Er kann es nicht lassen. Vor knapp zwei Wochen beendete der Deutsche Jens Voigt bei der USA Pro Challenge in Denver seine lange Karriere als Strassenprofi. Noch ist der Vater von sechs Kindern aber nicht endgültig aus dem Sattel gestiegen.

Bestmarke des Tschechen Sosenka

Im Gegenteil: Am 18. September – einen Tag nach seinem 43. Geburtstag – lanciert Voigt im Velodrome Suisse in Grenchen einen Angriff auf den Stundenweltrekord. Die aktuelle Bestmarke des Tschechen Ondrej Sosenka aus dem Jahr 2005 liegt bei 49,700 Kilometern.

Voigts Pläne kommen überraschend. Ursprünglich hatte dessen Teamkollege Fabian Cancellara mit einem Rekordversuch geliebäugelt. Der Olympiasieger von 2008 und vierfache Weltmeister im Zeitfahren hatte seine Pläne im Frühling aber auf Eis gelegt, nachdem der Radsport-Weltverband UCI die Regeln geändert und zeitgenössische Bahnräder, wie sie etwa in der Verfolgung verwendet werden, zugelassen hatte.

Von der Vorarbeit von Cancellara profitiert

Von den Vorarbeiten, die Cancellara und vor allem die Techniker des Ausrüsters Trek für das Projekt bereits geleistet hatten, profitiert nun vorerst Voigt. «Wir mussten nicht bei null beginnen», sagt der Deutsche, der die Ernsthaftigkeit seines Versuchs betont. «Das ist keine Zirkusnummer, sondern eine riesige Herausforderung für mich, sowohl körperlich als auch mental.» Tests im Velodrome von Roubaix vor der Dauphiné-Rundfahrt im Juni hätten gezeigt, dass der Rekord für ihn in Reichweite sei.

Nicht bei den weltbesten Zeitfahrern

«Ich sehe das als ein letztes Geschenk für meine Fans an», sagt Voigt, der dem Stundenweltrekord mit seinem Versuch zu neuem Prestige verhelfen will. «Ich mache mir keine Illusionen, einen möglichen Rekord halten zu können, wenn sich Zeitfahr-Spezialisten wie Fabian Cancellara daran versuchen», sagt er. «Aber ich mag die Idee, mit 75 meinen Grosskindern davon erzählen zu können.»

Voigt, der in Zukunft für Trek Factory Racing in einer neuen Funktion arbeiten wird, gehört nicht zu den weltbesten Zeitfahrern. Allerdings war er als Strassenprofi bekannt für seine langen Solofluchten wie zuletzt im August in Colorado, als er 700 Meter vor dem Ziel vom Feld eingeholt wurde. «Dort war ich auch eine Stunde allein unterwegs», sagt Voigt.

Cookson hofft auf neues Interesse

UCI-Präsident Brian Cookson zeigte sich erfreut über Voigts Ankündigung. «Es freut mich, dass mit Jens Voigt einer der populärsten Fahrer der letzten Jahre einen Versuch unternimmt», sagte der Brite. «Das ist genau das, was wir uns erhofft haben, als wir im Frühling die neuen Regeln festgelegt haben. Ich hoffe auch, dass damit neues Interesse am Stundenweltrekord geweckt wird.»

Die UCI hatte 2000 im Nachhinein die Stundenweltrekorde aus den Jahren 1984 bis 1996 annulliert, weil sie mit hoch technisierten Spezialrädern aufgestellt wurden, die den vor 14 Jahren angepassten Regeln nicht mehr entsprachen. Francesco Moser, Graeme Obree, Miguel Indurain, Tony Rominger und Chris Boardman hatten die Bestmarke auf dieser Weise zwischenzeitlich auf 56,375 km verbessert.

Unklar, was Cancellara unternimmt

Nach der Tilgung ihrer Resultate wurde der Rekord auf die 49,431 km von Eddy Merckx aus dem Jahr 1972 zurückgesetzt. An dieser Marke hatte sich – mit einem vergleichbaren Velo – auch Fabian Cancellara versuchen wollen. Ob der Berner mit den neuen Regeln einen Anlauf nimmt, ist noch offen.