Rapperswil-Jona
«So toxisch war die Atmosphäre»: Wie der Kanadier Jeff Tomlinson die miserablen Lakers in respektable verwandelte

Trainer Jeff Tomlinson hat die Rapperswil-Jona Lakers zum Triumph über Lugano und in den Halbfinal geführt – Ende Saison muss er trotzdem gehen.

Klaus Zaugg
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Jeff Tomlinson hat sich bei den Rapperswil-Jona Lakers grossen Respekt verschafft.

Jeff Tomlinson hat sich bei den Rapperswil-Jona Lakers grossen Respekt verschafft.

Bild: Marcel Bieri/Keystone (Langnau, 19. Dezember 2020)

Als Jeff Tomlinson (50) im Sommer 2015 die Rapperswil-Jona Lakers übernimmt, sind es die Miserablen. Dreimal in vier Jahren haben sie den letzten Platz in der höchsten Liga belegt und sind schliesslich von Langnau im Frühjahr 2015 in der Liga-Qualifikation relegiert worden. Nun wird der Kanadier Rapperswil-Jona nach sechs Jahren verlassen. Er hat die Miserablen in Respektable verwandelt: Wiederaufstieg 2018, Cupsieg 2018 und jetzt gar der erste Vorstoss in den Halbfinal seit 2006. Der Viertelfinal-Triumph über Lugano hat historische Dimensionen: Der Zehnte hat den Zweiten der Qualifikation eliminiert. Das hat es, auch modusbedingt, noch nie gegeben.

Die Ostschweizer sind mit ihrem scheidenden Trainer auf einer Mission. Die emotionale Bindung zwischen den Spielern und ihrem Trainer ist eine aussergewöhnliche. Im Laufe der gemeinsamen Zeit musste der Kanadier 2019 eine Nierentransplantation durchstehen. Sein Bruder spendete ihm eine Niere. Ein Schicksal, das ein Leben verändert hat.

Bei seinem Antritt war die Atmosphäre toxisch

Dem Fachmagazin «Slapshot» hat er über diese Zeit gesagt: «Das war schon eine krasse Erfahrung. Die verdammte Dialyse war hart. Ich habe das unterschätzt. Aber auch da: Ich hatte Glück. Ich lernte in jener Zeit jemanden kennen, der seit über zehn Jahren dauernd zur Dialyse muss. Da wird dir bewusst, wie unendlich privilegiert du bist. Ich sehe vieles anders. Positiver. Und ich ärgere mich weniger. Alles in allem kann ich sagen, dass ich seither keinen einzigen schlechten Tag mehr erlebt habe.» Der unfreiwillige Abschied vom Trainer – die Lakers wollen sich neu orientieren– dürfte das «Wir-Gefühl» zwischen Chef und Spielern noch intensiviert haben.

Auf die Frage, ob der Abschied schmerzt, hat Jeff Tomlinson gesagt: «Ich wäre gerne geblieben, keine Frage, und im ersten Moment war der Entscheid sicherlich enttäuschend. Aber ich habe dann relativ schnell meinen Frieden gefunden. Zumal es eine Entwicklung war, die mich nicht überrascht hat.» Jeff Tomlinson hat alles richtig gemacht und muss trotzdem gehen. Er scheidet ohne Zorn. «Ich hatte hier eine wundervolle Zeit. Ich habe diesen Klub und sein Umfeld wirklich schätzen gelernt. Es ist ziemlich familiär hier, das hat mir gut gefallen. Als Trainer bist du ja gut beraten, nur grüne Bananen zu kaufen, weil das Geschäft so schnelllebig ist. Sechs Jahre, das ist toll. Und nicht selbstverständlich. Gerade hier. Als ich kam, war der Klub am Boden. Man konnte die Negativität im Stadion fast aus der Luft schneiden. So toxisch war die Atmosphäre. Wenn wir ein Gegentor erhielten oder verloren, hauten die Fans auf das Dach oberhalb der Spielerbank. Das war so verdammt laut, ich bin immer richtig erschrocken. Und es hatte den Effekt, dass den Spielern das Selbstvertrauen verloren ging.» Die Miserablen eben.

Spieler entwickelt, die anderswo durchfielen

Wie ist die Entwicklung zu den Respektablen möglich geworden? Jeff Tomlinson sagte gegenüber «Slapshot», er habe die Reaktion der Zuschauer nicht verstanden und sie schliesslich gefragt, ob sie für oder gegen die Lakers seien. Es habe ein paar hitzige Wortgefechte gegeben. Mit nicht druckreifen Worten auch von seiner Seite. «Aber das musste aufhören und es hat bei den Spielern auch etwas ausgelöst. Sie haben gesehen: Da wehrt sich einer für uns.» Der Kanadier hat die Ziele nicht nur erreicht, mit dem Halbfinal hat er sie nun übertroffen.

«Als ich hierhin kam, kannte mich ja keiner. Tomlinson? Aus Deutschland? Nie gehört. Ich weiss nicht, ob diese Zweifel je verschwunden sind.»

Sportchef Janick Steinmann traut Jeff Tomlinsons schwedischem Nachfolger Stefan Hedlund die Weiterentwicklung der jungen Spieler eher zu. Eine der Absurditäten in diesem Geschäft. Denn Jeff Tomlinson hat aus den Miserablen gerade deshalb die Respektablen gemacht, weil er es verstanden hat, Spieler zu entwickeln, die bei der Konkurrenz durchgefallen sind. «Gut, dass Sie das ansprechen. Weil das wirklich totaler Bullshit ist. Wie hat sich ein Dominik Egli entwickelt? Ein Melvin Nyffeler? Ein Marco Lehmann? Ein Nando Eggenberger? Bei uns spielen die Jungen Powerplay und erhalten Verantwortung.» Wenn die Nachwuchsförderung als Grund für den Trainerwechsel aufgeführt werde, dann könne er nur lachen.

Jeff Tomlinsons Nachfolger Stefan Hedlund (45) wird in grossen Schuhen stehen. 2006 konnten sich die Lakers mit dem Amerikaner Bill Gilligan nach ihrem vorerst letzten Halbfinal der Geschichte auch nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen und schwenkten von einem nordamerikanischen auf einen skandinavischen Trainer um. Mit dem ersten Arbeitstag seines Nachfolgers Kari Eloranta begann das Zeitalter der Miserablen. Drei Jahre später waren die Lakers schon in den Playouts angelangt.