Eigentlich müsste man als Deutscher derzeit keinem Schweizer Skispringer zuhören. Die Stars stehen im eigenen Stall. Richard Freitag ist der Athlet der Stunde. Er kann momentan als Einziger seinen Konkurrenten auch mal um die Ohren fliegen.

Doch geht es um Simon Ammann, regt sich auch bei den vermeintlich Besten ein leiser Verdacht. Schliesslich ist Olympiasaison. Da schadet es vielleicht nicht, einmal beim Toggenburger Bauernsohn nachzufragen, was er im Hinblick auf Pyeongchang denn so plant. Ergo gehört Simon Ammann bei Olympia schon nur aus historischen Gründen zu den Verdächtigen. Selbst wenn er sich seit zwei Jahren faktisch von der Weltspitze verabschiedet hat.

Den roten Faden gefunden

Wie in Watte eingepackt stellt eine deutsche Journalisten die ultimative Frage: «Simon Ammann, was liegt drin in Südkorea?» Ammann nimmt den Ball auf. Er tue alles dafür, um im Februar zum Favoritenkreis zu gehören. «Zum erweiterten Favoritenkreis», präzisiert der vierfache Olympiasieger nach einer Denkpause. Derzeit sei ihm die Sorgfalt sehr wichtig.

Die Sorgfalt ist Simon Amman derzeit sehr wichtig

Die Sorgfalt ist Simon Amman derzeit sehr wichtig

Es sei ebenso verlockend wie gefährlich, drei Schritte auf einmal zu nehmen. «Wer überdreht, ist beim Skispringen schnell weg. Ich konzentriere mich darauf, in Ruhe Schritt für Schritt zu machen und in den notwendigen Details weiterzukommen», sagt der 36-Jährige. Noch fehle es an der Kontinuität bei der Landung, noch fühle er sich nicht immer frei beim Springen. Aber zum roten Faden habe er definitiv zurückgefunden.

Verlockend wäre es für Simon Ammann gewesen, beim einzigen Weltcupanlass in der Heimat auf tutti zu gehen und mit vollem Risiko den seit mehr als zwei Jahren vermissten Top-10-Platz anzupeilen. Die knappen Punktedifferenzen an der Weltspitze lassen Träume zu. Das realisiert auch Ammann. Aber er sieht ebenfalls, was passiert, wenn man einen zu grossen Schritt machen will. Wie sein langjähriger Konkurrent Gregor Schlierenzauer, der ebenfalls daran ist, zu alter Stärke zu finden.

Weitenmässig fast bei den Besten

Der Österreicher dominiert in Engelberg im Training, überzeugt in der Qualifikation, stürzt dann aber im Wettkampf zweimal ab. Er will schlicht zu viel auf einmal. So etwas versucht der Schweizer, tunlichst zu vermeiden. Aufblühende Zuversicht ist im Skispringen ein zu zartes Pflänzchen.

Ammann geniesst es, wieder unter den Weltbesten zu sein

Ammann geniesst es, wieder unter den Weltbesten zu sein

Und doch geniesst es Simon Ammann sichtlich, endlich wieder an den Klassenbesten anzudocken. Die blauen Augen leuchten, wenn er Auskunft über sein nicht immer einfach zu verstehendes Befinden gibt. Am Samstag liegt er nach dem ersten Sprung auf dem sechsten Rang, lässt Stoch, Kraft und selbst Freitag weitenmässig hinter sich. Am Sonntag erreicht er in der Qualifikation Bestweite und landet im Finaldurchgang dort wo es auch die Podestspringer Stoch und Kraft tun.

Dazu zeigt sich die Telemark-Landung auch bei für Ammann mit schlimmen Erinnerungen behafteten Nassschnee-Verhältnissen stabil. «Ich bin noch nicht in Topform», entschuldigt «Simi» den jeweils etwas schwächeren Wettkampfsprung an beiden Tagen. Es ist definitiv noch nicht Zeit für Träumereien. Aber es ist auch noch nicht Olympia.