St. Moritz 2017
Sie wird der Schweiz fehlen: Das fast vergessene Drama um Lara Gut

Die vielen Schweizer Medaillen rückten Lara Gut in den Hintergrund. Die 25-Jährige hat sich zurückgezogen. Öffentliche Auftritte würden ihr viel Kraft rauben. Am Riesenslalom wird man sie vermissen.

Martin Probst
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Lara Gut wartet nach ihrer Knieverletzung auf eine Operation.

Lara Gut wartet nach ihrer Knieverletzung auf eine Operation.

Keystone

Man merkt erst, wie wichtig etwas war, wenn es nicht mehr da ist. Lara Gut ist nicht mehr in St. Moritz. In den vergangenen Tagen ging dies aber fast vergessen. Zu gross war die Ablenkung in Form von Schweizer Medaillen und zu gross die Freude über die goldenen WM-Tage.

Ohne das alles wäre die 25-Jährige omnipräsent. Schliesslich war sie der designierte Star. Ihr Sturz, ihre Verletzung und ihr Drama hätten tagelang beschäftigt. Doch so blieb es ruhig. Obwohl sie mit Bronze im Super-G die Festspiele in St. Moritz lancierte, gab es danach für viele keinen Anlass, sie zu vermissen.

Am Donnerstag ändert sich das. Am Donnerstag wird vielen vielleicht erstmals bewusst, dass die Tessinerin fehlt. Im Riesenslalom wäre Gut eine Medaillenanwärterin gewesen. Die einzige aus der Schweiz. Stattdessen wartet sie auf eine Operation. Sobald sich die Entzündungswerte in ihrem linken Knie normalisiert haben, soll der Kreuzband- und Meniskusriss behandelt werden.

Das sind die Schweizer Medaillengewinner der WM:

Lara Gut: Bronze im Super-G Sie hätte die Königin dieser WM werden sollen. Es kommt anders. Als grosse Favoritin auf den WMTitel im Super G gestartet, reicht es zu Platz 3. Beim Einfahren zum Kombinations-Slalom der Horror-Sturz. Kreuzband gerissen. Meniskus beschädigt. Saison-Ende. Aus der designierten Königin (25) ist die tragische Figur der WM geworden. Die ganze Ski-Welt leidet mit ihr.
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Wendy Holdener: Gold in der Kombination Irgendwann gehört er ihr, der Platz ganz zuoberst auf dem Podest. Nicht nur in der Kombination. Auch im Slalom. Irgendwann wird Wendy Holdener (23) den US-Überflieger Mikaela Shiffrin besiegen. Wir leiden mit. Und freuen uns bis dahin an Kombi-Siegen und zweiten Rängen. Sie kann für das Schweizer Highlight am letzten WM-Wochenende sorgen.
Michelle Gisin: Silber in der Kombination Wer eine grosse Schwester hat, die auch ein Ski-Star war und erst noch Olympiasiegerin, der hat es schwer. In St. Moritz ist Michelle Gisin erstmals aus dem Schatten von Dominique Gisin herausgetreten. Silber in der Kombination. Stark auch in der Abfahrt. Die quirlige 23-Jährige ist ein Versprechen für die Zukunft. Oder schon für den Slalom vom Samstag?
Beat Feuz: Gold in der Abfahrt Vielleicht ist er als Kind in einen Topf voller Gefühl fürs Skifahren gefallen. In seinem linken Knie war schon alles einmal kaputt, was kaputt sein kann. Vor fünf Jahren wusste nicht einmal er selbst, ob er je wieder Rennen fahren kann. Nun sorgt Beat Feuz, der sympathische 30-jährige Emmentaler, auch «Kugelblitz» genannt, für das emotionale Highlight der WM. Was für eine Geschichte!
Luca Aerni: Gold in der Kombination Gut unterwegs, schnelle Schwünge – und dann doch ausgeschieden. Wie häufig hat er das im Slalom erlebt! Dabei denkt sich der Zuschauer stets: Der Aerni, der könnte doch bald auf dem Podest landen! Und jetzt ist der 23-Jährige plötzlich da. Gold in der Kombination! Gold dank einem sensationellen Slalom-Lauf. Gold vielleicht auch dank der perfekten Position 30 nach der Abfahrt.
Mauro Caviezel: Bronze in der Kombination Immer wieder verletzt. Immer wieder abgeschrieben. Gar nie so richtig wahrgenommen. Das ist das Schicksal von Mauro Caviezel. 28 Jahre alt ist er mittlerweile. Zeitweise kann er nicht einmal mehr eine Treppe hochsteigen. Sein jüngerer Bruder Gino hat ihn längst überholt. Aber der Bündner gibt nicht auf. Und erfüllt sich in seinem Heimatkanton den Traum einer Medaille.
Wendy Holdener: Silber im Slalom Die Schwyzerin konnte sich im Slalom nicht gegen die US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin durchsetzen, die in dieser Disziplin als unschlagbar gilt.

Lara Gut: Bronze im Super-G Sie hätte die Königin dieser WM werden sollen. Es kommt anders. Als grosse Favoritin auf den WMTitel im Super G gestartet, reicht es zu Platz 3. Beim Einfahren zum Kombinations-Slalom der Horror-Sturz. Kreuzband gerissen. Meniskus beschädigt. Saison-Ende. Aus der designierten Königin (25) ist die tragische Figur der WM geworden. Die ganze Ski-Welt leidet mit ihr.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Der Donnerstag wird erstmals einen Eindruck vermitteln, wie der Skisport ist ohne Lara Gut. An der WM sprangen andere ein. Doch im Weltcup ist sie seit längerem die Schweizer Garantie auf Erfolg. Spätestens dann, zurück im Alltag des Skisports, wird sie fast jeder vermissen.

Wie sehr die Schweizerin unter ihrer Situation leidet, wie schwer es für sie ist, die Verletzung zu akzeptieren – darüber kann nur spekuliert werden. Lara Gut hat sich zurückgezogen und abgekoppelt. Auf Twitter und Facebook, wo sie die Fans sonst fast täglich an ihrem Leben teilnehmen lässt, schweigt sie.

In einem kurzen Statement an die Medien steht: «Das Management von Lara Gut wird nach der Operation über den Gesundheitszustand der Athletin und die nächsten Schritte in ihren sozialen Medien informieren.»

Der Schritt nach vorne

Mit dem Schweizer Cheftrainer Hans Flatscher hat sie Kontakt. «Aber wir telefonieren nicht täglich», sagt er. Im Moment sind andere Menschen wichtig für sie. Der ehemalige Schweizer Fussballstar Alex Frei sagte dieser Zeitung: «Sie wird wohl überhaupt keine Lust haben, mit den Journalisten zu reden, sondern will nur noch die Familie um sich haben.»

Lara Gut hat in schweren Momenten Mühe, zu kommunizieren.

Lara Gut hat in schweren Momenten Mühe, zu kommunizieren.

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Frei weiss, wovon er spricht. An der Heim-EM 2008 verletzte er sich schwer. Auch er wollte sich zurückziehen. Doch der Gang an die Öffentlichkeit habe wie ein Ventil gewirkt. Erst danach sei bei ihm etwas Ruhe eingekehrt und er habe sich auf die Reha-Phase vorbereiten können.

Lara Gut sagte im Dezember: «Wenn es mir nicht läuft, ist es für mich sehr schwierig, zu kommunizieren.» Und sie ergänzte: «Wenn ich enttäuscht bin, würde ich am liebsten in Ruhe gelassen werden.» Genau diese Strategie verfolgt sie im Moment. Es ist ein Grund für ihr Schweigen.

Das Risiko ausblenden

Gut möglich, dass sich die 25-Jährige erst selbst bewusst werden muss, was die Verletzung für sie bedeutet. Obwohl sie schon einmal eine Saison verpasste – den Olympia-Winter 2010 nach einer operativ behandelten Hüft-Luxation – blendet Lara Gut die Risiken des Skisports aus. Das muss aber auch, wer mit horrendem Tempo die Piste runterrauscht.

Der Medaillenspiegel von St. Moritz:

Kurz vor der WM sagte die Tessinerin der «Süddeutschen Zeitung»: «Warum sollte ich daran denken, was schiefgehen kann? Ich kann doch einfach daran denken, was gleich für ein wunderschöner Moment passieren könnte.» Diese Bereitschaft, das Negative auszublenden und stets das Positive in den Vordergrund zu stellen, zeichnet viele Skifahrerinnen aus. Es ist ein Faktor für Erfolg.

Der Schweizer Verbands-Arzt Walter O. Frey sagte nach dem Unfall dem «Blick»: «Sie hat es sehr professionell aufgenommen.» Das ist ein zweiter Grund für Lara Guts Schweigen. Die 25-Jährige tut alles sehr durchdacht. Der Fokus liegt voll und ganz auf der Operation. Nichts soll den Plan durchkreuzen, möglichst schnell zurückzukehren. Sie selbst hat immer wieder betont, wie viel Energie sie öffentliche Auftritte kosten. Energie, die ihrem Körper im langen Heilungsprozess fehlen würde.

Am Donnerstag wird Lara Gut in St. Moritz vermisst werden. Viel wichtiger für die Zukunft ist aber, dass ihr Weg zurück in den Weltcup so reibungslos wie möglich stattfinden kann. Dazu gehört, ihr Ruhe zu gewähren.

Die Ski-WM in St. Moritz in Zahlen:

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