Offizieller Auftrag
Warum der Meistertitel für Servette nicht das oberste Ziel ist

Servette kann Meister werden. Zum dritten Mal stehen die Westschweizer im Final. Noch nie haben sie gewonnen. Doch der Klub, finanziert von einer Stiftung des verstorbenen Rolex-Gründers, will vor allem junge Talente fördern.

Klaus Zaugg
Merken
Drucken
Teilen
Marco Miranda jubelt mit Trainer Patrick Emond, der es bestens versteht, seine Jung um sich zu scharen.

Marco Miranda jubelt mit Trainer Patrick Emond, der es bestens versteht, seine Jung um sich zu scharen.

Claudio Thoma / freshfocus

Woran erkennen wir einen ­guten General Manager und Coach? Daran, dass alles weiterhin seinen gewohnten Gang nimmt, wenn er von einem Tag auf den anderen verschwindet. Denn dann zeigt sich, dass er stabile, nicht von seiner Person abhängige Strukturen geschaffen hat.

So ist es in Genf. Chris McSorley hat Servette 2001 in der NLB übernommen, in die höchste Liga geführt und zum besten Sportunternehmen in der Westschweiz gemacht. Er prägte Servette über die Jahre noch stärker als Marc Lüthi den SCB oder Arno Del Curto den HCD. Weil er zeitweise Coach, Manager und Mehrheitsaktionär war.

Vor einem Jahr ist er von den neuen Besitzern von allen Ämtern enthoben worden. Trotzdem nimmt bei Servette alles weiterhin seinen gewohnten Gang – und inzwischen ist die Mannschaft im Final angekommen.

Nicht mehr im Genf, aber noch immer sehr präsent: Chris McSorley.

Nicht mehr im Genf, aber noch immer sehr präsent: Chris McSorley.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Das grösste Kompliment für McSorley: Er hat eine Hockey-Firma aufgebaut, die auch ohne ihn bestens funktioniert. Er wird nun Trainer in Lugano, aber sein Name dürfte in Genf weiterhin ein Thema sein. Er ist aus einem Mehrjahresvertrag entlassen worden. Es geht um eine Abfindung von etwas mehr als fünf Millionen Franken. Der Fall wird wohl vor Arbeitsgericht enden.

Nicht das talentierteste, aber das schnellste Team

Die sehr solide wirtschaftliche Basis erleichtert die reibungslose Emanzipation vom kanadischen «Übervater». Servette ist heute im Besitz der gemeinnützigen Stiftung des 1960 kinderlos verstorbenen Rolex-Gründers Hans Wilsdorf. Etwas vereinfacht erklärt: Der Stiftungszweck ist die Förderung junger Talente. Ohne exakte Umschreibung, welche Talente es denn sein müssen. Warum dann nicht in Genf auch junge Eishockey-Talente fördern?

Das ist der Grund, warum der langjährige Juniorentrainer Patrick Emond im Sommer 2019 zum Chefcoach befördert worden ist. Der Kanadier hatte gerade zweimal hintereinander den Titel in der Meisterschaft der Elite-Junioren geholt. Und so ist er nicht nur Cheftrainer. Im Sinne der Rolex-Stiftung obliegt ihm auch die Förderung künftiger Stars. Auch wenn er zehn Spieler im Team hat, die noch nicht 25 sind – die Mannschaft ist weder die jüngste der Liga und schon gar nicht die ­talentierteste.

McSorley pflegte über Jahre zu sagen, ihm fehle eine Million in der Transfer-Kriegskasse, um Meister werden zu können. Es war und ist nicht möglich, grosse Transfers wie in Zug, Lugano, Bern, Lausanne, Zürich oder Davos zu finanzieren. Aber McSorley hat bei allen Transfers darauf geachtet, dass ein Spieler wenigstens schnell und kräftig ist. Und so ist Servette diese Saison nicht die talentierteste, aber wahrscheinlich die schnellste und robusteste Mannschaft der Liga – mit einer klaren Rollenzuweisung für jeden einzelnen Spieler. Und sie hat mit Henrik Tömmernes den smartesten Steuermann.

Das letzte Teilchen zum Finalpuzzle setzte McSorleys Nachfolger Marc Gautschi im letzten Sommer ein: Wegen einer Streitigkeit unter Männern, die schon längst erledigt war, musste Joël Vermin Lausanne verlassen. Am Ende des grössten Tauschgeschäftes unseres Hockeys landeten Vermin und Tyler Moy bei Servette, das für die zwei Schlüsselspieler nur Mitläufer hergeben musste.

Zum dritten Mal spielen die Genfer um den Titel

Vermin und Moy haben in diesen Playoffs fast einen Punkt pro Partie gebucht und von den Spielern, die Servette an Lausanne abgegeben hat, konnte in diesen Playoffs nicht einem einzigen ein Punkt gutgeschrieben werden. Lausanne hat grosse Verdienste an Servettes Vor­rücken in den Final. Zum dritten Mal nach 2008 und 2010 spielen die Genfer um den Titel. 2008 unterlagen sie den ZSC Lions, 2010 dem SC Bern.

Patrick Emond ist als langjähriger Juniorentrainer mit der Kultur des Klubs vertraut und kein grosser, charismatischer Bandengeneral. Aber ein durch und durch ehrlicher, authentischer und kompetenter Chef, der es versteht, seine Jungs um sich zu scharen. Servette ist das klassische Beispiel für Spieler, die für ihren Trainer kämpfen – durchaus vergleichbar mit den Lakers.

Es ist für Servette womöglich eine einmalige Chance, zum ersten Mal Meister zu werden. Mehr als zehn Verträge laufen in einem Jahr aus. Das Geld wird nicht reichen, um die Finalmannschaft von 2021 zusammenzuhalten. Aber der offizielle Auftrag des Trainers ist es ja nicht, Meister zu werden, sondern die jungen Talente zu fördern.