Schwingen

Schwingsport: Der eigentliche Verlierer kommt in der Krise mit einem blauen Auge davon

Auch um Schwingen wird um TV-Gelder gefeilscht.

Auch um Schwingen wird um TV-Gelder gefeilscht.

Das Schwingen verliert eine ganze Saison und es gibt eine Parallele zum grossen Profisport: das Feilschen um TV-Gelder.

Die Absage aller Schwingfeste bis Ende August – was praktisch einer Annullierung der Saison gleichkommt – bringt das Schwingen im Gegensatz zum «Unterhaltungssport» Fussball und Eishockey nicht in wirtschaftliche Not. Verbandsgeschäftsführer Rolf Gasser sagt: «Wir kommen bei den Absagen mit einem blauen Auge davon.»

Die Organisatoren sind eben flexibel. Gemäss Rolf Gasser werden praktisch alle abgesagten Feste einfach in einem Jahr am gleichen Ort durchgeführt. Auch der Saisonhöhepunkt, das Eidgenössische Jubiläumsfest in Appenzell. Er schränkt allerdings ein:

Die Kosten sind gering. Zum überwiegenden Teil arbeiten in den Festorganisationen freiwillige Helfer, die weder Salär noch Spesen beziehen. Der grösste Kostenfaktor ist der Auf- und Abbau der Infrastruktur (Tribünen, Festwirtschaft). Die Feste sind rechtzeitig verschoben worden, die Infrastruktur-Kosten entfallen. Bereits gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit fürs nächste Jahr und der Vorverkauf für den Saisonhöhepunkt am letzten August-Wochenende in Appenzell wäre sowieso erst jetzt angelaufen.

Eine Besonderheit sind die bereits gesammelten Natural-Preise (Gaben). Viele sind mit der Jahrzahl 2020 versehen. Gasser sagt:

Das sei schon 2005 so gewesen, als das Unspunnenfest wegen einer Hochwasserkatastrophe um ein Jahr verschoben wurde.

Kommerzielle Unschuld längst verloren

Das Schwingen hat allerdings im 21. Jahrhundert seine kommerzielle Unschuld verloren. Inzwischen investiert die Werbewirtschaft im Jahr gut zweieinhalb Millionen in die Sägemehl-Titanen. Wenn es keine Auftritte gibt, sinkt der Werbewert. Trotzdem dürften die Schwinger finanziell weitgehend ungeschoren davonkommen. Die Werbeverträge enthalten in der Regel ein Fixum plus Prämien.

Ohne Wettkämpfe entfallen nur die Prämien. Kommt dazu, dass Sponsoring im Schwingen sehr oft nicht nur einen rein kommerziellen Zweck hat. Viele monetären Zuwendungen basieren mehr auf persönlichen Beziehungen und einem Bekenntnis zur Kultur dieses Sports, zur «Swissness», und haben einen tieferen Sinn als blosse Reklame. Da wäre es fast ein Sakrileg und ein Zeichen von schlechter vaterländischer Gesinnung, nun wegen einer verlorenen Saison um Geld zu feilschen.

Wie die grossen Sportarten geht es auch beim Schwingen um TV-Gelder. Unser staatstragendes Fernsehen SRF überweist pro Jahr für die Übertragungsrechte exakt 172'320 Franken in die Verbandskasse – im Vergleich zu den TV-Verträgen im Fussball oder Hockey eigentlich ein Almosen. Und trotzdem dürften die Leutschenbach-Bürogeneräle um diese Summe noch feilschen. Jedenfalls, sagt Rolf Gasser, brauche es noch Verhandlungen bis man wisse, wie viel TV-Geld fliesse.

TV-Sportchef Roland Mägerle lässt ausrichten:

Wie viel TV-Geld schliesslich bezahlt wird, ist eigentlich nebensächlich. Die Coronakrise stürzt das Schwingen nicht in eine existenzielle Krise. Und doch schmerzt die verlorene Saison. Gerade weil es nicht in erster Linie ums Geld, sondern um den sportlichen Geist geht.

Gerade in einem Sport, den keiner als Beruf ausübt, aber jeder mit umso grösserer Leidenschaft betreibt, ist ein monatelanger Ausfall fast aller Wettkämpfe schmerzhaft. Und wo Ruhm und Ehre wichtiger sind als die Kohle, schmerzt es die Titanen umso mehr, wenn sie durch den Ausfall aller grossen Feste die Möglichkeiten zu Kranzgewinnen verlieren, die nie mehr wiederkehren.

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