Radstar und medaillenhoffnung
Marc Hirschi ist nach seinem Team-Wechsel im Zwiespalt: Olympische Spiele oder Tour de France?

Radsportler müssen sich in diesem Jahr zwischen der Tour de France oder den Olympischen Spielen entscheiden. So will es die japanische Quarantäne-Regel. Für die Schweizer Medaillenhoffnung Marc Hirschi könnte das Folgen haben.

Raphael Gutzwiller
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Marc Hirschi: Startet er an den Olympischen Spielen?

Marc Hirschi: Startet er an den Olympischen Spielen?

Bild: UAE Team Emirates

Was ist wichtiger für einen Radsportler: Die Tour de France oder die Olympischen Spielen in Tokio? Es ist eine undankbar und schwierige Entscheidung, welche die Athleten zur Planung ihrer Saison fällen müssen. Am 18. Juli endet die Tour de France, am 24. Juli findet das olympische Strassenrennen der Männer statt.

Eine Teilnahme an beidem scheint deshalb nur erschwert möglich. Die Athleten bräuchten nach der Rundfahrt eine längere Erholungszeit, zumal Reisestress und Zeitverschiebung dazu kommt. Noch kritischer ist aber ein anderer Punkt: Seit dem 1. Januar gilt in Japan eine vierzehntägige Corona-Quarantäne. Ein grosses Problem für alle Sportler, die an den Spielen teilnehmen möchten. Anders als in vielen anderen Sportarten stehen im Radsport die Olympischen Spielen nicht über allem. Ein Triumph an der Tour de France ist ähnlich wichtig wie Edelmetall an den Spielen.

Hirschi ist ein wichtiger Helfer an der Tour

Tadej Pogacar will 2021 seinen Triumph vom Vorjahr wiederholen.

Tadej Pogacar will 2021 seinen Triumph vom Vorjahr wiederholen.

Bild: Sebastien Nogier (Paris, 20. September 2020)

Marc Hirschi, der Schweizer Shootingstar, präsentierte am Montag gemeinsam mit seinem neuen Team UAE Emirates die Planung für die neue Saison. Neben den Ardennenklassiker, an denen er als Teamleader antreten wird, ist er auch fest für die Tour de France vorgesehen. Dort soll er Vorjahressieger Tadej Pogacar unterstützen. Hirschi sagt:

«Ich bin sehr motiviert, Tadej zu helfen. Es werden sicherlich drei schöne Wochen.»

Auch auf Hirschis Plan sind die Olympischen Spiele. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Hirschi von einer Medaille träumt. Und dank seiner WM-Bronzemedaille hat er bereits bewiesen, dass er auch im Nationalteam an Grossanlässen begeistern kann. Für olympisches Edelmetall müsste er die Tour de France aber wohl vorzeitig abbrechen.

Marc Hirschi jubelt über seinen Etappensieg an der Tour de France 2020.

Marc Hirschi jubelt über seinen Etappensieg an der Tour de France 2020.

Bild: Jan De Meuleneir/Freshfocus (Laruns, 19. September 2020)

Doch kann sich ein wichtiger Helfer wie Hirschi vom Team losreissen, um seine privaten Ziele zu verfolgen? Wird UAE Hirschi auch dann freistellen, wenn Pogacar in der letzten Tour-Woche noch Chancen auf den Sieg hat und ihn als Helfer braucht? Und was ist, wenn plötzlich Hirschi selber im Gesamtklassement gut drin ist? Würde er dann tatsächlich die Tour abbrechen? Es sind Fragen, die zu Diskussionen innerhalb der Teams führen wird. Das gilt insbesondere auch für jene Athleten wie den Slowenen Pogacar, die im liebsten Fall doppelt triumphieren würden. Das wird 2021 aber wohl kaum möglich sein.

Was macht Schurter-Konkurrent van der Poel?

Mathieu van der Poel (rechts) will gegen Nino Schurter (links) um Olympiagold auf dem Mountainbike kämpfen.

Mathieu van der Poel (rechts) will gegen Nino Schurter (links) um Olympiagold auf dem Mountainbike kämpfen.

Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Lenzerheide, 9. August 2019)

Ein Spezialfall ist der Niederländer Mathieu van der Poel, der auf dem Mountainbike die Goldmedaille gegen den Bündner Nino Schurter gewinnen, zuvor aber erstmals an der Tour de France antreten will. «Ich glaube, ich bin es den Sponsoren schuldig, an der Tour teilzunehmen», so van der Poel. «Der Zeitpunkt der Tour liegt sehr ungünstig. Für mich ist sie nach den Olympischen Spielen zweitrangig, aber ich gehe auch nicht nach Frankreich, um nach zehn Etappen bereits wieder abzureisen.»

Wegen des Terminchaos möchte das Belgische Olympische Komitee gemäss der belgischen Zeitung «Het Laatste Nieuws» eine Ausnahmeregelung für Radfahrer erwirken. Die Erfolgschancen dafür dürften aber gering ausfallen. Ein intensiver Austausch zwischen IOC und Japan soll noch nicht stattgefunden haben. Die Hoffnung in der Radsportszene ist, dass bis im Juli mehrere Tests und Impfpflicht ausreichend sein werden.