Der jährliche Kongress der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) in Lausanne ist Treffpunkt aller wichtigen Protagonisten im Kampf gegen Doping. Internationale Sportverbände, Laborchefs, nationale Antidoping-Agenturen, Ärzte, Wissenschafter – über 900 Teilnehmer aus der ganzen Welt informieren sich über die neusten Entwicklungen und Herausforderungen. Wada-Generaldirektor Olivier Niggli ist quasi Gastgeber der dreitägigen Veranstaltung. Und ein gefragter Mann. Interviews mit Medien seien aus terminlichen Gründen nicht möglich, betont die Wada in ihrer Einladung. Doch Niggli hält wie beim Treffen an den Olympischen Spielen in Pyeongchang versprochen Wort und nimmt sich für die «Nordwestschweiz» eine Stunde Zeit.

Olivier Niggli

Olivier Niggli

Olivier Niggli, gibt es heute weniger gedopte Athleten als vor 20 Jahren?

Olivier Niggli: Ich kenne die Antwort nicht. Aber dopen ist zweifellos schwieriger geworden. Damit dies nicht nur ein Gefühl bleibt, brauchen wir mehr Daten über die Häufigkeit von Doping. Wir müssen Vergleiche anstellen können, um zu beurteilen, ob unsere Massnahmen greifen.

Wieso ist dopen heute schwieriger?

Etwa durch den biologischen Pass der Athleten, der ein sehr effizientes Tool ist. Oder durch Ermittlungsarbeiten der Antidoping-Behörden. Oder durch die gesteigerte Anzahl von Tests. Oder die Qualität der Analysearbeit in den Labors. Wer heute bewusst Doping plant, muss viel mehr investieren als vor 20 Jahren.

Die Ermittler hinken den Tätern im Kampf gegen Doping stets hinterher. Welche zukünftigen Entwicklungen können diesen Rückstand reduzieren?

Ich bin klar der Meinung, dass der Rückstand kleiner und kleiner wird. Dafür gibt es einige Gründe. Wir haben zum Beispiel neu eine Vereinbarung mit der Pharma-Industrie. Wir erhalten jetzt rund vier Jahre vor der Markteinführung Zugang zu neuen Medikamenten. Das ermöglicht den Labors, frühzeitig Nachweismethoden für den Missbrauch dieser Substanzen zu entwickeln. Damit sind wir bereit, wenn das Medikament verfügbar ist. Ein weiterer Grund ist der biologische Pass. Selbst wenn ein Athlet eine Substanz einnimmt, von deren Existenz wir noch gar nicht wissen, wird es eine Auswirkung auf die Parameter im Pass haben. Wir wissen zwar nicht, was genau die Betrüger tun. Aber wir wissen, dass sie betrügen.

Die Doping-Schlagzeilen gehörten in den letzten zwei Jahren Russland. Die Begnadigung durch das IOC nach den Olympischen Winterspielen trotz neuen Dopingfällen ist schwer zu verstehen. Auch für Sie?

Grundsätzlich muss das IOC seine Entscheide begründen. Um fair zu bleiben, muss man festhalten, dass die zwei russischen Fälle in Pyeongchang wohl nichts mit systematischen Doping zu tun hatten.

Trotzdem: Russische Athleten dopen, obwohl sie im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit stehen. Das hat durchaus mit der Mentalität gegenüber Doping zu tun!

Das stimmt. Die Kultur gegenüber Doping zu ändern, benötigt Zeit. Und die Kultur hat sich bisher nicht geändert. Selbst die Russen bestätigen das. Ein wichtiger Schritt dazu ist, das Problem anzuerkennen. Darauf drängt die Wada genauso wie auf den Aufbau einer neuen, unabhängigen nationalen Antidoping-Agentur in Russland. Und die aktuelle Generation von russischen Athleten und Trainern muss die Mentalität sofort ändern oder sie hat im Sport nichts mehr zu suchen. Der neue russische Antidoping-Direktor hat es richtig gesagt: Man muss den Trainern und Eltern von jungen Athleten beibringen, dass es keinen schnellen Weg zu guten Resultaten gibt. Aber sie müssen diese Message von den eigenen Leuten hören, denn man glaubt weder den westlichen Medien noch der Wada. Für die Russen sind wir Teil eines Komplotts.

Auffallend ist, dass internationale Sportverbände unterschiedlich mit Russland umgehen. Das ist störend!

Ich hoffe, dass sich die meisten Sportverbände ernsthaft mit dieser Sache auseinandersetzen. Es gibt Verbände mit einer Nähe zu Russland; sei es wegen ihrer Funktionäre oder ihrer Sponsoren. Das ist nun mal Teil der Vielfalt im internationalen Sport. Die Wada wird aber sicherstellen, dass alle Verbände die Fälle der russischen Athleten konsequent untersuchen. Denn die Beurteilung der einzelnen Fälle liegt jetzt in ihren Händen. Sie sind im Besitz aller verfügbaren Beweise. Weil das russische Betrugssystem ja darauf aufgebaut war, Beweise zu vernichten, sind diese nicht überall so stark wie gewünscht. Die Verbände beurteilen diese und treffen Entscheide. Wenn diese der Wada nicht ausreichen, werden wir Einspruch erheben und die Fälle vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne bringen.

Vor zwei Monaten hiess es, die Datenbank des Moskauer Labors könne neue Beweise für Dopingvergehen liefern. Seither hat man nichts mehr gehört.

Man muss Geduld haben, denn es ist eine lange Reise. Wir haben den Sportverbänden erst am 8. März die letzten Daten aus dem Moskauer Labor übermittelt. Es sind die Steroid-Profile von Athleten. Sie haben jetzt drei Monate Zeit, um die Daten zu analysieren und mit anderen Beweisen zu verlinken. Als Konsequenz werden neue Dopingfälle öffentlich. Der Internationale Leichtathletik-Verband hat zum Beispiel bereits mehrere neue Verfahren eröffnet. Die Entscheide werden in den nächsten Monaten kommuniziert. Bis alle Untersuchungen abgeschlossen sind, wird es weitere 12 bis 18 Monate dauern.

Eine grosse Diskussion im Sport gab es auch um die Benützung von Asthma-Mitteln, bei den norwegischen Langläufern wie auch bei Radstar Chris Froome. Können Sie sicher sein, dass diese Athleten die Mittel nicht dazu benutzen, sich einen Vorteil zu verschaffen?

Die Asthma-Behandlung von Sportlern hat schon immer für Diskussionen gesorgt. Das Vorgehen ist kulturbedingt inden verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Skandinavische Länder sind offener für medizinische Behandlungen als Länder in Mitteleuropa. Wir müssen dem Prozess vertrauen, den wir für die Ausstellung von Ausnahmebewilligungen zu therapeutischen Zwecken haben. Der Prozess ist transparent und beständig, er funktioniert grundsätzlich. Es gibt eine Regel, die einen Grenzwert festlegt. Die Norweger bewegen sich innerhalb dieser Grenzen, Froome hat sie überschritten. Wir werden aber unabhängig davon unseren Prozess überprüfen und schauen, ob wir Regeln verändern oder verschärfen müssen. Es bleibt ein Balanceakt zwischen medizinischer Notwendigkeit zur Behandlung von Athleten, welche ein fundamentales Recht ist, und dem Missbrauch des Systems. Es ist nicht immer einfach, die richtige Balance zu finden. Aber zumindest ist das heutige System transparent und beinhaltet Überprüfungen.

Wieso geht es so lange, bis im Fall Froome Entscheide gefällt werden?

Froome und das Team Sky kämpfen um jeden Zentimeter auf dem Weg zu einer Entscheidung. Es wird eine erste Auseinandersetzung vor den Instanzen des Internationalen Radsportverbandes geben und wohl auch eine zweite vor dem CAS. Man muss sich also noch einige Zeit gedulden. Aber es gibt viele andere Fälle, bei welchen es bis zu einer Entscheidung ebenso lang dauert.

Wer verletzt oder krank ist, gehört nicht auf den Sportplatz! Vor allem nicht mithilfe von verbotenen Substanzen. Kann man Ausnahmebewilligungen nicht abschaffen oder nach der Einnahme eine angemessene Frist setzen, bis man wieder einen Wettkampf bestreiten darf?

Es ist ein interessanter Ansatz. Aber ich denke, die meisten Sportärzte würden Ihnen vehement widersprechen. Es geht bei dieser Frage um Medizin und nicht um Doping. Wie weit ist es aus medizinischer Sicht vertretbar, unter Einfluss von Medikamenten Spitzensport zu treiben, und wann muss man damit aufhören? Für mich ist es auch eine medizinisch-ethische Frage – eine Frage mit vielen Facetten: Ist der sehr ausgefüllte Wettkampfkalender für Athleten noch realistisch?

Aber es ist schwierig zu verstehen: Jemand braucht eine Ausnahmebewilligung und gewinnt die Tour de France!

Ich antworte mit einem Beispiel: Sie haben Asthma, weil Sie gegen Tierhaareallergisch sind. Oder sie haben Diabetes. Entweder Sie nehmen Medikamente oder Sie können keinen Spitzensport betreiben. Ist es richtig, dass Sie aus diesem Grund kein Sportler sein dürfen? Es ist eine sehr schwierige Frage.

Der Kampf gegen Doping sollte nicht politisch gefärbt sein. Aber das neuste Beispiel lehrt uns einmal mehr das Gegenteil: Zwei russische und ein japanisches Dopingvergehenan den Olympischen Spielen wurden sofort publiziert, der Hydrochlorothiazid-Fall einer nordkoreanischen Eishockeyspielerin hingegen erst Wochen nach den Spielen. Weil es die Sportpolitik so wollte?

Nein, das ist nur auf den ersten Blick so. Man muss sich anschauen, um welche Substanzen es bei diesen Fällen geht, wie die Umstände sind und um welche Sportart es sich handelt. Im Fall der Eishockeyspielerin wurde nichts versteckt. Es ging um eine Substanz in einer sehr kleinen Menge, die von Verunreinigung stammen kann, eventuell sogar aus dem Wasser. Und es geht um einen Teamsport. Es ist nicht der gleiche Fall wie ein Individualsportler, der positiv auf eine potente verbotene Substanz getestet wird. Das IOC konnte entscheiden, die Spielerin provisorisch zu sperren oder nicht. Der Entscheid hatte nichts mit Politik zu tun. Er war schlicht gerechtfertigt.

Kommen wir zur Wada: Sie sagen, die Wada brauche mehr Geld. Wie viel mehr?

Wir konnten das Budget für 2018 um acht Prozent anheben. Das ist die grösste Steigerung in der Geschichte der Wada. In den nächsten vier Jahren soll das Jahresbudget insgesamt von 30 auf 45 Millionen Dollar steigen. Dieses Geld brauchen wir, um den Job so zu machen, wie es die Leute von uns erwarten.

Von wo soll das Geld kommen?

Von allen, die uns Geld geben wollen (lacht). Wir haben unser traditionelles Budget-Modell mit 50 Prozent Einnahmen von den Staaten und 50 Prozent von der olympischen Bewegung. Wir diskutieren derzeit auch über die Möglichkeit, in Zukunft zusätzlich Geld von der Privatindustrie zu erhalten. Sportverbände haben eine Verantwortung für unser Ziel, den «sauberen Sport» zu schützen. Denn wir beschützen letztlich ihr Produkt. Ist dieses nicht mehr glaubwürdig, ist es nicht mehr gefragt und generiert weniger Einnahmen. Also sind wir die Versicherungsgesellschaft dieses Produkts. Und wir denken, die Sponsoren sollten die Sache auch auf diese Weise betrachten. Wir beschützen ihre Investition in den Sport.

Kritiker werfen Ihnen vor, unter Ihrer Führung habe die Wada vor allem die Administration aufgebläht?

Unsere Arbeit benötigt sehr viel Personal. Wir können nicht nationale Agenturen, Labors und Sportverbände überprüfen, ohne die Fachleute dazu zu haben. Ja, wir haben eine neue Ermittlungs-Abteilung mit sechs Stellen geschaffen. Aber nur so können wir Untersuchungen lancieren.

Aber die Flut von Reglementen wird immer grösser. Labors und nationale Anti-Dopingorganisationen ersticken deswegen in bürokratischem Aufwand, anstatt sich dem Kampf an der Front zu widmen. Und es wird nicht besser.

Ja, es stimmt, dass es sehr viele Regeln gibt, an die man sich halten muss. Aber schauen Sie, was in Russland passiert ist. Wenn die Antidoping-Arbeit nicht in einem regulierten Rahmen stattfindet, ist alles verloren. Wenn man alles Geld verwendet, um Dopingproben zu nehmen, aber am Ende verliert man einen Fall vor Gericht, dann ist die ganze Anstrengung vergebens. Niemand hat den Plan, das System durch Bürokratie zu zerstören. Aber man kann diese komplexe Welt rund um Doping auch nicht vereinfachen.

Wer überprüft eigentlich die Arbeit der Wada?

Wir haben einen Verwaltungsrat mit 38 Personen, je zur Hälfte aus allen Bereichen des Sports und von weltweiten Regierungen. Sie haben Einsicht in alle unsere Arbeiten und Informationen. Wir sind hier sehr transparent. Der VR bestimmt auch unsere Strategie, und er kann sie jederzeit anpassen. Es braucht meiner Meinung nach keine zusätzliche Kontrollinstanz.

Die Schweizer Bundesverfassung besteht aus 28 000 Wörtern, der Wada-Code benötigt 35 000 Wörter. Der Kampf gegen Doping ist zu kompliziert, und er wird immer komplizierter!

Weil wir uns nicht nur mit der Schweiz beschäftigen (lacht). Hier in der Schweiz leben wir in einer Kultur des zivilen Rechts. Gewohnheitsrecht, wie es in einem grossen Teil der Welt im Vordergrund steht, hat einen anderen Ansatz. Alles muss definiert werden. Der Code reflektiert die Verschiedenartigkeit dieser Welt. Damit in der ganzen Welt die gleichen Doping-Regeln gelten, muss er in vielen Fragen sehr präzis sein. Es gibt im Kampf gegen Doping keine einfachen Antworten.

Ein Vorwurf betrifft die fehlende Unabhängigkeit. Alle sind miteinander verknüpft: IOC, Wada, CAS. So ist Wada-Präsident Craig Reedie auch Mitglied im IOC.

Unabhängigkeit ist ein relativer Begriff. Wer ist wirklich zu 100 Prozent unabhängig? Was es braucht, sind Sicherheitsmassnahmen, um mit Interessenkonflikten umzugehen. Und die Wahrnehmung ist manchmal ebenso wichtig wie die Realität. Oft sind es keine echten Probleme der Unabhängigkeit, aber die Wahrnehmung lässt uns das so empfinden. Solange wir nicht den Lotto-Sechser holen, sind wir zur Hälfte von Sportorganisationen finanziert. Es ist normal, dass jene, welche dich finanzieren, auch etwas am Tisch zu sagen haben. Wir wollen eine Struktur, in der diese Leute beteiligt sind. Es ist auch wichtig, dass sie unsere Message zurück in die Verbände tragen. Und wir wollen eine Struktur, in welcher die operativen Mitarbeiter ihren Job tun können ohne Einmischung der Politik. Wir überprüfen zurzeit die Unternehmensführung der Wada und diskutieren über den Grad der Unabhängigkeit von Präsident und Vizepräsident sowie die Sicherheitsmassnahmen, um Einflussnahme zu verhindern. Deshalb ist zum Beispiel unsere neue Ermittlungsabteilung komplett unabhängig von der Wada-Führung.

Auch die Wada steht betreffend politischer Entscheide unter Verdacht. Man hat mehrfach erst reagiert, als Journalisten oder Whistleblower Verfehlungen aufdeckten!

Hier bin ich dezidiert anderer Meinung! Die Hauptanschuldigung, wir hätten bereits 2010 im Fall von Russland reagieren sollen, stattdessen hätten wir es ignoriert, ist schlicht falsch. 2010 hatten wir nicht mehr als zwei E-Mails mit Anschuldigungen. Wenn wir damals etwas unternommen hätten, gäbe es heute keine russische Dopingstory. Weil Russland alle Beweise sofort zerstört hätte. Sogar nach dem McLaren- und dem Schmid-Report streiten sie es ja weiter ab. Manchmal ist zuwarten zwar frustrierend, aber gerade in diesem Fall war es wichtig, zuerst eine erhebliche Menge an Beweisen zu besitzen, bevor man etwas unternimmt. Sonst hat man keine Chance, etwas zu erreichen.

Es braucht Geduld?

Unsere Ermittlungsabteilung untersucht derzeit Fälle, die bis zu einer Anklage vielleicht noch Jahre dauern. Doch zurück zu Russland. Wir konnten mit dem Fall nicht an unseren Vorstand gelangen, weil da Russland mit am Tisch sass. Wir konnten nicht zum internationalen Leichtathletik-Verband, weil wir einen Verdacht über die Vorgänge an dessen Spitze hatten. Und wir konnten selber nicht vor dem 1. Januar 2015 ermitteln, da die rechtlichen Grundlagen erst mit dem neuen Wada-Code geschaffen wurden. Schliesslich war es der investigative Journalist Hajo Seppelt, der mehr machen konnte als wir. Und das war gut so. Aber richtig erfolgversprechend wurde es erst, als Gregory Rodtschenkow sich dazu entschloss, auszupacken.

Was sind aus Ihrer Sicht die nächsten Schritte, um den Kampf gegen Doping effektiver und glaubwürdiger zu machen?

Wir haben eine 4-Jahres-Strategie. Wir müssen das Level des Antidoping-Kampfs weltweit steigern. Wir hören zu oft, dass wir uns nicht nur auf Russland fokussieren dürfen. Wir müssen einheitlich sein, wir müssen den Überblick haben, wir müssen jenen helfen, die sich zu wenig entwickeln können, um Fortschritte zu erzielen. Schweizer Athleten werden sehr oft getestet. Und dann messen sie sich an Wettkämpfen mit Sportlern, die kaum getestet werden. Das sind keine fairen Wettbewerbsbedingungen. Wenn wir die Möglichkeiten haben, auch im Bereich von Ermittlungen, bei den Whistleblowers, in der Forschung und in den biologischen Pass der Athleten zu investieren, können wir ein viel leistungsfähigeres System entwickeln. Und wir können bei den Athleten das Vertrauen in den Kampf gegen Doping zurückgewinnen.