So richtig kapiert hat es Marco Odermatt noch nicht, als er in Val d’Isère im Zielraum steht. Siebter im Riesenslalom – und damit so gut wie noch nie im Weltcup. Natürlich hatte der 21-Jährige, der im Februar fünffacher Juniorenweltmeister wurde, im Sommer immer mal wieder sinniert, wie es wohl wäre an der WM der Grossen. Doch die Titelkämpfe im schwedischen Åre in Februar 2019 waren vor allem eines: sehr weit weg. Zuerst einmal wollte er sich im Weltcup behaupten, regelmässig zu den besten 30 gehören.

Das ist schwierig genug. Odermatt wusste, wie gross der Schritt ist. Wie wenig Erfolge bei den Junioren im Weltcup wert sind. Und dann – hat er nach fünf Weltcuprennen das WM-Ticket gelöst.

Mit Rang sieben in Val d’Isère erfüllte Odermatt die Selektionsrichtlinien von Swiss Ski, die eine Top-7- oder zwei Top-15-Klassierungen in einer Disziplin als Voraussetzung für die WM-Teilnahme vorsehen.

Eine Dynamik im Team

Das ging schnell. «Puh», sagt Odermatt, um sofort anzufügen: «Deswegen habe ich mich aber noch längst nicht im Weltcup behauptet.» Der Nidwaldner ist Realist. Was nicht bedeutet, dass er nicht ehrgeizig wäre. Im Gegenteil. Sein Wille, einer der Besten zu werden, eilt ihm voraus. Die Trainer sehen es als Stärke und als Teil der Erklärung, warum es in der jahrelangen Sorgendisziplin Riesenslalom vorwärtsgeht. Besonders, weil mit Loïc Meillard, auch er erst 22 Jahre alt, ein zweiter Schweizer ebenso ehrgeizig ist.

«Loïc ist der Chef», sagt Odermatt. Der antwortet: «Vielleicht auf dem Resultatblatt, sonst nicht.» In der Tat ist Meillard, der in Val d’Isère Rang fünf belegte, schon etwas weiter. Er hat es bereits geschafft, konstant gute Resultate im Weltcup zu liefern. Belohnt wurde er nicht zuletzt mit einer WM-Teilnahme (2017; 21. im Riesenslalom) und zwei Starts an den Winterspielen 2018 (9. im Riesenslalom und 14. im Slalom).

Ein ständiger Wettbewerb

Odermatt will Meillard folgen. «Bei uns im Team ist alles ein Wettkampf», sagt er. «Egal ob auf der Ski-Piste, im Kraftraum oder sonst wo. Und jeder will immer der Beste sein.» Dieser ständige Wettbewerb spornt an und hilft Odermatt, sich zu verbessern. «Wir haben ein cooles Team, super Trainer und sind nun seit drei, vier Jahren zusammen.» Die Kontinuität zahlt sich aus, belohnt wird Odermatt mit Erfolgen.

Aber er kennt auch die andere Seite. Ebenfalls in Val d’Isère erlebte er seinen grössten Rückschlag. Im Januar 2017 zog er sich in einem Europacuprennen einen Meniskusschaden zu und verpasste den Rest der Saison. Nun gelingt ihm ausgerechnet in Val d’Isère der bisherige Höhepunkt. Auch das ist ein Zeugnis von Reife.

Das Interesse steigt

Im Ziel gehört Beni Matti, Rennleiter bei Stöckli, zu den ersten Gratulanten. Herzhaft umarmt er Odermatt. Dieser könnte dafür sorgen, dass die Schweizer Skifirma dereinst auch bei den Männern Siege feiert. Bei den Frauen ist Stöckli verwöhnt. Auf Tina Maze folgte Ilka Stuhec. Bei den Männern fehlt das Aushängeschild. Und mit Odermatt wäre es erst noch ein Schweizer.

Doch bereits wurden auch Firmen aus dem Ausland auf das Talent aufmerksam. So gehört Odermatt zum Förderprogramm eines Energy-Drink-Produzenten aus Österreich, der im Skisport viele Stars unterstützt.

Das Lob ist gross. Von vielen Seiten. Einzig Odermatt selbst lässt sich von der Euphorie um seine Person nicht anstecken. «Ich wusste aus den Trainings, dass ich gut in Form bin. Aber im Weltcup konnte ich es jetzt zum ersten Mal in dieser Saison zeigen. Der nächste Schritt ist, die gute Leistung zu wiederholen.» Die WM spielt da noch keine Rolle.