Rolf Järmann, zahlreiche frühere Schweizer Radprofis stehen in der laufenden Tour de Suisse im OK oder als Fahrer von Gästefahrzeugen im Einsatz. Sie fehlen hingegen.

Rolf Järmann: Mich kann man schon sehen, aber versteckt als Zuschauer am Strassenrand. Ich sehe die Tour de Suisse gerne, aber ich muss nicht in der Organisation oder sonst jeden Tag unterwegs sein.

Bis zu Ihrem Rücktritt im Jahr 1999 waren Sie während 13 Jahren als Radprofi tätig. Haben Sie mit dem Radsport definitiv abgeschlossen?

Ich verfolge das Radsportgeschehen schon noch etwas. Wenn ich am Fernsehen auf die Übertragung eines Radrennens stosse, kann ich nicht weiterzappen, dann schaue ich das Rennen zu Ende. Es ist aber nicht so, dass ich täglich die neuesten Ergebnisse im
Internet abrufen würde.

Während Ihrer Karriere haben Sie grosse Erfolge gefeiert. Heute kennt man Sie aber primär als jenen Rolf Järmann, der sich im Jahr 2000 als Epo-Sünder outete. Warum taten Sie dies?

Ich wollte, dass ein Radprofi auspackt und sagt, wie es bezüglich Doping wirklich ist, damit auch die Öffentlichkeit die Hintergründe sieht, weshalb zum Doping gegriffen wird. Daneben gab es Eigeninteressen, um mein Gewissen zu erleichtern.

Haben Sie Ihr öffentliches Geständnis nie bereut?

Nein, absolut nicht. Im Nachhinein kann ich sagen, war es besser, dass ich mich outete. Denn so kann ich zu meiner Meinung stehen; ich muss nicht immer überlegen, was ich sagen darf und was nicht. Jetzt kann ich reden, wie mein Schnabel gewachsen ist. Das macht mein Leben bedeutend einfacher.

Seit Ihrem Rücktritt ist bezüglich Dopingbekämpfung viel geschehen. Ist die laufende Tour de Suisse
sauber?

Sie ist so sauber, weil wahrscheinlich kein Fahrer erwischt wird. Ob sie allerdings ganz sauber ist, bezweifle ich. Ich glaube, dass keine Sportart, die auf höchstem Niveau durchgeführt wird, ganz sauber ist.

Sie stellten aber letzte Woche an einem Podiumsgespräch fest, der Radsport sei sauberer geworden.

Ich behaupte sogar, dass der Radsport im Moment eine der saubersten Sportarten überhaupt ist, weil man sich am meisten mit der Dopingproblematik befasst hat. Andere Sportarten sind noch lange nicht so weit bezüglich Dopingbekämpfung. Sie verschweigen die Problematik oder zeigen mit dem Finger auf den Radsport. Der Radsport büsst, weil am meisten Skandale offenkundig werden. Ich bin trotzdem hundertprozentig überzeugt, dass er einer der saubersten Sportarten ist. Nirgends sonst werden so viele Kontrollen vorgenommen und wird so konsequent kontrolliert. Ein Beispiel: 2011 führte der internationale Tennisverband gerade mal 21 Blut-Trainingskontrollen durch, der Radsportverband im selben Zeitraum hingegen mehr als 3000!

Sie sagen selber, dass der Ruf des Radsports nicht besonders gut ist. Trotzdem investieren nach wie vor viele und auch grosse Sponsoren ins Radmetier.

Sponsoren engagieren sich dort, wo sie auch profitieren können. Vom Radsport können Geldgeber wirklich profitieren. Und jetzt ist es auch wieder berechtigt, dass die Sponsoren einsteigen. Es gibt kaum eine andere Sportart, in welcher der Sponsor so schnell eine so grosse Reichweite erzielen kann. Im Fussball zum Beispiel wissen nicht viele, welcher Name die Spielertrikots des FC St. Gallen ziert.

Interessiert es den Grossteil der Zuschauer überhaupt, ob Athleten gedopt sind?

Das ist schwierig abzuschätzen. Der Radsport hat wegen der Dopingaffären bestimmt an Ansehen verloren. Grundsätzlich sind die Zuschauer aber nach wie vor fasziniert, etwa von den Grosskämpfen in den Bergen. Auch Fahrer, die gedopt sind, bringen noch grosse Leistungen. Ich sehe mir Bergetappen noch heute gerne an.

Die Zuschauer wollen Spektakel sehen und nicht stundenlange Übertragungen von Spurtetappen, die auf dem letzten Kilometer entschieden werden.

So ist die Gesellschaft. Die Leute wollen Spektakel und unterhalten werden. Sie wollen den Alltag vergessen, wenn sie Sport sehen. Wenn sie das Leichtathletik-Meeting in Zürich verfolgen, interessiert es sie nicht, ob der Weltrekord mit oder ohne Doping zustande gekommen ist oder nicht, Hauptsache, es gibt einen Weltrekord. Der erste Blick nach dem Zieleinlauf geht doch immer Richtung Uhr.

Was schliessen Sie daraus?

Würde man bei einem 100-Meter-Lauf die Rangliste aufgrund des Einlaufs ohne Zeitmessung machen, wären die Medien und Zuschauer die Ersten, die aufschreien würden. Sie wollen wissen, ob es unter zehn Sekunden ist, unter 9,9 oder gar unter 9,8. Die Gesellschaft ist nun mal so.