Analyse

Kristallkugeln lügen nicht – warum die Schweiz wieder eine Skination ist

Zum ersten Mal seit 30 Jahren gewinnen Athletinnen und Athleten von Swiss-Ski alle vier Disziplinenwertungen im Speedbereich. Aber nicht nur wegen Corinne Suter, Mauro Caviezel und Beat Feuz ist die Schweiz wieder eine Skination.

Die Kristallkugel für die Siegerfotos mit Beat Feuz und  Mauro Caviezel hat Henrik Kristoffersen geliehen. Der Norweger war Retter in der Not. Weil der Weltcupfinal in Cortina am Freitag aufgrund der Massnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus abgesagt wurde, standen die letzte Abfahrt und der letzte Super-G des Winters plötzlich am Wochenende in Kvitfjell auf dem Programm. Und der Internationale Skiverband FIS hatte keine Trophäen dabei.

So wurde eilig die Kristallkugel von Kristoffersen, die er vor vier Jahren als bester Slalomfahrer des Winters erhielt, herbeigeschafft, um den besten Abfahrer (Feuz) und den besten Super-G-Athleten (Caviezel) zu ehren. Feuz stand nach der Finalabsage bereits vor der letzten Abfahrt, die er direkt hinter Carlo Janka auf Rang vier beendete, als Disziplinensieger fest. Caviezel reiste als Super-G-Leader nach Norwegen. Und weil das Rennen am Sonntag abgesagt werden musste, holte auch er die Kristallkugel.

Feuz im Kreis der Ikonen

So überrumpelt die FIS von der spontanen Übergabe wurde, so wenig überraschend sind die Namen der Preisträger. Feuz ist zum dritten Mal in Serie der beste Abfahrer der Saison. Es ist ein Husarenstück, das zuvor nur einem Schweizer gelang: Franz Heinzer von 1991 bis 1993. Didier Cuche holte die Kristallkugel zwar viermal, allerdings mit einem Jahr Unterbruch dazwischen. Feuz zählt längst zu diesen Ikonen des Schweizer Abfahrtssports.

In den 26 Abfahrten der drei vergangenen Saisons stand er 20-mal (!) auf dem Podest. Wer diese Zahlen liest, glaubt kaum, dass er 2012 zitterte, ob er nach einem Knieinfekt überhaupt weiter laufen könne, weil sogar eine Versteifung  des Gelenks im Raum stand. Die Karriere von Feuz würde Stoff für einen Film bieten. Für einen Heldenepos über einen, der hart geprüft wurde, aber immer weitermachte und nun im Olymp angekommen ist. Aber der 33-Jährige mag keinen Pathos. Auch das zeichnet ihn aus. Chapeau, Beat Feuz.

Caviezel und die Konstanz

Während ein Kristallkugel­gewinn von Feuz bei Swiss-Ski schon fast budgetiert ist, kommt der Disziplinensieg von Mauro Caviezel etwas überraschender. Der 31-Jährige hat sich mit insgesamt neun Podest­plätzen in dieser und der vergangenen Saison zwar im Kreis der besten Speed-Fahrer etabliert. Doch auf seinen Premierensieg im Weltcup wartet er noch immer.

Aber er steht damit sinnbildlich dafür, warum eine Kristallkugel für viele Skifahrer die grössere Auszeichnung ist als ein Sieg. Weil es der Lohn dafür ist, eine ganze Saison lang konstant gut zu sein. Oder anders gesagt: Zufallssieger gibt es immer wieder. Aber Kristall tragen nur die Besten.

Caviezel steht aber noch für etwas anderes. Dafür, dass es sich lohnt, Geduld zu haben. Er musste fast 30 werden, um Erfolge zu feiern. Es ist etwas, worauf die Verantwortlichen von Swiss-Ski in den Jahren, in denen das Wort Skikrise die Runde machte, immer wieder verwiesen und sich weigerten, konsequenter auszusortieren.

Suter und der Aufschwung

Überhaupt muss man den Schweizer Verband loben. Nicht nur aufgrund des sich abzeichnenden Erfolgs in der Nationenwertung – dem ersten seit 30 Jahren. Obwohl dieser die Arbeit der ganzen Organisation am besten wider­spiegelt, weil er eben auch die Stärke in der Breite zeigt. Aber das Lob gilt auch all jenen, die stets darauf verwiesen, dass es eben nicht nur Feuz gäbe, dass da bald schon mehr komme. Dass die Arbeit schon gemacht werde, obwohl die nackten Resultate was anderes sagten.

Beispiele dafür gibt es viele. Daniel Yule zum Beispiel, der im Januar zum Seriensieger im Slalom wurde. Oder Marco Odermatt, dieses Supertalent, dem viele zutrauen, bald den Gesamtweltcup zu gewinnen. Oder Joana Hählen, die in diesem Winter erstmals und gleich zweimal aufs Podest fuhr. Und vor allem Corinne Suter. Die 25-Jährige gewinnt die Kristallkugeln in der Abfahrt und im Super-G.

Sie war eine von jenen, die früh an den hohen Erwartungen gemessen wurden. Aber sie ist daran – und an den eigenen Zweifeln – nicht zerbrochen. Vor einem Jahr gewann Suter in Are zwei WM-­Medaillen, jetzt zwei Disziplinenwertungen. Und Swiss-Ski gewinnt zum ersten Mal seit 30 Jahren alle vier Kristallkugeln in den Speed-Disziplinen. Die Namen damals: Pirmin Zurbriggen und Michela Figini. Die Namen heute: Feuz, Suter und Caviezel. Keine Frage: Die Schweiz ist wieder eine Ski­nation. Kristall lügt nicht.

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