Es ist nicht so, dass die Situation neu für sie wäre. Lara Gut stand schon lange, bevor sie ihren Nachnamen um den Namen ihres Ehemannes ergänzte, unter genauer Beobachtung. Erfolg weckt Erwartungen. Zu Beginn einer Saison schauen die Fans seit Jahren genau hin, wo die 27-Jährige steht. Hat sie gut trainiert? Sind Siege zu erwarten? Den Druck ist die Tessinerin gewohnt.

Und doch ist etwas anders. Zwar weckte ihr Erfolg schon immer Neider, wurde ihr Misserfolg in den Kommentarspalten der Zeitungen zelebriert. Doch die Wutbürger, im Internet «Hater» genannt, also Hasser, haben eine neue Angriffsfläche erhalten. So tippen sie in ihre Tastaturen: Lara Gut hätte besser mal mehr trainiert, statt im Sommer den Fussballer Valon Behrami zu heiraten. Zwei mässige Auftritte in den Riesenslaloms von Sölden (14. Rang) und Killington (19.) reichen den Nörglern als Beweis.

Wichtige Rennen

Sie selbst betont, wie gut ihr die Liebe tue. Wie viel einfacher ihr der Umgang mit ungerechtfertigter Kritik falle, seit sie einen Mann an ihrer Seite habe, der sie verstehe und selbst verletzende Kritik erlebt habe. Auch darum startet sie neu unter dem Namen Gut-Behrami, weil «mir bewusst wurde, dass sonst etwas fehlt». Ihre grösste Angriffsfläche ist gleichzeitig ihr grösster Schutz. Was fast zwangsläufig die Gefahr birgt, dass alles bricht, sollte die Ehe dereinst scheitern. Doch davon gehen Liebespaare zurecht nicht aus. Sonst wäre es ja sinnlos.

Trotzdem könnten die Rennen in Lake Louise für Lara Gut-Behramis Saison wichtig werden. Der Speedauftakt dient als sportliche Standortbestimmung. Vor einem Jahr fuhr sie in Kanada im erst fünften Rennen nach ihrem Kreuzbandriss als Zweite auf das Super-G-Podest. Ab sofort nahmen die Beobachtung etwas ab, weil sie den Kritikern den Nährboden entzog – und die Fans beruhigte, dass sie es noch kann.

Mit Leidenschaft und Arbeit zum Erfolg zurück

Ähnliches könnte in dieser Saison eintreffen, sollte die Tessinerin in Lake Louise überzeugen. Dann spielt es keine Rolle mehr, dass sie das Sommertraining in Südamerika unterbrach, um kurz nach Hause zu reisen, was ihr die Kritiker sogleich als Handicap in der Vorbereitung auslegten. Dann spielt es keine Rolle mehr, dass sie als Fan an die Fussball-WM nach Russland reiste, wie ihr die gleichen Menschen vorwarfen.

Dreimal hat die 27-Jährige den Super-G in Kanada schon gewonnen (2013, 2014 und 2016). Neben dem erwähnten zweiten Platz in der Comeback-Saison war sie 2016 auch Zweite in der Abfahrt. Sie selbst fühlt sich bereit, wie sie in einem Interview mit der «SDA» sagte: «Rückblickend realisiere ich, dass ich mich in einem Tunnel befunden habe. Nun kann ich ein schlechtes Rennen leichter abhaken. Das merkte ich auch in den beiden Riesenslaloms, die nicht nach Wunsch liefen. Ich weiss, dass mich Leidenschaft und Arbeit zurück zum Erfolg führen werden.»

Behrami als Augenöffner

Verlaufen die Rennen in Kanada allerdings enttäuschend, werden Fragen folgen. Nicht nur von Wutbürgern, deren Hass sie getrost ignorieren kann. Aber einem kann sich Lara Gut auch mit neuem Namen nicht entziehen: Erfolg weckt Erwartungen. Auch wenn es ihr gegönnt sei, wenn sie sagt: «In Valon habe ich jemanden gefunden, der mir zeigte, dass es noch anderes gibt. Dank ihm wurde mir bewusst, dass ich das Skifahren zwar liebe, dass es aber viel mehr gibt als das.»

In den Rennen aber geht es um Erfolg und Niederlage. Und so lange sie am Start steht, wird sie weiterhin unter Beobachtung stehen.