Ski-WM 2019

Momente, die bleiben: Was war enttäuschend, wer hat sich blamiert und wer wurde zu Figur dieser Ski-WM?

Corinne Suter sorgte an der WM für Schweizer Highlights.

Corinne Suter sorgte an der WM für Schweizer Highlights.

Noch zwei Rennen sind an der Ski-WM zu fahren, doch bevor die Slalomfahrerinnen am Samstag und die Slalomfahrer am Sonntag für den Schlusspunkt sorgen, lohnt es sich, bereits einmal zurückzuschauen: Was war enttäuschend, wer hat sich blamiert und wer wurde zu Figur dieser WM?

Das Märchen: Corinne Suter und ihre wunderbare Verwandlung

Als Corinne Suter vor zwei Wochen nach Mittelschweden reiste, war sie eine andere Athletin. Sie war die Pechmarie im Schweizer Team, die das Podest immer wieder verpasste. Manchmal fehlte mehr, manchmal nur ein klitzekleiner Hundertstel. Je näher die WM kam, desto deutlicher zeigte die Formkurve der Schwyzerin nach oben.

Dass die 24-Jährige in Åre aber eine Medaille gewinnen würde, war zwar als Traum vorhanden, aber niemals budgetiert. Doch dann der Paukenschlag: Im ersten Rennen, dem Super-G, ergatterte sich Suter Bronze. Das fehlende Glück der Vergangenheit kam in einem Stück zurück. Die Freudentränen flossen bis spät in die Nacht. Dass Suter überhaupt starten konnte, war lange nicht absehbar.

Stolze Doppel-Medaillen-Gewinnerin: Corinne Suter beim Empfang am Zürcher Flughafen am Montagabend.Keystone

Stolze Doppel-Medaillen-Gewinnerin: Corinne Suter beim Empfang am Zürcher Flughafen am Montagabend.Keystone

Zehn Tage vor der WM hatte sie die Selektionskriterien für den Super-G nicht erfüllt. Erst bei letzter Gelegenheit qualifizierte sie sich. Nach ihrem Medaillengewinn gehörte sie auch in der Abfahrt zum Favoritenkreis. Suter hielt den Erwartungen stand und legte mit der Silbermedaille nach. Nach der märchenhaften Verwandlung reiste sie mit zwei Medaillen nach Hause, wo sie wie eine Königin empfangen wurde.

Das perfekte Paar: Unser Duo für Gold

Sie sind Königin und König des Teamwettkampfs, das perfekte Paar für diesen Event: Wendy Holdener und Ramon Zenhäusern führten die Schweiz in Åre wie bereits an den Olympischen Winterspielen vor einem Jahr fast im Alleingang zu WM-Gold.

Darf ihren WM-Titel in zwei Jahren verteidigen: Wendy Holdener.

Darf ihren WM-Titel in zwei Jahren verteidigen: Wendy Holdener.

Sie beherrschen den parallelen Tanz durch die Stangen wie kaum jemand sonst. Auch deshalb führt die Schweiz zwei Rennen vor Schluss im Medaillenspiegel. Holdener und Zenhäusern sind echte Teamplayer. Während andere Cracks wie Marcel Hirscher und Mikaela Shiffrin auf den Mix-Wettbewerb verzichten, sind die beiden Schweizer mit Stolz und Motivation dabei.

Ramon Zenhäusern - zusammen mit Wendy Holdener im Team-Wettbewerb unschlagbar.

Ramon Zenhäusern - zusammen mit Wendy Holdener im Team-Wettbewerb unschlagbar.

Dank ihnen wurden plötzlich aus Aline Danioth und Daniel Yule Weltmeister, und selbst die Ersatzleute Andrea Ellenberger und Sandro Simonet strahlten mit Gold. Überhaupt ist
Swiss Ski Spezialist für Disziplinen, die andere Nationen stiefmütterlich behandeln. So holte Wendy Holdener erneut Kombi-Gold. Vor zwei Jahren holte Swiss Ski vier von sieben WM-Medaillen in dieser Disziplin. Das soll aber die Leistung von Holdener und Zenhäusern auf keinen Fall schmälern. Zumal sie auch im Slalom zu den Besten der Welt gehören.

Der Fauxpas: Gian Franco Kasper und der Klimawandel

Die hohen Tiere im Skisport residieren in Åre im Holiday Club. Und wer sich ein bisschen in der Lobby umhört und mit den Funktionären spricht, landet schnell bei Gian Franco Kasper. Der  hat sich in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» ins Abseits manövriert, als er sagte, es gebe keine Beweise für den Klimawandel.

Gian Franco Kasper, Schweizer Präsident des Internationalen Skiverbandes FIS.

Gian Franco Kasper, Schweizer Präsident des Internationalen Skiverbandes FIS.

Seine Aussagen, auch über Vorteile von Wettkämpfen in Diktaturen, stiessen auf heftige Kritik. Zwar versuchte sich der 75-Jährige zu rechtfertigen, indem er erst abstritt, die Aussagen getätigt zu haben, und als die Zeitung die Tonaufnahmen veröffentlichte, behauptete, man habe seine Aussagen verändert oder herausgenommen.

Doch damit machte er sich nur noch mehr zum Gespött. Er habe nicht mehr viele Fürsprecher, hört man in der Lobby. Kasper ist noch bis 2022 gewählt. Er sagt: «Ich habe mir vorbehalten, dass ich etwa 2020 aufhöre. Das wäre eine Möglichkeit. Aber beschlossen habe ich noch nichts. Sonst wäre ich eine lahme Ente.» Doch was ist er jetzt? Mögliche Nachfolger wittern bereits ihre Chance.

Der Dämpfer: Beat Feuz und die Tücken der Papierform

In fünf Abfahrten in Folge stand Beat Feuz vor der WM auf dem Podest und ausgerechnet in Åre wurde er Vierter. Damit endete die Erfolgsserie im dümmsten Moment. Das ist bitter. Feuz ist der beste Abfahrer der Gegenwart.

Der 31-Jährige gewann im vergangenen Winter die Disziplinen-Wertung und führt sie auch in dieser Saison an. Eine weitere WM-Medaille in der Abfahrt nach Bronze 2015 und Gold 2017 wäre aufgrund seines Leistungsausweises verdient gewesen. Doch der Skisport lässt sich nicht auf dem Papier planen. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle.

Beat Feuz: «Ich habe alles gegeben – und einer muss ja auch Vierter werden.»

Beat Feuz: «Ich habe alles gegeben – und einer muss ja auch Vierter werden.»

In der WM-Abfahrt war es das Wetter. Wind und Schneefall behinderten die Fahrer. Feuz sagte: «WM-würdig war das nicht. Ich habe alles gegeben – und einer muss ja auch Vierter werden.» Der Frust war gross. Aber nur kurz. Seit er im vergangenen Sommer Vater einer Tochter geworden ist, erlebt er zurück im Zimmer die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Das hilft. Die Geschichte des Tages schrieb Aksel Lund Svindal. In seinem letzten Rennen gewann er Silber. Lindsey Vonn machte es ihm einen Tag später mit Bronze in der Abfahrt nach.

Die Überraschung: Die Kombi entkommt ihrem Tod

Totgesagte leben länger. Es ist ein abgedroschenes Sprichwort, aber in diesem Fall eben sehr passend: Ob in Wengen, wo die bisher einzige Kombination im Weltcup in diesem Winter ausgetragen wurde, oder beim Gespräch mit Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann. Wirklich daran glauben, dass die Kombination eine Zukunft hat, wollte niemand mehr. Zu sehr stand die Disziplin in der Kritik, zu stark wurden die Parallelrennen gepusht.

Doch dann am Mittwoch plötzlich die Wende. Die Kombination bleibt im WM-Programm für 2021. Statt eine Disziplin zu beerdigen, will die FIS eine weitere aufnehmen. In Cortina sollen inklusive Parallel-Rennen einfach in sechs Wettbewerben Medaillen verteilt werden. Der Internationale Skiverband FIS hat einen Schweizer Präsidenten und seinen Hauptsitz in der Schweiz.

Da passt dieser fast typisch schweizerische Kompromiss. Im Weltcup will die FIS die Kombi nun stärken und träumt von drei bis vier Rennen pro Geschlecht und Saison. Mal sehen, ob der Jungbrunnen für die sterbende Disziplin gefunden wird.

Das Tauwetter: 30 Grad wärmer in kurzer Zeit

Die Meteorologen von Åre hatten einen schweren Stand. Was sie verkündeten, war eigentlich nie richtig. Gestartet hat die WM bei ultrafrostigen Temperaturen. Je nach Quelle waren es 22 bis 25 Grad unter null. In der ersten Woche stieg das Thermometer kontinuierlich – bis an den Gefrierpunkt. In der zweiten Woche die Fortsetzung. Gestern Freitag lag die Temperatur bereits bei plus 8 Grad Celsius.

Innerhalb von knapp zwei Wochen ergibt das eine Temperatur-Differenz von 30 Grad (!). Der vermeintlich ewige Schnee floss in Bächen davon. Der gefrorene See begann zu tauen. Doch die Besucher haben gelernt, dass die Menschen in Åre eigentlich nichts erstaunt, wenn es ums Wetter geht. «Es kann vorkommen, dass es hier vier Jahreszeiten am Tag gibt», sagte Pia Hultgren, die Chef-Meteorologin der WM, die bereits bei der WM 2007 für die Prognosen zuständig war.

Die warmen Temperaturen und der Regen wirkten sich vor allem auf die Piste aus. Noch zwei Slaloms muss sie aushalten. Am Samstag jenen der Frauen, am Sonntag den der Männer.

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