Australian Open
Novak Djokovic missachtet Maskenpflicht und stellt «unverschämte» Forderungen

Bereits kurz nach Ankunft in Melbourne befindet sich ein grosser Teil der Spielerinnen und Spieler, die bei den Australian Open antreten, wegen positiven Coronatests unter Hausarrest. Nicht davon betroffen ist Novak Djokovic, der sich in einem Brief an die Behörden richtet.

Simon Häring
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Novak Djokovic auf dem Weg zum Training. Ohne Maske.

Novak Djokovic auf dem Weg zum Training. Ohne Maske.

Youtube/Reuters

Man kann den Organisatoren der Australian Open nicht vorwerfen, sie hätten nicht alles unternommen, dass in Melbourne ab Anfang Februar das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres gespielt werden kann. Sie charterten gleich 17 Flugzeuge, die mit nur zu maximal einem Viertel der Kapazität ausgelastet waren, um den Tennis-Tross, der mit Spielern und Betreuern rund 1200 Personen aus allen Winkeln der Erde nach Australien brachte. Wer das Flugzeug betrat, musste vorweisen können, dass er das Virus nicht in sich trägt, oder nicht mehr infektiös ist. Gleich nach der Ankunft wurden erneut Tests durchgeführt, ehe die 14-tägige Quarantäne in den drei dafür vorgesehenen Hotels angetreten werden musste. Das alles geschah unter strenger Aufsicht der Gesundheitsbehörde des Bundesstaats Victoria.

Doch den Faktor Mensch kann kein Konzept kontrollieren. Zumindest die Maskentragepflicht, die für alle Flüge verordnet worden war, wurde nicht strikt befolgt, wie Bilder zeigen. So kam es, wie es kommen musste: Auf drei Flügen aus Los Angeles, Abu Dhabi und Doha wurde das Coronavirus eingeschleppt. Inzwischen sind 72 Spielerinnen und Spieler betroffen. Alle, die sich an Bord der Maschinen befanden, wurden unter eine 14-tägige Quarantäne gestellt. Ihnen wurde damit auch die Möglichkeit genommen, das Zimmer für 5 Stunden täglich zu verlassen, um zu trainieren. Davon betroffen ist auch Belinda Bencic, die mit ihrem Fitnesstrainer und Freund Martin Hromkovic und Vater und Trainer Ivan Bencic angereist war.

Belinda Bencic hat seit März nur ein WTA-Turnier bestritten.

Belinda Bencic hat seit März nur ein WTA-Turnier bestritten.

Urs Lindt / freshfocus

«Es gibt Äpfel, Birnen und saure Zitronen»

Sie sagt, die Spielregeln hätten sich nach der Landung geändert. Offenbar war angedacht, auf den Flügen Zehnergruppen zu bilden und diese voneinander zu isolieren. Die Überlegung: Wird jemand positiv getestet, muss nicht die ganze Besatzung unter Quarantäne gestellt werden. Bencic sagt: «Als wir landeten, erhielten wir neue Informationen mit mehr und neuen Regeln, von denen wir nicht wussten.» Während zwei Wochen nur im Zimmer trainieren zu können, und danach ein Turnier zu spielen, sei nicht nur suboptimal, sondern erhöhe die Verletzungsgefahr, sagt Bencics Berufskollegin, die Rumänin Sorana Cirstea. Bencic sagt, sie kritisiere nicht die Quarantäne, sondern die ungleichen Bedingungen vor dem Turnier.

Beste Bedingungen geniessen Novak Djokovic, Rafael Nadal und Dominic Thiem, die nicht in Melbourne, sondern in Adelaide weilen. Sie durften nicht nur eine grössere Entourage mitbringen (für deren Kosten sie aber selber aufkommen müssen), sondern können sich offenbar auch viel freier bewegen und verfügen über alle Annehmlichkeiten, unter anderem einen Fitnessraum. «Es gibt hier Äpfel und Birnen, und ich habe die saure Zitrone erwischt», sagte der Österreichische Doppel-Spezialist Philipp Oswald gegenüber dem Online-Portal «Tennisnet.com». «Ich dachte nicht, dass man uns gleich alle einsperrt, wenn ein Test positiv ist.» Bereits am ersten Tag sollen zwei Spieler versucht haben, auszubrechen. Inzwischen wurden zusätzliche Polizeikräfte aufgeboten, um die Massnahmen durchzusetzen.

Rafael Nadal reiste von Barcelona nach Adelaide an.

Rafael Nadal reiste von Barcelona nach Adelaide an.

Keystone

Wer nicht von der Quarantäne betroffen ist, wird in Gruppen eingeteilt und im Fünf-Minuten-Takt aus dem Hotel zur Anlage eskortiert. Nach jeder Gruppe werden Gänge und Lifte von Reinigungskräften desinfiziert. Die fünf Stunden, die Spielerinnen und Spieler täglich das Zimmer verlassen dürfen, sind minutiös durchgetaktet: Zwei Stunden auf dem Tennisplatz, 90 Minuten im Fitnessraum, eine Stunde bleibt für das Essen, der Rest für Transfers. Für die Betroffenen ist das deshalb stossend, weil offenkundig mit ungleichen Ellen gemessen wird. Schon am ersten Tag nach Ankunft wurde Novak Djokovic dabei gefilmt, wie er aus einem Transportfahrzeug den Kameras zuwinkte. Eine Maske trug er dabei nicht. Als Einziger.

Das hinderte Djokovic, der im Frühling 2020 auf dem Balkan die Adria-Tour organisiert hatte, bei der es zu mehreren Ansteckungen mit dem Virus gekommen war, nicht daran, bei den Organisatoren einen ganzen Katalog an Forderungen für seine Kollegen in Melbourne zu deponieren. Unter anderem verlangt der Serbe eine verkürzte Isolationszeit, besseres Essen (!) und Privatunterkünfte mit einem Platz, um zu trainieren. Das mag gut gemeint sein, kommt in Australien und ausserhalb der Tennis-Blase aber selbstredend ziemlich schlecht an. Weil es den Eindruck vermittelt, die Tennis-Grössen, die bei einer Niederlage in der ersten Runde 100'000 australische Dollar erhalten, glauben, über den Dingen zu stehen.

Novak Djokovics Liste mit Forderungen.

Novak Djokovics Liste mit Forderungen.

zVg

«Ein egoistischer, politischer Schachzug von Djokovic»

Der ehemalige australische Tennis-Spieler Sam Groth fährt entsprechend hart mit Djokovic ins Gericht. Er sagt: «Meint Djokovic das ernst? Das ist ein egoistischer, unverschämter, politischer Schachzug, um Popularität zu gewinnen. Mit seinem Verhalten bei der Adria-Tour, wo er und mehrere Spieler sich angesteckt und das Virus verbreitet haben, ist er der Letzte, von dem jemand einen Ratschlag annehmen sollte.» Unaufgeregter und diplomatischer war die Antwort von Victorias Premierminister Victoria Daniel Andrews. Auf Djokovics Forderungen angesprochen, sagte er: «Die Leute dürfen gerne Listen machen. Aber die Antwort ist Nein. Damit das klar ist.» Nichts sei so wichtig wie die Gesundheit der Bevölkerung.

Dass Verstösse gegen die Quarantäneregeln, Beschwerden über das Essen, oder die Missachtung der Maskentragepflicht, die zu Recht für Empörung sorgen, eher die Ausnahme denn die Regel sind, sieht, wer einen zweiten Blick wagt. Der Trainer der Tunesierin Ons Jabeur zum Beispiel absolvierte im Hotelzimmer einen 5-Kilometerlauf. Der Franzose Nicolas Mahut verschob seine Matratze vor die Zimmertür, legte sich im Tennis-Tenü hin, um das Training nicht zu verpassen. Und Belinda Bencic räumte ihr Bett zur Seite, markierte mit Klebeband drei Rechtecke auf ihr Fenster und begann, zu trainieren. «Ist zwar der falsche Belag, aber das ist ja egal» kommentierte sie dazu. Bencic hat seit März nur ein Turnier bestritten.