Holstein Kiel, das Überraschungsteam der 2. Bundesliga, hat rechtzeitig für das erste der beiden Relegations-Duelle eine zusätzliche Motivation erhalten: Von der Deutschen Fussball Liga (DFL) gab es die ersehnte Ausnahmegenehmigung für einen Verbleib im eigenen (Klein-)Stadion auch im Falle des Aufstiegs.

Wolfsburg ist also gewarnt. Denn klar ist auch: Sollte der VfL im Rückspiel am kommenden Montag in Kiel absteigen, wäre es eine Blamage höchster Kategorie. Allein der Personaletat der Wölfe ist mit etwa 60 Millionen Euro rund zehnmal so hoch wie beim Gegner. Zudem setzte sich in den insgesamt 19 Bundesliga-Relegationsduellen seit 1982 14 Mal der Erstliga-Klub durch.

Was bitte ist Holstein Kiel?

Die Angst vor dem ersten Abstieg nach 21 Jahren in der deutschen Eliteklasse geht dennoch um. Als Mannschaft hat Wolfsburg nur selten funktioniert. In den Relegationsspielen im vergangenen Jahr gegen Eintracht Braunschweig (1:0, 1:0) musste der VfL hart für den Ligaverbleib kämpfen.

Dennoch muss Trainer Labbadia seinen Profis erst einbimsen, dass von Holstein ernsthafte Gefahr ausgeht. Angreifer Divock Origi hatte nach eigenem Bekunden bis zum Wochenende noch nie etwas vom kommenden Gegner Holstein Kiel gehört. Das hindert die Kieler nicht im Geringsten daran, an ihre Chance zu glauben, als erster Klub aus Schleswig-Holstein in die Bundesliga einzuziehen.

Holstein ist keinesfalls per Zufall auf Rang drei des Bundesliga-Unterhauses gelandet. Die «Störche» haben nur sechs Niederlagen kassiert – die wenigsten in der Liga. Dazu stellten sie mit 71 Toren den besten Sturm und wollen auch gegen Wolfsburg offensiv agieren. 

Wolfsburg vor dem Umbruch

Derweil stellt sich der VfL Wolfsburg nach einer schwer enttäuschenden Saison neu auf. Jörg Schmadtke soll als Sportchef den Volkswagen-Klub endlich wieder flott machen. Knapp 70 Millionen Euro für Transfers, drei Trainer und viele frustrierte Gesichter: Wolfsburg hat in der abgelaufenen Bundesliga-Saison ein jämmerliches Bild abgegeben und ist seinen Ansprüchen meilenweit hinterhergelaufen.

Im Sommer soll es einen Neuanfang bei den Niedersachsen geben. Egal, ob in der 1. oder 2. Bundesliga – das Führungschaos soll mit Schmadtke ein Ende haben.

In der gesamten Saison war bei den Wölfen der Wurm drin. Die permanente Unruhe beim Hauptsponsor Volkswagen mit Diesel-Skandal und Führungsumbau färbte auch auf den Werksklub ab, mitten im Abstiegskampf wurde ein Wechsel des Aufsichtsrats vollzogen. Dort steht nun VW-Finanzvorstand Frank Witter an der Spitze und kann sich anscheinend schnell einen Personalcoup auf die Fahne schreiben. Denn Schmadtke ist ein profilierter Mann.

Viele Einzelkönner – kein Team

Der frühere Torhüter stand schon bei Alemannia Aachen, Hannover 96 und dem 1. FC Köln auf der Kommandobrücke. Nach seinem Rücktritt in Köln im Oktober 2017 ist er ohne Job. Mit Schmadtke soll endlich das Machtvakuum bei den Niedersachsen ausgefüllt werden, das seit dem Abgang von Klaus Allofs im Dezember 2016 herrschte. Einen Geschäftsführer Sport hat es danach nicht mehr gegeben, vieles blieb Stückwerk. 

«Wolfsburg ist für mich unerklärlich. Die Art und Weise, das Auftreten, diese Behäbigkeit», sagte Eurosport-Experte Matthias Sammer zuletzt. Das große Potenzial seiner Einzelkönner hat der Klub in den vergangenen Jahren nicht mehr bündeln können. Allofs hat dafür eine Erklärung: «Gerade in Wolfsburg braucht man Spieler, die sich mit der Aufgabe zu einhundert Prozent identifizieren», sagte er bei Sky.

Nun soll Schmadtke den Reset-Knopf drücken und den VfL wieder in die Erfolgsspur führen. Wenn es sein muss, auch in der 2. Liga. (sid)