Analyse

SC Bern – ein gescheiterter Meister ohne Zukunft

Die Berner Alain Berger, Calle Andersson und Marc Kämpf (von links) verlassen geschlagen das Lausanner Eis.

Die Berner Alain Berger, Calle Andersson und Marc Kämpf (von links) verlassen geschlagen das Lausanner Eis.

Die Analyse von Klaus Zaugg zu den verpassten Playoffs des SC Bern.

Zum zweiten Mal hintereinander hat der Meister die Playoffs verpasst. Vor einem Jahr waren es die ZSC Lions, die im allerletzten von 50 Spielen scheiterten. Jetzt hat es den SC Bern erwischt. Auch im 50. und letzten Spiel. Der SCB wie die ZSC Lions? Falsch. Das Scheitern hat völlig unterschiedliche Ursachen.

Das Scheitern der ZSC Lions war ein «Betriebsunfall» einer relativ jungen Mannschaft mit enormen Zukunftspotenzial. Geschuldet der Verführung des Schicksals: die Versuchung, Arno del Curto zu verpflichten, war einfach zu gross. Wenn der Trainer den Popstar-Status bekommt und wichtiger wird als das Team, ist Scheitern programmiert. Ohne Trainerwechsel hätten die Lions die Playoffs geschafft. Logisch also, dass sich die Lions rasch erholt und die Qualifikation nun gewonnen haben. Mit Trainer Rikard Grönborg, der die neue Zeit und das neue Eishockey personifiziert. Sportchef Sven Leuenberger wusste, warum er verloren hatte und zog daraus die richtigen Schlüsse.

Das Scheitern der Berner ist hingegen das unausweichliche Resultat eines durch sportliches Missmanagement verursachten schleichenden Zerfalls einer überalterten Mannschaft ohne Zukunft. Daran vermochte auch ein unnötiger Trainerwechsel nichts zu ändern.

Die durchaus mögliche Erneuerung der Mannschaft ist in geradezu sträflicher Art und Weise unterlassen worden. Die Strafe für diesen Stillstand ist hart: Mit einer der langsamsten und ältesten Mannschaften der Liga sind die Playoffs verpasst worden. Sportchef Alex Chatelain wusste nicht, warum der SCB Meister geworden war, erkannte nicht, dass es das meisterliche Erbe war, das ihm sein Vorgänger Sven Leuenberger überlassen hatte. So war er auch nicht dazu in der Lage, die richtigen Entscheidungen zu treffen. In Bern braucht es jetzt zwei bis drei Jahre, um das Fundament für ein neues Meisterteam zu bauen. Will der SCB eine sportliche Zukunft als Spitzenteam haben, ist es besser, wenn für den Neubau nicht die gleichen Architekten und Poliere beschäftigt werden wie für die soeben vollendeten sportlichen Abbrucharbeiten.

Die Berner Alain Berger, Calle Andersson und Marc Kämpf (von links) verlassen geschlagen das Lausanner Eis.

Die Berner Alain Berger, Calle Andersson und Marc Kämpf (von links) verlassen geschlagen das Lausanner Eis.

Das Scheitern des Titelverteidigers ist erfreulich. Weil es zeigt, wie ausgeglichen unsere Liga und wie gut unser Eishockey ist. Der SCB ist ein Hockeykonzern mit etwas mehr als 50 Millionen Umsatz, den grössten Zuschauerzahlen, den höchsten Gastronomie- und Werbeeinnahmen ausserhalb der NHL. Manager Marc Lüthi hat dieses Unternehmen aufgebaut, in diesem Jahrhundert nie rote Zahlen geschrieben und sechs Meisterschaften gewonnen. Aber die Erfolge der letzten Jahre (drei Titel in vier Jahren) haben im SCB die Balance zwischen Sport und Kommerz aus dem Gleichgewicht gebracht: Lüthi, auch Verwaltungsrat und SCB-Mitbesitzer, ist allmächtig geworden.

Aber «Mighty Marc» ist ein Mann des Geldes, nicht des Sportes. 2017 wechselte Sportchef Sven Leuenberger, im SCB-Konzern die starke Stimme des Sportes, zu den ZSC Lions. Sein Nachfolger Alex Chatelain verdankt sein Amt nicht seiner Kompetenz. Sondern der Gnade von Marc Lüthi. Logisch also, dass er seinem Chef nicht widerspricht, im SCB-Konzern der Sport kein Gewicht mehr hat, viel zu wenig in den Sport investiert wird und dieses Geld auch noch falsch investiert worden ist. Nie hatte ein Titelverteidiger so schwaches ausländisches Personal wie der aktuelle SCB. Lüthi hat erfahren müssen, dass sein SCB eben doch eine Hockeyfirma und kein Gastronomie-Unternehmen, keine Vermarktungsagentur ist. Wie zu Gotthelfs Zeiten: Geist ist wichtiger als Geld. Das ist gut so.

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