Eishockey

Reto von Arx – der Boykotteur ohne Trainerdiplom

An seiner Rolle in der Schweizer Nationalmannschaft scheiden sich die Geister: Neo-Assistenztrainer Reto von Arx.

An seiner Rolle in der Schweizer Nationalmannschaft scheiden sich die Geister: Neo-Assistenztrainer Reto von Arx.

Fast 20 Jahre lang hat Reto von Arx als Führungsspieler des HC Davos die Schweizer Eishockeyszene mitgeprägt. Von den gegnerischen Fans wurde er oft ausgepfiffen. Auch an seiner neuen Rolle im Nationalteam haben nicht alle Freude.

Die Schweizer Lösung im Trainerstaff der Nationalmannschaft finde er «mehr als gut». Persönlich hätte er Felix Hollenstein allerdings Patrick Fischer als Headcoach vorgezogen, sagt Peter Zahner, CEO der ZSC Lions und zu Zeiten von Ralph Krueger langjähriger Nationalteam-Direktor. Ein «No-Go» sei hingegen die Verpflichtung von Reto von Arx als Assistenztrainer. «Das geht gar nicht!», ereifert sich Zahner, «erstens wegen des ‹Fall von Arx› an und für sich, dann aber auch aus grundsätzlichen Überlegungen.»

Frühzeitger Nati-Rücktritt

Reto von Arx habe sich der Nationalmannschaft als Spieler seit 2002 verwehrt, seit er nach dem überzogenen Ausgang an den Olympischen Spielen in Salt Lake City nach Hause geschickt worden war, bemerkt Zahner. Der Emmentaler habe sich nicht nur geweigert, wieder unter Ralph Krueger zu spielen. Er habe später ein Nati-Comeback auch unter Sean Simpson abgelehnt. «Jemand, der seit 2002 die Nationalmannschaft boykottiert hat, figuriert jetzt plötzlich im Staff des Nationalteams; das ist sehr komisch», stellt Zahner fest. Und er ergänzt. «Der neue Headcoach Fischer appelliert bei jeder Gelegenheit, die Spieler sollen mit Freude in die Nati kommen, das Schweizerkreuz mit Stolz tragen und die Schweiz mit Stolz vertreten. Ausgerechnet einer von Fischers Trainerkollegen lebte diese Anforderung seit 2002 nicht. Für mich ist das ein absolutes ‹No-Go›.»

Sein Fett bekommt von Zahner auch Swiss Ice Hockey ab. «Es kann grundsätzlich nicht sein, dass im Nationalteam jemand Trainer oder Assistent ist, ohne einen Trainerkurs besucht zu haben, ohne Diplom und ohne Erfahrung als Trainer auf dem Eis und an der Bande», so der ZSC-Lions-CEO. Für die Nachwuchsförderung würden die Klubs Sport-Toto-Gelder erhalten. Mit deren Auszahlung seien extrem viele Auflagen verbunden, sonst würden die Beiträge gekürzt.

Alles was zählt, ist die Zukunft

«Unter anderem müssten die Trainer eine adäquate Ausbildung vorweisen. Wir werden vom Eishockeyverband geldmässig bestraft, wenn unsere Trainer die erforderliche Ausbildung nicht haben», bemerkt Zahner. «Im gleichen Büro wird jedoch entschieden, dass es in Ordnung ist, wenn ein nicht ausgebildeter Trainer eine Assistenzrolle in der Nationalmannschaft einnimmt.» Diese Feststellung sei grundsätzlicher Art, «aber sie macht mich verrückt», so Zahner.

Was im «Fall von Arx» vor 13 Jahren in Salt Lake City geschah, sei Fakt. Das lasse sich nicht wegdiskutieren, sagt Raeto Raffainer, seit Anfang Februar dieses Jahres Nationalmannschafts-Direktor. «Von Arx hat 2002 seinen Entscheid gefällt, nie mehr fürs Nationalteam zu spielen, und diesen durchgezogen. Für mich ist wichtiger, was Reto von Arx in Zukunft einbringt, als das, was er in der Vergangenheit gemacht hat», meint Raffainer. «Es ist meine Aufgabe, das Programm aller Nationalmannschaften zu stärken. Da ist es geradezu meine Pflicht, einen mit einem derartigen Leistungsausweis, wie ihn Reto von Arx als Spieler aufweist, fürs Schweizer Eishockey zu gewinnen.»

Die Entwicklung gehe generell auch bei den Trainern immer mehr in Richtung Spezialisten, stellt Raffainer fest. Bezüglich von Arx hat er klare Vorstellungen. «Wir sind bei allen Schweizer Nationalteams bei den Mittelstürmern zwar nicht qualitativ, aber zahlenmässig dünn aufgestellt, selbst in der A-Nationalmannschaft. Da liegt es auf der Hand, dass sich Spezialisten um die Centerposition – zum Beispiel für Bullys oder Boxplay- und Powerplay-Situationen – kümmern», so Raffainer.

Er liess seine Beziehungen spielen

Während sich Reto von Arx erst noch in seine neue Rolle als Assistenztrainer an der Bande und auf dem Eis einarbeiten muss, konnte er seinen positiven Einfluss neben dem Eis bereits geltend machen. Reto von Arx suchte vor der Arosa Challenge das Gespräch mit HCD-Trainer Arno Del Curto und holte dessen Zugeständnis ein, sodass am Freitag und gestern in Arosa gleich fünf Akteure des Schweizer Meisters im Nationalteam spielten – trotz des bevorstehenden zusätzlichen Davoser Stressprogramms mit dem Spengler-Cup in der Altjahrswoche und den beiden Champions-League-Halbfinalspielen im Januar. «Ich wollte die neue Trainercrew in der Nationalmannschaft unterstützen und ihr zu einem guten Start verhelfen», begründet Del Curto die Freigabe seiner Schlüsselspieler.

Doch was sagt von Arx zur Kritik an seiner Person bezüglich Nationalteam-Vergangenheit? «Sie störte mich nie, und sie wird mich auch in Zukunft nicht stören», erklärt der Emmentaler. «Ich hatte nie ein gestörtes Verhältnis zur Nationalmannschaft. Meine Differenzen hingen direkt mit dem Trainer zusammen. Deshalb glaube ich, dass meine Vergangenheit ein kleiner Fisch ist.» Mit dem Trainer meint von Arx übrigens Ralph Krueger, und Nationalmannschafts-Direktor war zu jener Zeit Peter Zahner.

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