bislang einzige Saisonsieg hilft der angeknacksten Aarauer Psyche offenbar nicht. Denn der Auftritt gegen den Tabellenvorletzten Chiasso am vergangenen Wochenende im Brügglifeld ist eine Zumutung. Der Durchschnitt der Noten, mit denen die Aargauer Zeitung jeweils die Spieler bewertet, liegt nach der 1:2-Niederlage bei 2,1. Führungsspieler werden auf dem Platz vergeblich gesucht. Captain Gianluca Frontino, einer, der eigentlich vorangehen sollte, bringt «keinen Fuss vor den anderen» und erhält sogar eine 1,5.

Zur sportlichen Misere gesellen sich Verletzungen (Schneuwly, Thaler, Perrier, Rossini, Peralta) und Disziplinlosigkeiten. FCA-Spieler gingen trotz Verbots in die Badi, Stürmer Rossini wurde mit seiner Familie nach einem Wortgefecht mit der Bademeisterin sogar von der Polizei aus dem Schwimmbad in Suhr geschmissen. Vor dem wichtigen Spiel gegen Chiasso erschien Stürmer Almeida zu spät zum Mittagessen.

Es ist offensichtlich: Die momentane Mannschaft ist kein Team. Um das zu ändern, griff Patrick Rahmen in dieser Woche zu einer aussergewöhnlichen Massnahme. Am Dienstagmorgen um 4 Uhr musste die komplette Mannschaft antanzen, die Handys abgeben und im Dunkeln eine Orientierungsübung absolvieren. Das Motto: Nur zusammen kommen wir aus dieser Krise.

Fanschwund im Brügglifeld

Seit dem Abstieg aus der Super League 2015 geht es mit dem FCA stetig bergab. In der Abschlusstabelle schwinden Jahr für Jahr die Punkte, auf den Rängen die Fans. Nur noch 2192 Zuschauer wollten das Heimspiel gegen Chiasso sehen. Zu Super-League-Zeiten waren rund 5000 Fans bei den Spielen im Brügglifeld. In der vergangenen Saison, in der es sportlich schon früh um nichts mehr ging, lag der Schnitt noch bei 2621 Zuschauern.

Trotz der prekären Lage sind die Verantwortlichen beim FC Aarau zuversichtlich. Das Fernziel bleibt die Super League. Da gehört der FCA nach eigenem Selbstverständnis hin. «Ich hoffe, wir haben den Tiefpunkt erreicht», sagt Sportchef Burki. Er hat Mannschaft und Trainerteam zusammengestellt und Letzteres diese Woche mit einem neuen Stürmertrainer ergänzt: Club-Legende Petar Aleksandrov. Cheftrainer Patrick Rahmen steht nach Aussage des Sportchefs trotz Krise nicht zur Diskussion.

Ungebrochen hohe Ambitionen

Auch Rolf Fringer, der ehemalige FCA-Meistertrainer von 1993, ist sich sicher, dass Aarau die Klasse hält. «Solange man Letzter ist, muss man sich mit dem Abstieg auseinandersetzen. Eine erfolgreiche Saison wird es nicht mehr für den FC Aarau, aber für den Abstieg ist die Qualität zu gross», sagt er im Interview mit der Aargauer Zeitung.

Aus einen weiteren Grund bleibt zu hoffen, dass der FC Aarau bald die Kurve kriegt. Im Frühjahr stimmt das Volk erneut über das neuste Stadionprojekt ab. Eine schlechte Stimmung rund um den Verein wirkt sich unweigerlich auf die Abstimmung aus. Noch sind aber 31 Spiele zu spielen. Schon heute gegen Rapperswil hat der FCA die nächste Chance, endlich die ersten Punkte der Saison einzufahren und sich einen Schritt vom Abgrund zu entfernen.