Sport ist auch Psychologie. Schon wenige Minuten nach der Abfahrt am Lauberhorn ging das Duell um den Sieg in Kitzbühel los. Beat Feuz erhöhte als Erster den Druck auf Sieger Vincent Kriechmayr. Nach Rang zwei in Wengen sagte Feuz: «Vincent ist für mich der beste Techniker unter uns Speedfahrern.»

Der Chef der Schweizer Abfahrer, Trainer Andy Evers, beschleunigte bei Kriechmayr ebenfalls das Gedankenkarussell: «Dass er einer der Stärksten ist, wissen wir schon lange. Er wird in Zukunft ein ganz starker Gegner sein.»

Die Favoritenrolle abschieben

Das Prinzip ist im Sport altbekannt: Stärke deinen Gegner verbal, um ihn mental zu schwächen. Denn Druck ist der grösste Feind vieler Athleten. Kriechmayr ist sich durchaus bewusst, dass Feuz die Rolle des Favoriten in Kitzbühel auf ihn abschieben will. Auch er beherrscht das Spiel. So sagte der Österreicher in einem SRF-Interview unlängst: «Der Beat ist uns allen etwas voraus. Von ihm kann ich mir noch sehr viel abschauen.»

Kriechmayr, seit Samstag vierfacher Sieger im Weltcup, neigte in der Vergangenheit immer mal wieder dazu, zu viel zu wollen. Darum versucht er sich selbst zu erden, wie er der «Kleinen Zeitung» nach seinem ersten Sieg 2017 verriet: «Wenn ich daheim im Stall bin, haben die Kühe deswegen nicht mehr Respekt vor mir.» Kriechmayr ist auf einem Bauernhof in Gramastetten in Oberösterreich aufgewachsen. Im Betrieb, den mittlerweile sein Zwillingsbruder Rafael führt, wird eine französische Rinderrasse gezüchtet. Wenn immer es die Zeit erlaubt, hilft Kriechmayr seinem Bruder im Kuhstall. Als «Knecht», wie er sagt: «Wenn man erlebt, wie Tiere aufwachsen, oder einen Tag mit dem Traktor arbeitet, schärft sich der Blick wieder für die wichtigen Dinge im Leben.»

Das Kuhstallprinzip

Seinen Vornamen verdankt Kriechmayr dem berühmten Maler Vincent van Gogh. Kriechmayrs Mutter, eine Belgierin, die einst zum Skifahren nach Österreich kam, sich dort verliebte und blieb, unterrichtet Kunst-Geschichte und liess sich bei der Namenswahl inspirieren.

Die Trainer attestieren Kriechmayr, dass er in den vergangenen zwei Jahren besonnener geworden ist. Das Kuhstallprinzip scheint zu funktionieren. Er selbst sagt: «Ich habe früher sehr oft Rennen verschenkt mit dummen Fehlern. Mittlerweile gelingt es mir besser, trotz angriffiger Fahrt fehlerlos zu bleiben. Weil ich heute weniger verbissen bin.»

Geholfen hat ihm aber auch jemand, der früher Beat Feuz betreute: Trainer Sepp Brunner. Nach seiner Entlassung bei Swiss Ski vor zwei Jahren kehrte der Österreicher in seine Heimat zurück und formt seither die österreichischen Speedfahrer. Mit der Hilfe von Brunner etablierte sich Kriechmayr in der vergangenen Weltcupsaison unter den Besten.

Zeit für einen Schweizer Sieger

Nach seinem Sieg in Wengen, für den er die Basis im technischen Brüggli-S legte, wo er Feuz klar distanzierte, sagte Kriechmayr: «Für mich bleibt Beat der Favorit in Kitzbühel.» Allerdings ist der Schweizer ein Meister im Umgang mit Druck. Er mag die Rolle des Favoriten «Es freut mich, wenn die Leute erwarten, dass der Feuz schnell sein sollte», sagt er. Spätestens an der Heim-WM 2017 in St. Moritz bewies er mit Gold in der Abfahrt, dass ihn eine enorme Erwartungshaltung nicht bremst, sondern beflügelt.

Gewonnen haben die Abfahrt in Kitzbühel beide noch nicht. Während Kriechmayr Rang vier aus dem Vorjahr als Bestresultat ausweist, war Feuz schon zweimal Zweiter (2016 und 2018). Er sagt: «Es ist höchste Zeit, dass in Kitzbühel mal wieder ein Schweizer gewinnt.» Auch das erhöht den Druck und erinnert die Österreicher an eine Zeit, in der ein Schweizer die Streif beherrschte: Didier Cuche. Letztmals siegte er 2012.

Beat Feuz ist bereit für die Revanche. Das Duell um den Sieg hat im Kopf längst begonnen.