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Österreichs Fussball ist bullenstark

Von der überragenden Arbeit des potenten FC Red Bull Salzburg profitieren die übrigen Klubs und die Nationalelf.

Die Bullenherde ist gross, die sich an diesem eiskalten Nachmittag auf der Wiese tummelt. Ein Rentner grantelt: «Ja, vor solchen Spielen sind immer dreissig Mann da. Keiner will fehlen.» Die Vorfreude auf die Partie ihres Lebens gegen den FC Liverpool steht den Profis des FC Red Bull Salzburg ins ­Gesicht geschrieben. Einige ­machen vor Trainingsbeginn das Kalb, andere klopfen ­Sprüche.

Warum aber kämpft am Dienstag ausgerechnet der Meister aus Österreich gegen die Reds um den Einzug in die Achtelfinals und nicht YB oder der FC Basel? Was machen die Ösis so viel besser, dass sie im Uefa-Ranking plötzlich um acht Ränge vor den Schweizern auf Rang 12 liegen? Wo es doch vor drei Jahren noch umgekehrt war? Wie hat es der LASK bloss geschafft, in den Playoffs zur Champions League den FC ­Basel aus dem Weg zu räumen und nun in der Europa League zu glänzen? Und warum spielen in der deutschen Bundesliga 31 Österreicher; so viele, wie sonst aus keinem anderen Land von ausserhalb?

Zu Besuch im Trainings­zentrum Taxham

Die Spur zu Antworten auf diese Fragen führt nach Salzburg. Kenner des österreichischen Fussballs haben einen Besuch des Trainingszentrums Taxham vor den Toren der Stadt ­empfohlen. Ein paar Tage vor dem Kracher gegen Liverpool sind nur wenige Kiebitze zum ­öffentlichen Training er­schienen. Der Rentner nähert sich wieder: «Sind Sie Red-Bull-Fan?» Er deutet auf die Trainercrew und sagt: «Früher war ich auch da dabei. Als Kinesiologe. Sie wissen schon, Bewegungslehre...»

Sehr beweglich wirkt der blonde Kerl auf den ersten Blick indes nicht, der auf dem Feld hoch aus der Gruppe ragt. Ist das wirklich der 19-jährige und 1,95 Meter grosse norwegische Shootingstar Erling Haaland? Der im Januar für fünf Millionen Euro aus Molde gekommen ist? Und nun in 20 Pflichtspielen 27 Tore geschossen hat?

«Als Red Bull im Sommer Munas Dabbur für 17 Millionen an Sevilla verkaufte und mit Haaland als Ersatz plante, ­dachten viele: jetzt sind sie ­deppert.» So erzählt es ein ­Wiener Journalist. «Aber Sie wissen ja...»

Auch Sadio Mané hat bei Salzburg gespielt

Haaland ist nicht der Erste, der in Salzburg eingeschlagen hat. Auch Sadio Mané, der heute bei Liverpool spielt, war einmal ein Bulle. In der letzten Transferphase hat RB einen Überschuss von 50,55 Millionen Euro erzielt – für 73,25 Millionen Spieler verkauft, für 22,70 Millionen geholt.

Alle Fäden laufen bei ­Christoph Freund zusammen. Der frühere Fussballer wurde 2006 Teammanager, nachdem aus dem früheren SV Austria Salzburg der FC Red Bull Salzburg geworden war. 2015 rückte der 42-Jährige als Nachfolger von Mastermind Ralf Rangnick zum Sportdirektor auf und ist heute in dieser Funktion die ­klare Nr. 1 im Land. Seit Dietrich Mateschitz, mit einem Ver­mögen von 16,7 Milliarden Euro der reichste Österreicher, 2005 mit Red Bull einstieg, wurde Salzburg zehn Mal Meister. In der Saison 2018/19 setzte der Verein bei einem Gewinn von 24,5 Millionen 124 Millionen Euro um.

«Wir müssen keine grossen Namen holen. Die Spieler sollen sich bei uns entwickeln», sagt Freund. Obwohl gerade ein sehr gefragter Mann, nimmt er sich Zeit, um das Modell Red Bull Salzburg zu erklären. «Der Schlüssel zu guten Transfers ist das Scouting. Wir haben ein ­gutes Netz aufgebaut, wissen genau, was wir wollen und ­suchen junge Spieler, die zu uns passen», sagt Freund. Gear­beitet wird bei RB im sport­lichen wie im medizinischen ­Bereich nach neusten wissenschaftlichen ­Methoden und ­mithilfe um­fassender Datenbanken.

Auch bei der Trainerwahl geht RB eigene Wege, bestellt schon mal den U18-Trainer zum Chef. Und als Marco Rose in die deutsche Bundesliga zieht, ­zaubert Freund den Amerikaner Jesse Marsch aus dem Hut – den zuvor ausser ihm keiner gekannt hat. «Wir treffen immer wieder Personalentscheidungen, die nicht üblich sind», sagt Freund. «Marsch ist extrem motiviert, mit Jungen zu arbeiten.» Zum Beispiel mit den Schweizern Philipp Köhn und Jasper van der Werff. Aber auch Christian Schwegler, Remo Meyer und ­Johan Vonlanthen waren hier mal am Ball.

Eine Akademie für 45 Millionen Euro

Ein Grundpfeiler ist die fünf ­Kilometer entfernte Akademie. Sie soll 45 Millionen Euro ge­kostet haben. 2017 hat Rose mit dem Salzburger Nachwuchs die Youth League gewonnen. «Wir wollen überall Vorreiter sein, gerade auch mit der Akademie», sagt Freund. Es gebe inzwischen auch kaum mehr eine Zusammenarbeit mit den übrigen RB-Klubs Leipzig, New York und ­Bragantino aus Brasilien, sagt Freund. Und auch Rangnick spiele keine ­Rolle mehr.

Ist das gute Bild, das der österreichische Fussball derzeit abgibt, eine Momentaufnahme oder steckt mehr dahinter? «Wir arbeiten nachhaltig. Es sind neue Stadien entstanden und gute Spieler, die bei uns den Durchbruch nicht schafften, verstärken die anderen Vereine», sagt Freund. «Wir sind die ­Lokomotive. 2018 standen wir mit acht Spielern, die aus der Nachwuchsabteilung stammten, im Europa-League-Halbfinal.»

Dass RB sage und schreibe elf Mal daran scheiterte, in die Champions League ­einzuziehen, hat den Bullen nicht die Hörner gekostet. «Dieser Fluch ist ja gebannt», lächelt Freund.

Wie wahr! Am Dienstag kommt Liverpool zum Show­down. «Wir haben in den letzten drei Jahren zu Hause nur ein Spiel verloren», sagt Freund.

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