Sion schlägt Vaduz
Grosser Jubelschrei nach ungewohnter Walliser Ruhe: Wichtiger Sieg für Fabio Grosso

Der FC Sion schafft mit dem 2:1 gegen Vaduz zwar einen Befreiungsschlag, enttäuscht spielerisch aber weiter.

Raphael Gutzwiller
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Der Sittener Ayoub Abdellaoui (links) schreit vor Glück nach seinem 2:1 in der 90. Minute. Geoffrey Serey Die und Dennis Iapichino verfolgen ihn lachend.

Der Sittener Ayoub Abdellaoui (links) schreit vor Glück nach seinem 2:1 in der 90. Minute. Geoffrey Serey Die und Dennis Iapichino verfolgen ihn lachend.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Der Jubelschrei ist laut von Ayoub Abdellaoui. Er rennt über den Platz im Stade de Tourbillon, springt in die Luft und reckt den Arm. Soeben hat er den FC Sion mit seinem Treffer in der 90. Minute zum 2:1 gegen den FC Vaduz geschossen. Es ist der Schlusspunkt einer Partie, die nicht von der spielerischen Qualität, dafür aber von Spannung und der Wichtigkeit der Partie lebte. Dank des Sieges im Abstiegskampfknüller enteilt Sion dem FC Vaduz um fünf Punkte.

Daran, dass Sion Teil eines Sechspunktespiels im Abstiegskampf ist, haben wir uns inzwischen gewöhnt – auch wenn die Erwartungen im Wallis deutlich höher wären. Gegen Vaduz landet Sion zwar einen wichtigen Sieg, kann aber über die gesamte Spieldauer nicht verbergen, dass es das zweitschlechteste Team der Liga ist. Mit solchen Auftritten wird es Sion maximal zur Barrageteilnahme reichen.

Ein ungewöhnlicher Fussballverein

Der FC Sion ist kein gewöhnlicher Fussballverein. Er ist ein Klub, der in der ganzen Schweiz, aber auch im Wallis selber polarisiert. Ein Klub, der über alles verfügen würde, um beliebt zu sein. Er verfügt über so viel Tradition, Mythen, Legenden und Charisma, wie kaum ein anderer Schweizer Verein. Über ein Stadion, in wunderschöner Umgebung, das in Zeiten der immer gleichen Arenen, für Fussballromantiker einem Paradies gleich kommt. Aber der FC Sion ist auch jener Verein, an dem Christian Constantin an der Spitze steht. Ein Präsident, der so viel Personal austauscht, dass er im In- und Ausland häufig Thema in Satiresendungen wird.

Dass der FC Sion auch in diesem Jahr nicht über den Abstiegskampf hinauskommt, liegt wieder einmal an der grossen Fluktuation. Spieler sind austauschbar, wechseln häufig. Leistungsträger wie Pajtim Kasami, Emir Lenjani, Quentin Maceiras und Bastien Toma haben den Verein im Sommer verlassen. Die neuen, allen voran der langjährige YB-Star Guillaume Hoarau haben noch nicht gezündet. Und nachdem in der Vorsaison vier verschiedene Übungsleiter auf dem wackelnden Trainerstuhl der Walliser Platz genommen haben, ist der neue Trainer, Weltmeister Fabio Grosso, bisher den Beweis schuldig geblieben, dass er als Trainer ähnlich viel taugt wie als Spieler.

Die Suche nach dem System und das verunsicherte Team

Ist auf der Suche nach dem passenden System: Fabio Grosso.

Ist auf der Suche nach dem passenden System: Fabio Grosso.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Grosso versucht eine defensive, typisch italienische Ausrichtung, weiss aber noch nicht genau, wie er dies angehen möchte. Bei Sion sind in 12 Spielen schon 26 Spieler zum Einsatz gekommen. Einmal formiert er sie in einem 4-2-3-1, , einmal in einem 4-3-3, einmal in einem 4-4-2, und zuletzt in einem 3-1-4-2. Kein Wunder, wirkte das Team auch gegen Vaduz verunsichert.

Vielleicht tut man dem FC Sion aber unrecht, wenn man ihn für seine Leistungen in dieser Saison allzu sehr kritisiert. Kein anderer Schweizer Verein befiel das Coronavirus so stark wie das Team der Walliser. Torschütze Ayoub Abdellaoui sagte nach dem Spiel gegen Vaduz denn auch vielsagend: «Wir haben noch nicht genug zusammen trainiert.» Es dürfte jener Grund sein, warum Christian Constantin ihm untypisch seinen Trainer noch nicht in Frage gestellt hat. Zuletzt sprach er sich sogar für Grosso aus und meinte, man käme mit dem Weltmeister wieder aus der Krise. Im Wallis herrscht plötzlich eine ungewohnte Ruhe.

Vier Punkte in zwei wichtigen Spielen

Der Kampfgeist ist gross bei Geoffroy Serey Die, hier gegen Gabriel Lüchinger.

Der Kampfgeist ist gross bei Geoffroy Serey Die, hier gegen Gabriel Lüchinger.

Urs Lindt / freshfocus

Dennoch waren es entscheidende Partien innerhalb von vier Tagen für Fabio Grosso: Gegen Servette im Derby agierte sein Team 60 Minuten lang gut, holte immerhin einen Punkt im emotional wichtigen Spiel. Und im sportlich wichtigen Spiel gegen Vaduz folgte nun der erhoffte Befreiungsschlag. Vielleicht liegt es an den militärischen Trikots der Walliser, dass in diesen beiden Partien der Kampfgeist stimmte – wenn auch die spielerische Qualität noch zu wünschen übrig lässt.

Im Abstiegskampfduell ist der FC Sion zwar das aktivere Team, aber auch der glücklichere Sieger. Der entscheidende Schuss von Abdellaoui fand nämlich nur darum den Weg ins Tor, weil der Vaduzer Goalie Benjamin Büchel ungewohnt patzte. Zuvor war den Liechtensteinern nach vier torlosen Partien endlich wieder ein Treffer gelungen. Das wunderschön herausgespielte Ausgleichstor von Gabriel Lüchinger bleibt das Highlight aus Vaduzer Sicht, deren Situation im Kampf gegen den Abstieg fast aussichtslos scheint.

Grosse Enttäuschung beim FC Vaduz.

Grosse Enttäuschung beim FC Vaduz.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Sion dagegen hält einen direkten Konkurrenten vom Leibe. Das ist weit unter den hohen Erwartungen im Wallis. Doch damit rettet sich Trainer Fabio Grosso immerhin ins neue Jahr.