National League

SCL Tigers: Wenig Talent, halb so viel Geld wie die Grossen – und trotzdem erfolgreich

Langnaus Goalie Ivars Punnenovs – der derzeit wohl beste Torhüter der Liga.

Langnaus Goalie Ivars Punnenovs – der derzeit wohl beste Torhüter der Liga.

Stell Dir vor, es ist bald Weihnachten und die SCL Tigers stehen vor einem Spitzenkampf. Unmöglich! Eigentlich ist es undenkbar. Denn die Langnauer habe nominell die schwächste und kostengünstigste Mannschaft der Liga.

Die Salärsumme des sportlichen Personals inklusive Trainer beträgt nicht einmal 7 Millionen. Die Teams in Lugano, Zürich, Bern und Zug kosten mindestens doppelt so viel. Aber die Emmentaler bestreiten heute Abend gegen Biel tatsächlich einen Spitzenkampf. Wenn wir eine Tabelle aus den letzten 9 Partien erstellen, dann sind die Emmentaler Leader. Vor Biel.

Wie kann es sein, dass eine Mannschaft die Liga dominiert, die talenttechnisch praktisch nackt ist und mit fünf Niederlagen in Serie in die Saison gestartet ist? Die Erklärung ist einfach. Zwei Feigenblätter überdecken diese Nacktheit. Der Trainer und der Torhüter.

Das Konzept wurde angepasst

Der taktische Hexenmeister Heinz Ehlers (51) hat Langnau nun nach seinem Willen geformt. Er hat am 3. Oktober 2016 die langsamste und schmalbrüstigste Mannschaft der Liga von Scott Beattie auf dem letzten Platz übernommen und seither ist nicht viel Talent und kaum Wasserverdrängung dazugekommen. Aber der Däne hat, wie jeder grosse Trainer, sein Konzept dem limitierten Talent seiner Jungs angepasst.

An einem gesegneten Abend, in Bestbesetzung und mit ein wenig Glück blockieren die schlauen Langnauer das Spiel jedes Gegners. Am Ende ist es so, dass dort, wo einer hinfährt, schon ein Tiger steht. Beim 2:1 gegen die ZSC Lions ist den Emmentalern am letzten Samstag eine der taktisch besten Partien der Neuzeit gelungen. Die SCL Tigers haben nun gegen die Zürcher die drei letzten Partien gewonnen.

Nun wäre es logisch, wenn die Vertragsverlängerung mit Heinz Ehlers alleroberste Priorität hätte. Denn die Mannschaft ist durch und durch «Ehlerisiert». Kommt ein anderer Coach, fällt dieses ganze System wie ein Kartenhaus zusammen. So wie der Koala Bär nur im Eucalyptus-Wald, so können die Langnauer nur unter der Obhut von Heinz Ehlers in der NLA taktisch glücklich sein.

Der Sportchef möchte verlängern - und der Trainer?

Tatsächlich möchte Sportchef Jörg Reber verlängern. Aber auch neben dem Eis ist Heinz Ehlers ein Nonkonformist. Nordamerikanische Trainer führen sich in der Regel schon im Oktober im Büro des Sportchefs auf wie Rumpelstilzchen, wenn sie noch keine Verlängerungsofferte haben. Heinz Ehlers hingegen verzieht auf alle Fragen nach seinen Zukunftsplänen das Gesicht, als hätte er Zahnweh und sagt: «Bitte, ich möchte darüber nicht sprechen. Ich muss mich auf die Vorbereitung fürs nächste Spiel konzentrieren.»

Er wirkt ein wenig wie ein Reisender zwischen den Welten, zwischen seiner Heimat Dänemark, seinem Arbeitsort Langnau und Amerika, dort wo sein Sohn in der NHL spielt. Jörg Reber sagt: «Wir tauschen uns täglich aus. Aber wir haben ausgemacht, dass wir uns nicht durch Vertragsverhandlungen vom Tagesgeschäft ablenken lassen.» Und bestätigt: «Wenn wir die Playoffs erreichen, wird der Vertrag automatisch um eine Saison verlängert.»

Wohin führt die Zukunft?

Heinz Ehlers weiss noch nicht, wo er nächste Saison an der Bande steht. Hingegen weiss er sehr genau, wem er den Erfolg zu einem schönen Teil zu verdanken hat. Er nimmt seine Spieler stets in Schutz und macht keine Einzelkritik. Umgekehrt verteilt er nur in ausgewählten Momenten individuelles Lob. Er sagt: «Wir haben einen Torhüter, der uns die Chance gibt, jedes Spiel zu gewinnen.» Wenn Heinz Ehlers so etwas sagt, bedeutet es etwa so viel wie wenn beispielsweise Zugs Harold Kreis erklären würde, Tobias Stephan sei der beste Goalie aller Zeiten, Länder und Ligen. Also weltweit.

Ivars Punnenovs (23) war als «Leonardo Genoni des armen Mannes» in den letzten vier Wochen tatsächlich der beste Torhüter der Liga. Cool, reflexschnell, wehrhaft und mit dem Winkelspiel eines Landvermessers. Der lettische Nationalgoalie mit helvetischer Lizenz hat zuletzt nacheinander 98.15 (gegen Kloten), 96,00 (Gottéron) und 96,55 (ZSC Lions) der Schüsse abgewehrt. Der Absteiger mit den Lakers hat den internen Konkurrenzkampf gegen Langnaus Aufstiegshelden Damiano Ciaccio (29) gewonnen und sein Vertrag ohne jede Ausstiegsklausel läuft bis zum Ende der nächsten Saison.

Nun hat der Sportchef eine heikle Frage zu klären: Soll er Damiano Ciaccio aus dem noch ein Jahr laufenden Vertrag zu La Chaux-de-Fonds zurücktransferieren und dafür nächste Saison aus den eigenen Junioren Akira Schmid (17) als Nummer 2 ins Team nehmen? Akira Schmid ist das grösste Torhütertalent im Land.

Meistgesehen

Artboard 1