Radsport
Auf den Spuren des Erfolgs: Darum sind die Schweizerinnen auf dem Velo so erfolgreich wie noch nie

Auf den Spuren des Erfolgs Die Schweizer Radfahrerinnen sind so erfolgreich wie noch nie. Das hat mit einer speziellen Förderung zu tun.

Raphael Gutzwiller
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Tina Zueger (links) und Linda Indergand während den Swiss Medical Days.

Tina Zueger (links) und Linda Indergand während den Swiss Medical Days.

Anthony Anex / Keystone

Es ist ein ungewohnter Anblick. Die Mountainbikerinnen und die Strassenfahrerinnen drehen für einmal ihre Runden im grossen Rund des Velodrome in Grenchen. Fast alle sind sie gekommen, die in diesem Jahr für Schlagzeilen sorgten: Mit Sina Frei und Linda Indergand Olympia-Silber und Bronze im Mountainbike, mit Marlen Reusser Silber im Zeitfahren.

Gemeinsam mit vielen anderen Schweizer Kaderathletinnen sind sie nach Grenchen gekommen, um an den sogenannten «Medical Days» den Startschuss für die neue Saison zu legen. Auf dem Programm stehen ärztliche Untersuchungen, Inputs aus den Bereichen Ernährung, Psychologie, Physiotherapie und das Stärken des Teambuildings.

Linda Indergand (links) und Anina Hutter treten in die Pedale.

Linda Indergand (links) und Anina Hutter treten in die Pedale.

Anthony Anex / Keystone

Dieser Zusammenzug steht sinnbildlich für die Förderung des Frauenradsports in der Schweiz. Vor einigen Jahren hat Swiss Cycling erste Schritte eingeleitet, um Frauen besser zu fördern. In diesem Jahr gab es mit den vier Olympiamedaillen die ersten ganz grossen Lorbeeren zu ernten. Die Saison ist somit die erfolgreichste der Geschichte.

«Diese Erfolge freuen uns natürlich enorm», sagt Nationaltrainer Edmund Telser. «Wir haben in die Professionalität und eine bessere Betreuung investiert, das zahlt sich langsam aus.» Telser selber gilt als Macher dieser Erfolge, wurde deshalb an «Sports Awards» auch als bester Trainer des Jahres nominiert.

Gilt als Macher des Erfolgs: Nationaltrainer Edi Telser.

Gilt als Macher des Erfolgs: Nationaltrainer Edi Telser.

Anthony Anex / Keystone

Silber-Frei, das Musterbeispiel

Sina Frei ist die Musterathletin dieser verbesserten Förderung. Bereits seit der U15 wurde die heute 24-jährige Zürcherin von Swiss Cycling gefördert. Inzwischen ist sie an der Mountainbike-Weltspitze angekommen. «Ich habe der Unterstützung des Verbandes einiges zu verdanken», sagt Frei. Ein Teil des Förderprogramms beinhaltet, dass Athletinnen auch in anderen Disziplinen gefördert werden – nicht nur im Nachwuchs. Das das Mountainbik-Nationalteam startete in diesem Jahr etwa an der Tour de Suisse Women.

Sina Frei (rechts) tauscht sich mit Nicole Koller aus.

Sina Frei (rechts) tauscht sich mit Nicole Koller aus.

Anthony Anex / Keystone

Diesmal geht es auf die Bahn. Für Frei ist dort der Spassfaktor ein wenig kleiner als auf dem Mountainbiker. Aber: «Erstens ist es super, dass wir in der Wärme trainieren können und zweitens können wir durch technische Übungen viel mitnehmen.» Auf der Bahn muss man immer treten, zudem hat man keine Bremsen. «Dadurch lernen wir, die Trettechnik zu verbessern», sagt Frei.

Auch die Zeitfahr-Spezialistin Marlen Reusser sieht in diesen Trainings Vorteile. «Auf der Bahn verbessere ich meine Technik enorm.» Dazu komme, dass sie Dinge von den Kolleginnen aus dem Mountainbike abschauen können. «Sie sind technisch auf einem anderen Niveau. Wir tauschen uns untereinander viel aus – das hilft sehr.» Ganz selten sitzt Reusser auch auf einem Mountainbike. «Doch das ist bei mir eine Katastrophe», meint sie lachend.

Im Austausch (von links): Marlen Reusser, Edi Telser und Linda Indergand.

Im Austausch (von links): Marlen Reusser, Edi Telser und Linda Indergand.

Anthony Anex / Keystone

Die Schweizer Radfahrerinnen verfügen disziplinenübergreifend über einen guten Austausch. Schon vor den Olympischen Spielen waren die späteren Medaillengewinnerinne gemeinsam in einem Trainingslager. Auch Linda Indergand lobt diese Tatsache: «Wir können voneinander profitieren. In diesem Zusammenzug sind fast alle Spitzenfahrerinnen hier, das hilft enorm. Ich denke auch, dass es für die Juniorinnen cool ist, dass wir alle hier sind.»

Lücke zwischen Mann und Frau wird geschlossen

Ungewohntes Bild: Marlen Reusser auf der Bahn.

Ungewohntes Bild: Marlen Reusser auf der Bahn.

Anthony Anex / KEYSTONE

Trotz der grossen Erfolge: Es ist noch längst nicht alles so im Frauenradsport, wie es sein soll. Gerade Strassenfahrerin Marlen Reusser bekommt dies immer wieder zu spüren. «Im Mountainbike ist die Situation schon sehr gut, bei uns auf der Strasse fehlt es aber an vielem.»Das zeigt sich etwa dadurch, dass es erst ab 2022 die Tour de France auch für Frauen geben soll. «Aber auch in der Schweiz hat man zu lange geschlafen. Erst jetzt realisiert man langsam, dass Frauen auch Velofahren können», so Reusser, die aber auch findet, dass sich im Nachwuchs einiges verbessert habe. «Die Lücke zwischen Mann und Frau wird dort jetzt im Moment gerade ein wenig geschlossen.»

Auch Edi Telser sieht nicht alles nur positiv. Ihm fehlt es derzeit noch an der nötigen Breite. «An der Spitze sind wir gut aufgestellt, aber wir haben im Gegensatz zu den Männern viel weniger Athletinnen in der Elite.» Daran gilt es weiter zu arbeiten, um solche Erfolge wie in diesem Jahr zu wiederholen.

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