Analyse
Ski-WM St. Moritz: Grosse Freude und langes Leiden

Eine Analyse zum Tag, der in die Geschichte unseres Skisports eingehen wird.

Martin Probst
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Wendy Holdener (m.) und Michelle Gisin feieren ihren Triumph.

Wendy Holdener (m.) und Michelle Gisin feieren ihren Triumph.

Keystone

Dieser Tag könnte noch lange in Erinnerung bleiben. Mit Wendy Holdener gewinnt erstmals seit 16 Jahren und Sonja Nef eine Schweizerin WM-Gold. Und Michelle Gisin fährt gestern auf Rang zwei. Zwei Schweizerinnen an einer WM auf den Rängen eins und zwei? Das gab es seit 30 Jahre nicht mehr.

1987 siegte Maria Walliser in Crans-Montana in der Abfahrt und im Super-G jeweils vor Michela Figini. Diese Zahlen zeigen die historische Dimension dessen, was gestern in der Kombination in St. Moritz passierte.

So gross die Freude über diesen Erfolg ist. So sehr die Medaillen den beiden Schweizer Athletinnen zu gönnen sind: Die Verletzung von Lara Gut könnte den Schweizer Skisport weitreichender verändern als dieser Zweifacherfolg gestern.

Die 25-Jährige hat sich gestern beim Einfahren für den Kombi-Slalom das Kreuzband gerissen und einen Schaden am Meniskus davongetragen. Es sind schwere Verletzungen, die für Lara das Ende der WM und das Saisonaus bedeuten. Die Heim-WM sollte zu ihren Festspielen werden, nun endete sie im Spital.

Vor allem aber ist nach einer solchen Verletzung immer ungewiss, ob es jemals wieder so sein wird, wie es vorher war. Man erinnere sich nur an die Komplikationen, die bei Beat Feuz nach einer Knieoperation aufgetreten waren. Vor dieser verhängnisvollen Infektion gewann der Berner fast den Gesamtweltcup. Danach war sogar ungewiss, ob er je wieder Ski fahren kann. Heute sagt er: «Den Gesamtweltcup werde ich nie mehr gewinnen können.» Sein Knie lässt Spitzenleistungen über eine ganze Saison hinweg nicht mehr zu.

Ein Schicksal wie Feuz oder eine problemlose Rückkehr?

Lara Gut hat in der vergangenen Saison den Gesamtweltcup gewonnen. Droht ihr nun ein ähnliches Schicksal wie Feuz? Vermutlich nicht. Der 30-jährige Berner hatte sehr viel Pech. Es gibt im Skisport zahlreiche Athletinnen und Athleten, die nach einer schweren Knieverletzung zu alter Stärke zurückfanden.

Für Lara Gut ist es die erste Operation am Knie. Das erhöht die Chancen, dass alles wieder gut werden wird. So oder so wird der Weg für Lara Gut aber sehr beschwerlich. Und eine Garantie, dass es gut kommt, gibt es nicht.

Martin Probst

«Nach einer solchen Verletzung ist immer ungewiss, ob es jemals wieder so sein wird, wie es vorher war.»

Und genau das ist es, was Sorgen macht. Lara Gut ist die beste Skifahrerin der Schweiz und ihr Fehlen für lange Zeit wäre fatal. Denn sie hat in den letzten Jahren regelmässig für Erfolge gesorgt. Sie hat als erste Schweizerin seit 21 Jahren und Vreni Schneider den Gesamtweltcup gewonnen. Und sie hat ermöglicht, dass in ihrem Schatten Athletinnen wie Wendy Holdener in Ruhe zur Spitze aufschliessen konnten.

Es bleibt daher zu hoffen, dass Lara Gut die lange Zeit der Rehabilitation gut übersteht und vielleicht schon in der neuen Saison wieder sein kann, wer sie war: der Schweizer Ski-Superstar. Wenn nicht, wird dieser Tag gestern in St. Moritz noch aus einem weiteren Grund in die Schweizer Skigeschichte eingehen: Als Tag, an dem sehr vieles anders wurde. Doch noch ist es zum Glück nicht so weit.

Endlich eine Schweizer Goldmedaille in St. Moritz

Auf jeden Fall war es aber ein spezieller Tag in Graubünden. Es waren Stunden im Wechselbad der Gefühle: Freude und Leid waren so nahe beisammen. Das spürten auch die strahlenden Schweizer Medaillengewinnerinnen, die in der eigenen Euphorie über das brutale Schicksal ihrer Kollegin Auskunft geben mussten.

Das war für sie nicht einfach in einem Moment, in dem die Freude im Vordergrund stehen sollte. Beide meisterten es souverän. Holdener könnte nun statt Lara Gut zur grossen Schweizer Figur an dieser WM werden. Im Slalom und im Teamevent könnten weitere Medaillen folgen.

So oder so hat die 23-Jährige gestern Historisches geschafft. 1974 und 2003 reisten die Schweizer Athletinnen und Athleten von den Weltmeisterschaften in St. Moritz ohne eine einzige Goldmedaille ab. Seit gestern ist dieser «Gold-Fluch» vertrieben. Dank Wendy Holdener. Aufgrund der Verletzung von Lara Gut bleibt aber leider auch die bange Frage – wie hoch ist der Preis?

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