Leichtathletik
Software neu laden: Hürdensprinterin Zbären muss nach einer Verletzungsserie ihren Körper umprogrammieren

Hürdensprinterin Noemi Zbären muss nach einer Verletzungsserie ihre Muskeln und Nerven umprogrammieren. Es ist unklar, wann genau Noemi Zbären in diesem Jahr ihr erstes Rennen läuft.

Rainer Sommerhalder
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Es ist unklar, wann genau Noemi Zbären in diesem Jahr ihr erstes Rennen läuft.

Es ist unklar, wann genau Noemi Zbären in diesem Jahr ihr erstes Rennen läuft.

KEYSTONE

Sie war der Prototyp des Schweizer Leichtathletik-Talents. Die Emmentalerin Noemi Zbären feierte als Juniorin Erfolge, wo es nur ging. 2010 leuchtete ihr Stern dank einer Bronzemedaille an den Olympischen Jugendspielen in Singapur erstmals gross auf. Zwei Jahre später schaffte sie es als erst 18-Jährige bis zu Olympia der Grossen nach London.

Rückkehr in den Wettkampf-Modus: Noemi Zbären

Rückkehr in den Wettkampf-Modus: Noemi Zbären

KEYSTONE/ENNIO LEANZA

Von allen internationalen Nachwuchs-Grossanlässen (U18, U20, U23) reiste Zbären mit Edelmetall nach Hause, 2011 holte sie die erste Schweizer Medaille (Silber) an einer U18-WM überhaupt. Nicht nur über die Hürden, auch als Siebenkämpferin war sie hierzulande die Beste ihres Alters.

Einem grösseren Publikum so richtig präsent wurde die junge Frau mit den muskulären Schultern und dem durchdringenden Blick an den Weltmeisterschaften 2015 in Peking. Dort sorgte sie für das beste Schweizer Ergebnis und stürmte als Fünfte des Hürdenfinals mitten in die Weltspitze. Die Leichtathletik-Welt lag ihr zu Füssen.

Ein Kreuzbandriss mit Folgen

Knapp drei Jahre später steht die persönliche Bestzeit von 12,71 Sekunden immer noch. Seit September 2015 lief sie nie mehr unter 13 Sekunden. Im Jahr 2016 lief die Bernerin gar nicht, nachdem ein im Wintertraining beim Basketball spielen erlittener Kreuzbandriss jäh alle Olympiaträume zerstört hatte. Das Comeback in der vergangenen Saison gelang, doch beim Meeting in Bellinzona Mitte Juli rissen die Muskelfasern im rechten Oberschenkel, ein halbes Jahr später während des Trainingslagers in Südafrika jene im linken. «Ich befand mich mental in einem tiefen Tal», sagt Zbären.

Noemi Zbären kämpft gegen ihr Verletzungspech

Noemi Zbären kämpft gegen ihr Verletzungspech

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Zumindest konnte sie während diesersportlich frustrierenden Zeit ihr Studium in Immunologie und Mikrobiologie vorantreiben und vor einem knappen Jahr abschliessen. Seit November 2017 arbeitet sie nun an der Uni Bern mit einem40-Prozent-Pensum als wissenschaftliche Mitarbeiterin. «Das hat mir geholfen, als es im Sport nicht so gut lief», sagt sie.

Zbärens zwei Seuchenjahre weckten Erinnerungen an Lisa Urech, ihre Vorgängerin als Schweizer Hürdenqueen und Klubkollegin beim SK Langnau. Die Schweizer Rekordhalterin beendete 2016 nach vierjähriger gesundheitlicher Horrorzeit die Karriere still und leise. «Der Hürdensprint ist eine sehr belastende Disziplin» sagt Andi Hediger, Meetingdirektor von «Weltklasse Zürich»und Teilzeit-Manager von Noemi Zbären.Dank ihm und Meeting-Arzt Roland Biedert weiss Zbären nun seit drei Wochen, wieso ihr Körper auf hohe Belastungen mehrmals mit muskulären Verletzungen reagiert hat.

Strahlende Siegerin in Zürich: Noemi Zbären

Strahlende Siegerin in Zürich: Noemi Zbären

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Sie erklärt es gleich selbst: «Seitdem ich ein Sehnen- und Bänderimplantat in meinem linken Knie habe, ist die Beweglichkeit dort ein wenig eingeschränkt. Doch meine Körperstrukturensind noch immer auf das alte Bewegungsmuster programmiert. Daraus hat sich eine Disbalance ergeben. Ich muss nun zuerst die Empfindungen von Muskeln und Nerven schärfen, damit sie sich gemäss des aktuellen Bewegungsablaufs verhalten.» Salopp ausgedrückt: Noemi Zbären muss ihren Körper neu programmieren, quasi ein Software-Update vornehmen.

Die Realität akzeptieren

Zumindest haben die genaue Diagnose und der damit verbundene Lösungsweg wieder Zuversicht in ihr geweckt. «Ich bin halt von Natur aus nicht gerade ein geduldiger Mensch», antwortet sie auf die Frage, wie ihr das sportliche Nichtstun bekommen sei. «Was ich während meiner Verletzungszeit gelernt habe, ist die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind.» Wobei Nichtstun der falsche Begriff ist.

Denn die Emmentalerin hat im Winter bis zu ihrem zweiten Muskelfaserriss sehr gut trainiert, fühlt sich so fit wie schon lange nicht mehr. Auch jetzt kann sie im Training vieles machen: das komplette Ausdauer- und Kraftprogramm sowie Schnelligkeits- und Intervalltrainings auf dem Velo oder im Wasser. «Doch der Grat, was möglich ist und was zu viel ist, bleibt ziemlich schmal», sagt Zbären. Dank ihrem flexiblen Teilzeitjob nimmt sie sich nun aber bewusst mehr Zeit für die Regeneration.

Nur über die Hürden springen geht halt nicht. Wie lange noch? Auf ihrer Homepage erscheint als Saisonstart nach wie vor das Meeting vom 12. Mai in Basel, auf ihrer schriftlichen Jahresplanung ist der 27. Mai beim Heim-Meeting in Langnau rot angestrichen, doch effektiv sieht es anders aus.

«Ich weiss nicht genau, wann ich in die Saison einsteigen kann», sagt Zbären ehrlich, «aber ich weiss jetzt, was ich gegen meine Verletzungsprobleme tun kann.» Das fühlt sich für sie nach den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre schon fast wie ein WM-Final an.