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Neuer Weltrekord: Keiner fährt mehr Kilometer in einer Stunde als er

Jens Voigt knackte im Velodrome von Grenchen als erster deutscher Radprofi den Stundenweltrekord. Der 43-jährige Altmeister fuhr eine Distanz von 51,115 km und übertraf die alte Marke damit klar.

Mehr als anderthalb Minuten hatte Jens Voigt noch Reserve, als er die alte Rekordmarke des Tschechen Ondrej Sosenka von 49,7 Kilometern passierte. Das Grenchner Velodrome bebte unter dem Hardrocksound aus den Lautsprechern und dem Applaus der 1600 Zuschauer. Voigt legte die letzten Runden zurück, bis er die Stunde vollendet hatte. 51,115 Kilometer zeigte das Distanzmessgerät am Ende an – und damit eine neuen Stundenweltrekord.

«Ich bin überglücklich und stolz, dass es gereicht hat. Ich könnte mir keinen schöneren Abschied vorstellen», sagte Voigt, der seine 33 Jahre lange Karriere als Rennfahrer mit dem Rekord beendete. Dass es reichen würde, hatte sich schon früh abgezeichnet. Von Beginn weg lag Voigt konstant über dem minimal angestrebten Stundenmittel von 50,3 km, ohne seine aerodynamische Position je zu verlassen. Erst nach Rennhälfte kam Voigt einige Male aus dem Sattel, um seine Gesässmuskulatur zu lockern. Am Schluss hatte der 43-jährige Deutsche, der vom Schweizer Bahn-Nationaltrainer Daniel Gisiger stets über den aktuellen Stand informiert wurde, sogar noch Reserven. «Ich war so motiviert, dass ich fast einen Tick zu schnell gestartet bin. Aber dann habe ich es geschafft, richtig zu dosieren», sagte Voigt nach dem Rennen: «Gegen Ende wurde es hart, ich kann vor Schmerzen kaum mehr gehen.»

Voigt hat mit seinem letzten Rennen nicht nur ein langen Lebensabschnitt abgeschlossen, sondern auch ein neues Kapitel in der Geschichte des Radsports begonnen. Mit seinem Rekord hat er seinen Teil dazu beigetragen, einer der ältesten Disziplinen seiner Sportart wieder neues Leben einzuhauchen. Der traditionsreiche Stundenweltrekord, dessen Ursprung auf das Jahr 1893 zurückgeht, hat in den letzten zwei Jahrzehnten einiges an Prestige eingebüsst.

Das hat auch damit zu tun, dass sich die UCI in Jahr 2000 dazu veranlasst sah, im Nachhinein die Rekordmarken aus den Jahren 1984 bis 1996 zu annullieren. Dies offiziell, weil sie mit aerodynamisch hochgezüchteten Spezialrädern erzielt worden waren, die mit herkömmlichen Velos nur noch wenig zu tun hatten – mit dem durchaus nicht unerwünschten Nebeneffekt, dass damit eine vom Blut- und Epodoping geprägte Epoche aus den Rekordlisten getilgt wurde.

Neu steht dort hingegen der Name Jens Voigt. Der Deutsche war der erste Fahrer, der den Ball aufnahm, den der Weltverband im Frühling mit einer neuerlichen Regeländerung in die Bahn warf. Neu sind zeitgenössische Bahnvelos mit Triathlonlenkern und Scheibenrädern wieder zugelassen. «Jens hat genau das getan, was wir uns durch Anpassung der Regeln an heutige Technik erhofft hatten», sagte UCI-Präsident Brian Cookson, der den Rekord im Velodrome mitverfolgte. «Jetzt haben wir einen neuen Standard, an dem sich weitere Fahrer messen können.»

Folgen jetzt die Spezialisten?

Bereits vor der Regeländerung hatten mehrere Fahrer ihr Interesse an einem Rekordversuch bekundet – allen voran Fabian Cancellara, der seine Motivation allerdings primär aus der Aussicht schöpfte, sich mit einen vergleichbaren Velo mit Eddy Merckx zu vergleichen, der 1972 in Mexiko 49,431 Kilometer zurückgelegt hatte. Ob der Berner die Herausforderung auch mit den neuen Regeln annimmt, lässt er noch offen. Jens Voigt wünscht sich dies: «Ich hoffe, dass jetzt die Zeitfahrspezialisten wie Fabian Cancellara, Bradley Wiggins und Tony Martin einen Versuch unternehmen.»

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