Eigentlich ist das Vorgehen klar: Ein gerissenes Kreuzband wird operiert. Aber was ist schon normal in der Karriere von Carlo Janka? Wenig. Darum fährt er heute Rennen, ohne zu wissen, wie es in seinem Knie aussieht.

Rückblick: Als sich Janka im Oktober 2017 am Knie verletzte, verzichtete er auf eine Operation. 2,5 Monate später bestritt er am Lauberhorn die Abfahrtstrainings – und verblüffte, obwohl er auf das Rennen verzichtete. An den Winterspielen im Februar 2018 hielt er in den Abfahrtstrainings mit den Teamkollegen mit. Starten durfte er aber nur in der Kombination. Ohne Einsatz im Weltcup und somit ohne erfüllte Selektionsrichtlinien hätte er der Schnellste sein müssen, um einem Kollegen den Startplatz wegzunehmen.

Janka verstand – und war trotzdem enttäuscht. Einen ganzen Winter lang hatte er sich nur darauf vorbereitet, in Südkorea den Super-G zu bestreiten. 2016 hatte er an gleicher Stelle gewonnen und war überzeugt, dass ein erneutes Glanzresultat möglich gewesen wäre – und damit die Krönung des alternativen Weges.

Schon vieles erlebt

Diese kann noch immer erfolgen. Auf eine Operation verzichtete Carlo Janka bis heute. Das Comeback im Weltcup gelang: Zu Beginn dieses Winters fuhr er in Nordamerika dreimal in die Top 20, mit Rang elf in der Abfahrt von Beaver Creek als Bestresultat. Sein Knie hält. Das hilft.
Sein Umfeld geht davon aus, dass er bald um Podestplätze fährt. Schon im heutigen Super-G in Val Gardena oder morgen in der Abfahrt? Die Strecke liege ihm nicht, betonte Janka selbst schon oft. Aber was ist schon normal in seiner Karriere?

2010, erst 23 Jahre alt, war Janka bereits Weltmeister, Olympiasieger und Gewinner des Gesamtweltcups. Doch er litt an einer bis heute unbekannten Viruserkrankung, die sein Herz angriff. Erst ein operativer Eingriff am Herzen im Februar 2011 behob die Erschöpfungszustände, die aus dieser undefinierten Erkrankung resultierten.

Das Vertrauen in den eigenen Körper wiederfinden

Es folgten starke Rückenschmerzen, die Janka mithilfe der Schulmedizin nicht in den Griff bekam. Erst der Manualtherapeut Rolf Fischer fand einen Weg. Die Arbeit begeistert Janka so sehr, dass er Fischer seinem Freund Mauro Caviezel empfahl. Die Behandlung half auch ihm. In diesem Winter fuhr Caviezel bisher dreimal auf das Podest. Der 30-Jährige ist so stark wie nie. Auch dank Rolf Fischer, ist Janka überzeugt.

Es war Fischer, der Janka empfahl, die Kreuzbandverletzung ohne Operation zu behandeln. Das Sommertraining verlief gut. Janka konnte ohne Einschränkungen trainieren. Er sagt: «Was die Gesundheit betrifft, bin ich zufrieden, so wie es ist. Das Knie bereitet keine Probleme mehr.»

Schwerer fällt ihm, das Vertrauen in den eigenen Körper wiederzufinden. Die Viruserkrankung war irgendwann behoben, die Rückenschmerzen wurden besser. Ein Sturz hingegen kann immer passieren. So gut die Muskulatur das lädierte Kreuzband ersetzt – ein nächster Unfall würde wohl vieles im Knie zerstören. Janka sagt: «Es braucht Zeit, das Trauma zu verarbeiten.» So vieles in seiner Karriere bisher so anders verlief, diese Erfahrung ist neu für ihn.

Schon einmal auf dem Podest

Dem Janka-typischen Schema der Abweichung von der Normalität folgend, müsste der Bündner heute und morgen in Val Gardena überzeugen. Zwar stand er in Italien schon einmal auf dem Podest: 2009, als er im Super-G Rang zwei belegte. Doch seither sind seine Resultate auf der Piste Saslong mehrheitlich bescheiden ausgefallen. Aber was ist schon normal in der Karriere von Carlo Janka?