Leandro Gerber ist nur über Facebook und Skype erreichbar. Vor zwei Wochen ist sein Handy gestohlen worden. Für den 25-Jährigen ist das kein Grund zur Sorge: «Ich kann mich auch ohne Smartphone in Südamerika durchschlagen». Schliesslich spricht Gerber nach sechs Monaten Studium in Bogota, der Hauptstadt Kolumbiens, fliessend Spanisch.

Mit dem Erlernen dieser Sprache hat er sich einen lange gehegten Wunsch erfüllt. An der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten, wo Gerber «International Management» studiert, ist es Pflicht, ein Semester im Ausland zu verbringen.

Der Aarauer nutzte diese Chance, um in eine völlig andere Kultur einzutauchen und endlich Spanisch zu lernen. Vom Juni bis Ende November studierte er an der Universidad de los Andes, eine der renommiertesten Hochschulen Südamerikas.

Gerber wollte mit diesem halben Jahr aber auch eine Auszeit nehmen. Er wollte den Kopf freibekommen von all dem Volleyball, in das er mit Volley Schönenwerd und der Nationalmannschaft so viel Zeit investierte. Er wollte nicht durch Trainings und andere Verpflichtungen eingeschränkt sein, wollte ein halbes Jahr «für sich» haben.

Gerber spielt Volleyball, seit er elf Jahre alt ist. Bei seinem Stammverein Volley Schönenwerd schaffte er 2011 den Durchbruch in der ersten Mannschaft. Danach ging es steil bergauf: In der folgenden Saison spielte er professionell Volleyball beim belgischen Club Noliko Maaseik, wurde ins Schweizer Nationalteam berufen.

Zwei Bandscheibenvorfälle brachten seine Karriere ins Stocken. Gerber musste operieren und verletzungsbedingt über ein halbes Jahr pausieren. Doch er liess sich nicht entmutigen, kämpfte sich bei Schönenwerd zurück an die Spitze.

Viele Angebote der Volleyklubs

Nun wollte der 193 Zentimeter grosse Aarauer für längere Zeit auf Abstand gehen vom durchgeplanten Volleyball-Alltag. Geschafft, die Finger ganz vom Ball zu lassen, hat er nicht. «Schon nach den ersten Wochen in Bogota habe ich gemerkt, dass mir ohne Volleyball etwas fehlt.» Dazu kam, dass Gerber für die EM-Qualifikation im September aufgeboten wurde. Obwohl die Qualifikation mitten in seinem Auslandssemester stattfand, wollte er sie sich nicht entgehen lassen.

Er war sich bewusst, dass es nicht möglich wäre mit der Nationalmannschaft zu spielen, ohne in Kolumbien zu trainieren. Dort ist Volleyball keine populäre Sportart. Doch Gerber hatte Glück: An seiner Universität gibt es eine Studentenmannschaft, vergleichbar mit einem Schweizer 1. Liga-Team.

So konnte er – trotz tieferem Niveau – dreimal pro Woche mit dem Ball zu trainieren. Daneben ging er fast täglich ins Fitnessstudio. «Körperlich bin ich so fit wie nie zuvor», sagt der frühere Kraftraum-Muffel.

Der Trainingsaufwand hat sich gelohnt: Gerber spielte eine hervorragende EM-Qualifikation. Plötzlich prasselten Anfragen der Schweizer Volleyballvereine auf ihn ein: «Alle wollten wissen, wo ich nach meiner Rückkehr aus Kolumbien spielen werde. Ich bekam viele Angebote.»

Gerber entschied sich für Volley Schönenwerd. «‹Schöni› ist so oder so meine Nummer Eins. Es ist mein Stammklub, den ich in- und auswendig kenne und liebe.» Ein Vorteil ist auch, dass Schönenwerd nicht weit von seiner WG in Aarau und der Fachhochschule in Olten ist. Nicht zuletzt stimmte auch die Entlohnung.

Den Rhythmus wiederfinden

Im November hat Gerber die Abschlussprüfungen in Bogota geschrieben – und alle bestanden. Nun reist er noch bis Ende Januar durch Südamerika. Mit Kollegen von der Universität geht es von Bolivien über Peru und Ecuador bis zurück nach Kolumbien.

Angst, durch das weniger intensive Training während der Monate fernab vom gewohnten Volleyball-Betrieb Rückschritte zu machen, hatte Leandro Gerber nie. In seiner langen Verletzungspause 2013 sammelte er Erfahrung mit Comebacks: «Ich brauche nicht viel Zeit, um wieder auf mein Level zu kommen.»

Er ist zuversichtlich, auch nach dem Auslandsemester wieder rasch seinen Rhythmus zu finden. Dann möchte Gerber mit Volley Schönenwerd sofort zuschlagen. Zuerst will er die Meisterschaft gewinnen. Dann den Cup.

Und später – wer weiss – zieht es ihn vielleicht nochmals ins Ausland. Nicht an eine Universität, sondern zu einer Spitzen-Volleyballmannschaft.