Ski alpin
Crans-Montana verändert Priska Nufers Leben – mit 30 doch noch eine Siegerin

Die Obwaldner Skirennfahrerin wird in Crans-Montana für ihren Durchhaltewillen belohnt und gewinnt vor 13'000 Zuschauerinnen und Zuschauern erstmals ein Weltcup-Rennen.

Ives Bruggmann, Crans-Montana
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Priska Nufer lässt sich vom Swiss-Ski-Team feiern.
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Priska Nufer (Mitte) gewinnt vor Ester Ledecka (links) und Sofia Goggia.

Priska Nufer lässt sich vom Swiss-Ski-Team feiern.

Bild: Jean-Christophe-Bott / Keystone (Crans-Montana, 27. Februar 2022)

Die Emotionen, welche der erste Triumph in einem Weltcup-Rennen bei Priska Nufer ausgelöst hatte, waren sichtbar. Die Tränen schossen der 30-jährigen Obwaldnerin im Zielraum beinahe im Minutentakt in die Augen. Alle, wirklich alle, egal ob Teamkolleginnen, Gegnerinnen oder Betreuer freuten sich mit ihr. Nicht verwunderlich, denn vor kurzem noch musste die Speedspezialistin aus Alpnach eine der grössten Enttäuschungen ihrer Karriere verdauen, als sie an den Olympischen Spielen nicht für die Abfahrt selektioniert worden war. Und nun sprach sie gelöst in die Mikrofone und erklärte, wie sie die unzähligen Rückschläge in ihrer Laufbahn überwand, immer positiv blieb und nun das Glück für einmal auf ihre Seite zwang.

Denn Priska Nufers Geschichte war vor Crans-Montana die einer begabten Athletin, die ihr Potenzial nie gänzlich ausschöpfen konnte – aus verschiedenen Gründen. Ihre Teamkollegin Michelle Gisin beschrieb es so: «Priska hatte immer Pech mit der Startnummer. Wenn gefühlt eine Wolke am Himmel hing, war sie jene, die ausgerechnet dann startete, als diese vor der Sonne stand.» Auch in der ersten Abfahrt auf der Piste Mont Lachaux am Samstag musste die Obwaldnerin mit der Nummer 30 vorliebnehmen. Sie fuhr trotz abbauender Piste auf den hervorragenden vierten Rang. Als ihr dann am Abend die Startnummer zwei für die zweite Abfahrt zugelost wurde, wusste sie, dass einiges möglich sein wird. «Aber dass es gerade so aufgeht, hätte ich nie gedacht.»

Video: Tele 1

Im 144. Versuch hat es erstmals geklappt

Zweifelsohne war die Fahrt Priska Nufers die beste aller Athletinnen an diesem Sonntag, perfekt war sie jedoch nicht. «Auch heute habe ich ein paar Sachen nicht gut gemacht», sagte sie. Doch keiner Konkurrentin gelang es, daraus Profit zu schlagen, auch wenn es einige Male ganz knapp wurde. Die Tschechin Ester Ledecká doppelte nach dem Sieg am Samstag nach und klassierte sich als Zweite erneut auf dem Podest – lediglich elf Hundertstelsekunden hinter der Schweizerin. Sofia Goggia wurde Dritte und vergrösserte damit ihren Vorsprung auf Corinne Suter in der Disziplinenwertung auf 75 Punkte.

Das erste Mal auf dem Weltcup-Podest und dann gleich zuoberst: Priska Nufer.

Das erste Mal auf dem Weltcup-Podest und dann gleich zuoberst: Priska Nufer.

Bild: Alessandro Della Valle/EPA

So musste Priska Nufer den Leaderstuhl nie mehr verlassen. Von Fahrerin zu Fahrerin realisierte sie ein bisschen mehr, dass es tatsächlich zum Sieg reichen könnte. Und erneut gingen ihr die schwierigen Zeiten durch den Kopf. Noch im Januar hatte sie mit den Folgen einer Coronaerkrankung zu kämpfen, kam nur schwer wieder auf die Beine. Die Form erarbeitete sie sich bis zu den Olympischen Spielen mühsam zurück – und stand in Peking erneut mit leeren Händen da. «Es war so hart, aber ich probierte nach vorne zu schauen.» Es sind wohl diese Positivität sowie die Hartnäckigkeit, immer dranzubleiben, die Priska Nufer nun zu diesem Triumph führten. Erst vor dieser Saison hatte sie gesagt:

«Viele Spitzensportler geben zu früh auf.»

Nun erbrachte sie den Beweis mit dem ersten Weltcup-Sieg und gleichzeitig ihrem ersten Podestplatz auf dieser Stufe gleich selbst – im 144. Versuch.

Frauen-Cheftrainer Beat Tschuor, der Priska Nufer in Peking noch mitteilen musste, dass sie für die Abfahrt nicht selektioniert sei, zeigte sich beeindruckt. «Wie sie auf diese Enttäuschung reagiert hat, ist top.» Die Obwaldnerin sei seit Jahren eine der weltbesten Technikerinnen im Speedbereich. Doch wieso ging es erst jetzt auf? «Gut Ding will Weile haben», sagte Tschuor. Und: «Häufig lag es an Kleinigkeiten.» Priska Nufer sei der Beweis dafür, dass es sich auszahlt, auch in schwierigen Situationen an sich zu glauben.

Gut-Behramis Energietank ist leer

Das Teamergebnis der Schweiz war auch in der zweiten Abfahrt ausgezeichnet. So klassierte sich Corinne Suter auf dem vierten, Michelle Gisin auf dem achten Rang und Joana Hählen wurde Neunte, Jasmine Flury landete auf dem 15. Platz. Super-G-Olympiasiegerin Lara Gut-Behrami beklagte während des gesamten Wochenendes fehlende Energie und musste sich nach dem Ausfall im ersten Rennen gestern mit Platz 19 begnügen. Als die Schweizer Olympiasiegerinnen Michelle Gisin und Corinne Suter von den Organisatoren nach der offiziellen Siegerinnenzeremonie noch geehrt wurden, befand sich die Tessinerin bereits auf dem Heimweg. Doch Priska Nufer stellte an diesem Wochenende in Crans-Montana bei strahlendem Sonnenschein selbst die drei goldenen Olympionikinnen in den Schatten. Mit 30 Jahren fängt für sie nun ein neues Leben an – es ist das einer Siegerin.

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