Fechter vor Tokio
Wenn die Olympischen Spiele in einem Keller im Berner Muesmatt-Quartier simuliert werden

Die Schweizer Fecht-Nationalmannschaft hat einen einfallsreichen Weg in der Vorbereitung auf den sportlichen Megaanlass in der japanischen Hauptstadt gefunden.

Rainer Sommerhalder
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Max Heinzer (vorne rechts) und seine Teamkollegen fechten in der Trainingshalle in Bern mit den stärksten Athleten aus Tschechien.

Max Heinzer (vorne rechts) und seine Teamkollegen fechten in der Trainingshalle in Bern mit den stärksten Athleten aus Tschechien.

rs

Der internationale Fechtverband reagierte radikal auf das Corona-Virus. Alle Wettkämpfe vor den Olympischen Spielen wurden abgesagt. Monatelange Vorbereitung im Fechtkeller anstelle von regelmässigem Kräftemessen mit den Besten der Welt war folglich auf dem Weg nach Tokio angesagt.

«Ich brauche Wettkampfpraxis, um in Topform zu kommen», sagte die ehemalige Weltnummer 1 Max Heinzer bereits im Frühjahr mit Nachdruck. Er und Benjamin Steffen in der Einzelkonkurrenz sowie das Team im Mannschaftsbewerb gehören in Japan zu den Medaillenhoffnungen.

Drei Stunden lang wurde ein Kampf nach dem andern ausgefochten.

Drei Stunden lang wurde ein Kampf nach dem andern ausgefochten.

rs

Der Schweizer Fechtverband reagierte schnell und innovativ auf die herausfordernde Situation. Mit dem nicht benötigten Weltcupbudget für Einsätze in aller Welt lud man in den vergangenen Monaten Nationalteams im Zweiwochen-Rhythmus zu viertägigen Aufenthalten in der Schweiz ein. Deutschland war da, Österreich, Frankreich, Spanien und zum Abschluss Tschechien.

Olympisches Turnier als Simulation im Fechtkeller

Nationaltrainer Didier Ollagnon, der nach den Olympischen Spielen aus familiären Gründen in seine Heimat Frankreich zurückkehrt, stellte das Programm für die Besuche zusammen. An zwei Tagen kämpften die besten Schweizer Fechter in verschiedenen Wettkampfformen gegen die ausländischen Gäste. An einem Tag wurde der Olympische Teamwettbewerb simuliert, an einem Tag die Einzelkonkurrenz in Tokio.

Beim Besuch vor Ort zeigt sich, wie wertvoll dieser kreative Umgang mit den Einschränkungen ist. Max Heinzer fasst sich am letzten Trainingstag mit der tschechischen Nationalmannschaft immer wieder an den Oberschenkel. Er sei in dieser Woche nochmals «ans Limit gegangen» und spüre die Anstrengungen der vergangenen Wochen und Tagen mental wie körperlich. Heinzer forciert an diesem Morgen im Fechtkeller des Berner Fechtclubs im Quartier Muesmatt die Duelle mit den Gästen.

Schweizer Olympiahoffnung Max Heinzer.

Schweizer Olympiahoffnung Max Heinzer.

Anthony Anex / Keystone

Vor allem Linkshänder Jakub Jurka ist als Sparringpartner begehrt. Der Zweimeter-Mann ist als Sieger des europäischen Qualifikationsturnier der einzige tschechische Degenfechter in Tokio und damit möglicher Gegner der Schweizer bei Olympia. «Diese Gefechte sind megawichtig für den Kopf», sagt Heinzer. Man müsse das Gefühl entwickeln, für Olympia bereit zu sein.

Der 17-fache Medaillengewinner an Welt- und Europameisterschaften gibt auch zu, «dass es mental nicht ganz das gleiche wie ein richtiger Wettkampf ist». Deshalb hat er sich als psychologische Vorbereitung auf Tokio etwas ganz besonderes ausgedacht. «Ich visualisiere alle 60 gewonnenen Kämpfe den zehn Weltcupsiegen in meiner Karriere und formuliere für mich aus jedem einzelnen Sieg eine Kernbotschaft», sagt Heinzer. «Denn manchmal vergisst man als Sportler, was man schon alles geleistet hat».

Zufrieden mit den letzten Wochen vor dem Abflug nach Japan ist auch Benjamin Steffen. Den 39-jährigen Teamoldie plagten im Frühling nach einem Teilabriss der Achillessehne Verletzungssorgen. Doch im Länderduell mit Tschechien zeigt sich der Basler in alter Frische.

Eine Medaille im letzten Gefecht als Ziel

Auch Steffen sagt, es sei von zentraler Bedeutung, gegen Konkurrenten zu kämpfen, die man nicht in- und auswendig kenne wie die langjährigen Schweizer Trainingskollegen. Für ihn bedeutet Tokio den Abschied von der internationalen Fechtbühne. Er will bei Olympia mit dem Schweizer Team aufs Podest, so wie bei den vier letzten Weltmeisterschaften. Es wäre wohl nicht nur für ihn die speziellste Medaille der Karriere. Auch wegen der originellsten Vorbereitung – etwa an diesem Freitagmorgen mit tschechischen Gästen im Berner Muesmatt-Quartier.

Fechter Benjamin Steffen gibt mit 39 Jahren bei Olympia seinen Abschied als Aktiver.

Fechter Benjamin Steffen gibt mit 39 Jahren bei Olympia seinen Abschied als Aktiver.

Anthony Anex / Keystone

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