Trainings und Wettkämpfe
Schwingen ist wieder möglich, aber nur für die «Bösesten»

Die besten 120 Schwinger sollen wieder trainieren dürfen. Das freut nicht alle. Ausserdem: Wer bestimmt, wer die 120 besten sind? Aber: wofür trainieren? Finden dieses Jahr überhaupt Schwingfeste statt?

Klaus Zaugg
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Er darf wieder im Sägemehl trainieren: Schwingerkönig Christian Stucki.

Er darf wieder im Sägemehl trainieren: Schwingerkönig Christian Stucki.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Das Volk der Schwinger war die letzte «klassenlose Gesellschaft» im Sinne der marxistischen Theorie des Urkommunismus. Nicht nur, weil im Schwingen alle miteinander, unabhängig von ihrem Stande und ihrem Vermögen, per Du sind. Wer sich einem Schwingklub anschloss und fleissig übte, hatte die Möglichkeit, an einem Kranzfest teilzunehmen und dort mit etwas Einteilungs-Glück sogar gegen einen Schwingerkönig antreten zu können. Das war, bevor das Virus in die Welt kam.

Nun ist alles anders. Es gibt zumindest im Jahr 2021 auch im Schwingen eine Klasse der Privilegierten (sozusagen die Sägemehl-Nomenklatura). Der Verband kann also an seinem Grundsatz, alle Schwinger an den Schwingfesten teilnehmen zu lassen (sofern dafür keine sportliche Qualifikation notwendig ist), nicht mehr festhalten.

Das kommt so: die Nachwuchsschwinger (U 20) haben bereits die Bewilligung zur Wiederaufnahme des Trainings- und Wettkampfbetriebs bekommen. Nun dürfen ab dem 17. März auch die «Bösen» (im Schwingen sind die «Bösen» die sportlich Guten) zumindest für den Trainingsbetrieb (aber nicht für Wettkämpfe) wieder in die Hosen steigen. Aber eben nicht mehr, wie früher, alle. Nur die 120 «Bösesten». Die besten Mittelschwinger sind weiterhin aus den Schwingkellern ausgeschlossen.

Stefan Strebel, Technischer Leiter Eidgenössicher Schwingerverband.

Stefan Strebel, Technischer Leiter Eidgenössicher Schwingerverband.

zvg

Nun ist es an Stefan Strebel, dem technischen Leiter des Verbandes (wäre im Mannschaftssport ungefähr die Position des Nationaltrainers), diese 120 «Bösen» zusammen mit den fünf Teilverbänden zu nominieren.

Dabei zählen folgende Qualifikationen.

1. Eidgenössische Kranzschwinger

2.  Kranzgewinner der Teilverbands- und Bergfeste.

3. Je ein U 23-Talent aus allen fünf Teilverbänden.

Der Kreis der privilegierten Schwinger ist kleiner als beim Eidgenössischen

Der Schwingerverband ist, wie die Eidgenossenschaft, föderalistisch aufgebaut. Es obliegt also den fünf Teilverbänden, ihre Kandidaten Stefan Strebel zu melden und er gibt dann grünes Licht. Die Teilverbände haben nach dem gleichen Grundmuster wie bei einem Eidgenössischen Schwingfest Anspruch auf Plätze. Beim Eidgenössischen sind es allerdings 280. Hier geht es lediglich um 120.

Die Teilverbände sind nun daran, die Liste ihrer «Bösen» für Stefan Strebel zu erstellen. Eine heikle Angelegenheit. Nicht alle fünf Teilverbände sind von diesem Vorgehen begeistert. Dieses bei den Gralshütern des Sägemehls umstrittene Konzept kann ja nur dann umgesetzt werden, wenn es in der Schwinger-Regierung (im Zentralvorstand) abgesegnet wird. Einstimmigkeit gab es in dem siebenköpfigen Gremium (Obmann, Technischer Leiter plus ein Vertreter der fünf Teilverbände) nicht. Eine Mehrheit sei erst nach einem Meinungsumschwung der Berner möglich geworden.

Rolf Gasser, Geschäftsführer des Eidgenössischen Verbands.

Rolf Gasser, Geschäftsführer des Eidgenössischen Verbands.

Michael Schenk / SPO

Verbands-Geschäftsführer Rolf Gasser mag das weder bestätigen noch dementieren und sagt, etwas kurz angebunden: «Nehmen Sie einfach zur Kenntnis, dass es einen Mehrheitsentscheid für dieses Konzept gegeben hat.» Wir wollen nicht grübeln und lassen das so stehen.

Noch ist ungewiss, ob und wann es wieder Wettkämpfe geben wird

Nun wird also geklärt, wer ab dem 17. März in den Schwingkellern wieder üben darf. Aber nach wie vor ist ungewiss, wann wieder Wettkämpfe ausgetragen werden dürfen. Die Verbandsführung hat mehrfach bekräftigt, dass nach einem Jahr ohne Schwingen nun unbedingt wieder Feste stattfinden sollen. Einerseits, um auf dem Jahrmarkt des Sportes präsent zu bleiben. Andererseits, um den Schwingern eine Wettkampfgelegenheit zu bieten.

Notfalls sollen die Feste ohne Zuschauerinnen und Zuschauer stattfinden. Rolf Gasser sagt, es gebe keine zeitlichen Angaben, ab wann Feste wieder möglich seien: «Das hängt ganz vom Verlauf der Pandemie ab. Voraussagen sind nicht möglich.»

Anders als beispielsweise der Profifussball oder das Profihockey wird Schwingen sportjuristisch als Breiten- und nicht als Profisport deklariert. Deshalb sind erst Nachwuchswettkämpfe aber keine Schwingfeste erlaubt. Inzwischen haben die Veranstalter begonnen, Feste abzusagen oder auf Termine im Sommer und Herbst zu verschieben.

Verschiedene Feste am gleichen Ort

Es gibt Pläne, wie es im Falle einer Öffnung weitergehen soll. Gemäss Rolf Gasser ist vorgesehen, verschiedene Feste am gleichen Ort durchzuführen. «Beispielsweise wird im Falle einer Öffnung das Oberländische Schwingfest zwei Woche vor dem Brünig-Schwingest auf dem Brünig ausgetragen.»

In der Innerschweiz sei geplant, das Bergfest auf dem Stoos im Flachland in Ibach am gleichen Ort durchzuführen wo das Innerschweizerische Teilverbandsfest vorgesehen ist. Die beiden grossen eidgenössischen Anlässe – der Kilchberg-Schwinget und das Eidg. Jubiläumsfest in Appenzell – sollen notfalls ohne Publikum über die Bühne gehen.

Bei diesen Anlässen sind auch in normalen Zeiten sind nur die «Bösesten» zugelassen. Wie sollen dann die «Bösesten» ermittelt werden? Und gibt es überhaupt 2021 Kränze? Rolf Gasser sagt, eine Kranzabgabe sei möglich. Aber Kranzfeste auf allen Stufen werde es auch im Jahr 2021 nur geben, wenn der Breitensport wieder erlaubt ist und alle Schwinger, ob nun Spitzen- oder Mittelschwinger, teilnehmen können.

Wenn es keine Öffnung für den Breitensport gibt, aber das Jubiläumsschwingfest in Appenzell (120 «Böse») und der Kilchberg Schwinget (60 «Böse») durchgeführt werden können, dann werden erstmals in der Geschichte «Qualifikations-Feste» ohne Kranzabgabe durchgeführt. Um die «Bösen» für diese beiden eidgenössischen Anlässe zu nominieren. Der Wille zur Gleichheit ist also da und nur vorübergehend ist das Volk der Schwinger keine klassenlose Gesellschaft.