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Rote Karten, Prügeleien und zu hohe Ansprüche – darum hat es zu wenig Schiedsrichter

Claudio Bernold, Leiter Amateur-Schiedsrichter beim Schweizer Fussballverband.

Claudio Bernold, Leiter Amateur-Schiedsrichter beim Schweizer Fussballverband.

Dem Fussballverband fehlen Schiedsrichterinnen. Doch nicht nur der Frauenmangel bereitet Sorgen.

Der Amateurfussball findet in vielen grossen Medien in der Schweiz nicht statt. Ausser dann, wenn es Skandale gibt. Skandale, wie sie zuletzt gleich zweimal im Kanton Aargau vorgekommen sind. Im Zentrum der beiden Vorfälle: der Schiedsrichter. Ein Spieler des Drittligisten FC Würenlingen warf nach der Partie, in der er eine rote Karte gesehen hatte, einen Stein in Richtung des Schiedsrichters. Und einige Wochen zuvor hatten Spieler des Zweitligisten NK Prajde Möhlin den Schiedsrichter bis in die Garderoben verfolgt.

Zu noch einem schlimmeren Vorfall ist es im September 2018 in Genf gekommen. Ein Schiedsrichter wurde während einer 5.-Liga-Partie von drei Spielern verprügelt, nachdem er einem davon eine rote Karte gezeigt hatte. Als Folge davon streikten die Genfer Schiedsrichter mit der Forderung nach mehr Respekt. Über 200 Spiele fielen aus.

Claudio Bernold, der Leiter der Amateur-Schiedsrichter, glaubt aber nicht, dass solche gewalttätigen Vorfälle gegen die Unparteiischen zunehmen. Klare Zahlen dazu gibt es keine. «So wie wir die Situation wahrnehmen, nimmt die Gewalt weder zu noch ab. Sie bleibt wohl etwa stabil», sagt er. Schon früher sei es immer wieder zu Vorfällen gekommen. Heute verbreite sich mit Hilfe der digitalen Medien jedoch alles schneller. Bernold sagt:

Ansonsten, so Bernold, tauchten die Vorfälle oft erst in den Schiedsrichterrapporten nach der Partie auf – ohne, dass die Öffentlichkeit davon etwas mitbekommen hätte.

Akzeptieren, dass auch Schiedsrichter Fehler machen

Wenn es zu solchen heftigen Vorfällen komme, erschreckt auch der Schiedsrichter-Verantwortliche. «Doch solche Vorfälle zu verhindern ist nicht einfach. Wir schützen dabei die Opfer, die Täter werden zudem vom Verband meist massiv bestraft», sagt Bernold. Doch der Verband alleine könne diese Probleme nicht in den Griff bekommen. «Wir erwarten von den Vereinen eine klare Haltung gegenüber Gewalt auf Fussballplätzen. Es ist wichtig, dass viele engagierte Leute in den Vereinen sind, die Sorge dazu tragen, dass solche Vorfälle nicht passieren können», sagt Bernold.

Als wichtig erachtet Bernold, dass in den Vereinen verstanden wird, dass auch Schiedsrichter Fehler machen: «Häufig werden Amateur-Schiedsrichter mit Unparteiischen in der Champions League verglichen. Es gibt aber Gründe, warum die Schiedsrichter in ihren jeweiligen Ligen pfeifen. Ein 5.-Liga-Spieler spielt auch nicht auf dem Niveau von Topfussballern, dann muss er auch akzeptieren, dass der Schiedsrichter ebenfalls nicht auf dem allerhöchsten Niveau pfeift.»

«Fussballspiele leiten ist eine gute Lebensschule.»

Für Bernold lebt der Fussball mehr von Emotionen als andere Sportarten. Dennoch sei es wichtig, dass man sich nicht alles gefallen lasse. «Den Respekt gegenüber Gegenspielern und Spielleitern gilt es immer zu wahren. Immer! Sonst muss man sich ihn verschaffen. Da muss ein Schiedsrichter halt auch durchgreifen, mit Ermahnungen, gelben oder roten Karten.» Wer sich ein Spiel im Regionalfussball anschaut, fragt sich manchmal: Warum tut sich das der Schiedsrichter überhaupt an? Claudio Bernold, der selber einst in der Challenge League pfiff, ist diese Frage gewohnt.

Schon als er als 16-Jähriger als Schiedsrichter angefangen hatte, musste er sie immer wieder beantworten. «Viele machen es einfach aus Freude am Fussball», sagt er. Häufig hätten Schiedsrichter früher selber Fussball gespielt. Zudem könne man gerade als junger Schiedsrichter auch sein Sackgeld aufbessern. So erhält ein Schiedsrichter der B-Junioren für ein Spiel zwischen 80 und 100 Franken. «Für dieses Alter ist das gutes Geld. Wer es aber nur wegen dem Geld macht, hört damit rasch wieder auf. Dazu ist die Herausforderung zu gross», sagt Bernold. Er ergänzt:

Darum sagt Bernold, dass die regionalen Schiedsrichter-Kommissionen eine wichtige Funktion hätten, indem sie die Aus- und Weiterbildung der Spielleiterinnen und -leiter förderten.

Insgesamt gibt es in der Schweiz 4700 Schiedsrichter. Das sind aber eindeutig zu wenig für die rund 10'000 Partien, die pro Wochenende ausgetragen werden. Bei dieser Anzahl Partien muss zwar beachtet werden, dass auch Spiele ohne Schiedsrichter, zum Beispiel Partien im Kinderfussball, eingerechnet sind. «Doch sind wir auf Doppeleinsätze der Schiedsrichter angewiesen», sagt Bernold. So passiert es häufig, dass Schiedsrichter am Samstag ein Spiel in der 4. Liga und am Sonntag eines in der 5. Liga pfeifen. «Natürlich hätten wir gerne mehr Schiedsrichter, damit die Regionalverbände die Partien einfacher verteilen könnten. Doch es gibt zum Glück auch Schiedsrichter, die gerne Doppeleinsätze machen.»

Sorgen bereitet dem Schweizerischen Fussballverband aber der Frauenanteil der Unparteiischen. «Wir haben zu wenige Schiedsrichterinnen. Dies führt dazu, dass die Frauenspiele häufig von Männern geleitet werden. Unser Anspruch wäre es, dass mehr Schiedsrichterinnen auf dem Platz stehen», sagt Bernold. Der Boom im Frauenfussball hat die Schiedsrichter offenbar noch nicht erreicht.

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