Schwingen
Noch nie gelang der zweite Sieg am Unspunnen-Schwingfest

Der Ostschweizer Daniel Bösch (29) tritt selbst als Titelverteidiger beim Unspunnen-Schwinget in der Rolle des Aussenseiters an

Rainer Sommerhalder
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2011 siegte der Toggenburger Daniel Bösch als krasser Aussenseiter beim Unspunnenfest.

2011 siegte der Toggenburger Daniel Bösch als krasser Aussenseiter beim Unspunnenfest.

Keystone

Geht es um die Favoriten, so fällt sein Name kaum. Erstaunlich, denn Daniel Bösch ist der einzige «Böse» beim Unspunnenfest, welcher den prestigeträchtigen Titel bereits gewinnen konnte. Vor sechs Jahren galt der Sieg des damals 23-jährigen Toggenburgers als Sensation. Und auch in einer Woche wäre es kaum anders. Erstens, weil sich Bösch im bisherigen Saisonverlauf nicht in eine Poleposition für den Festsieg schwang. Zweitens, weil eine Titelverteidigung noch nie gelang.

Daniel Bösch konnte den Unspunnen-Titel noch nie verteidigen

Daniel Bösch konnte den Unspunnen-Titel noch nie verteidigen

KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Entsprechend gross ist die Lust des zweifachen Eidgenossen, Geschichte zu schreiben. In einem Interview vor einem Jahr antwortete er auf die Frage, ob er einen Sieg am Eidgenössischen oder am Unspunnenfest bevorzugen würde: «Klar hat der Königstitel einen grossen Stellenwert. Doch in der 200-jährigen Geschichte des Unspunnen hat kein Schwinger zweimal gewonnen. Mit einem Sieg könnte ich etwas Einmaliges schaffen – das wäre doch auch reizvoll.»

Als «Rumpelschwinger» betitelt

2011 wurde Bösch im Augenblick seines grössten Erfolgs von Chronisten als «Rumpelschwinger» betitelt. Man traute dem vermeintlichen Zufallssieger keine grosse Karriere zu. Was verwundert, denn der gelernte Metzger, der heute als Fachverkäufer für Fleischgewürze arbeitet, ist so etwas wie die Ostschweizer Variante von Christian Stucki – 192 Zentimeter lang, stolze 135 Kilogramm schwer.

Ein Koloss von einem Athleten, der eine Türe glatt ausfüllt. Und dazu ein ähnlich ruhiger und bescheidener Sportsmann wie sein Berner Pendant, der ewige Titelanwärter Stucki. Aber Bösch ist in der schillernden Showwelt des Spitzensports kein extrovertierter Unterhalter, kein Inbegriff von Charisma. Niemand für die Hochglanzmagazine über Sein und Wirken der Cervelat-Prominenz.

Unspunnen-Schwinget

Der Unspunnen-Sieger wird am Sonntag, 27. August, in Interlaken erkoren. Schwingen ist nur ein Teil des volkstümlichen Festes, das 1805 zwecks Schweizer Identitätsstiftung ins Leben gerufen wurde. Der Anlass findet alle sechs Jahre statt, jeweils im Jahr nach dem Eidgenössischen Schwingfest. Der Sieg beim Unspunnen-Schwinget gehört zu den prestigeträchtigsten Erfolgen im Schweizer Nationalsport.

Wir erreichen Daniel Bösch auf dem Weg zur Schwägalp. Dort findet am Sonntag das letzte grosse Gipfeltreffen vor dem Unspunnenfest statt. Auch diesen Prestigeanlass hat der Athlet mit Schuhgrösse 52 in seiner Karriere schon gewonnen, wie 17 weitere Kranzfeste. Die Bilanz eines Nobodys ist dies bestimmt nicht.

Bösch fährt nicht den Berg hoch, um zu trainieren. Er hilft zusammen mit seinen Klubkollegen beim Aufstellen der Infrastruktur. Eine Ehrensache, egal, ob der Saisonhöhepunkt vor der Türe steht und die moderne Trainingslehre jetzt eigentlich Ruhe und Erholung vorsieht.

Ein Ostschweizer Sieger

Mit welchen Ambitionen reist er nächsten Sonntag nach Interlaken? «Mein Ziel ist es, dass ein Ostschweizer gewinnt. Die grössten Chancen hat das Trio mit Armon Orlik, Samuel Giger und mir», sagt Bösch. Er glaubt, über die Form für einen erneuten Triumph zu verfügen, selbst wenn es ihm beim letzten grossen Aufeinandertreffen mit den favorisierten Bernern vor drei Wochen auf dem Brünig nicht einmal zum Kranzgewinn reichte. Grundsätzlich sei er aber durchaus zufrieden mit dieser Saison, wie auch mit dem Verlauf der Karriere. Einzig der Kreuzbandriss 2013 hätte nicht sein müssen.

Daniel Bösch hofft auf einen Ostschweizer Triumph am Unspunnen-Fest. (Archiv)

Daniel Bösch hofft auf einen Ostschweizer Triumph am Unspunnen-Fest. (Archiv)

Keystone

Bösch verlässt den Sagmehlring selten als Verlierer, deshalb kann er sich für das Unspunnenfest durchaus vorstellen, bei der entsprechenden Konstellation «auch für Giger oder Orlik hinzustehen». Will heissen, Berner oder Innerschweizer Favoriten mit einem Gestellten notfalls aus dem Spiel für den Schlussgang zu nehmen. «Und ich bin sicher, die zwei anderen würden dies auch für mich tun.»

Zwei Tage nach dem Sieg beim Unspunnenfest reiste er 2011 als Fan nach Neuseeland an die Rugby-WM. Setzt er auch diesmal auf Ferien als Extramotivation – etwa auf Flitterwochen nach der kürzlich erfolgten Hochzeit mit Freundin Sandra Schwander? «Nein, ich bin nicht abergläubisch und muss 2011 nicht kopieren», sagt er.

Zuerst folgt mit seiner Sandra, die er vor Jahren an einem Schwingfest kennen lernte, im Oktober die kirchliche Trauung. Erst im Februar steht dann die Hochzeitsreise an einen Strand in der Wärme an. «2018 ist schwingerisch ein ruhiges Jahr, da kann ich mir diese zwei Wochen Ferien leisten», sagt Daniel Bösch. Am liebsten mit dem zweiten Unspunnen-Triumph im Gepäck.

Die Favoriten fürs Unspunnen-Fest:

Armon Orlik: 26.5.1995. – 190 cm/110 kg – NOS – Rang 9 der Jahreswertung.

Armon Orlik. Keystone

Armon Orlik. Keystone

KEYSTONE

Der zweifelnde Titan
In lichten Momenten mahnt diese «Kampfmaschine» an Jörg Abderhalden. Erst der schlaue, erfahrene Matthias Glarner stoppte 2016 im eidgenössischen Schlussgang seinen Sturm auf den Königsthron. Aber seit dem 7. Mai 2017 ist Armon Orlik ein zweifelnder Titan. Im 5. Gang am Aargauer Kantonalen kontert Bruno Gisler seinen Angriff, er fällt unglücklich auf den Nacken und bleibt regungslos liegen. Rund zehn Minuten lang spürt er weder Arme noch Beine. Er wird ins Spital transportiert, wo das Gefühl zurückkommt und die Ärzte Entwarnung geben. Erst Unspunnen wird zeigen, ob sein Selbstvertrauen wieder intakt ist und ob er seine Sicherheit zurückgewonnen hat. Bis dahin ist er ein zweifelnder Titan. (kza)

Matthias Sempach: 10.4.1986. – 194 cm/111 kg. – BE – Rang 8 der Jahreswertung.

Matthias Sempach. Keystone

Matthias Sempach. Keystone

KEYSTONE/URS FLUEELER

Der hinkende Titan
Matthias Sempach ist der technisch vielseitigste Schwinger. 2013 hat er auf dem Weg zum Königstitel in acht Gängen seine Gegner mit acht verschiedenen Würfen besiegt und im Schlussgang auch Christian Stucki gebodigt. Der einst mental zerbrechliche «Böse» ist inzwischen zum nervenstarken Siegschwinger gereift. Wäre der vierfache eidgenössische Kranzschwinger ganz gesund, dann wäre er einer der ganz grossen Favoriten. Aber er hat sich beim Berner Kantonalen am 9. Juli eine Zerrung des Aussen- und hinteren Kreuzbandes und einen Muskelfaseranriss des äusseren Wadenmuskels zugezogen. Seit letztem Montag trainiert er wieder und ist jetzt etwa zu 90 Prozent fit. Er ist nach wie vor ein hinkender Titan.(kza)

Kilian Wenger: 11.5.1990. – 190 cm/107 kg – BE – Rang 4 der Jahreswertung.

Kilian Wenger. (Archivbild)

Kilian Wenger. (Archivbild)

Keystone/THOMAS DELLEY

Der sensible Titan
Kilian Wenger hat sieben schwierige Jahre hinter sich. 2010 ist er in Frauenfeld König geworden. Er kam 2013 (Rang 8a) und 2016 (Rang 7c) zwar zum eidgenössischen Kranz, aber nicht in die Nähe der Titelverteidigung. Zeitweise musste er sich gar als «schwächster König aller Zeiten» schmähen lassen. Die mageren sieben Jahre haben ihn letztlich stärker gemacht, und 2017 ist er erstmals an guten Tagen wieder so unwiderstehlich wie 2010. Aber nach wie vor ist er ein sensibler Titan und nur, wenn alles passt, ist er der eleganteste, dynamischste «Böse» – wie beispielsweise am 9. Juli beim Berner Kantonalen, als er im Schlussgang sogar Christian Stucki platt warf und mit ihm Rang 1 belegte. (kza)

Christian Stucki: 10.1.1985. – 198 cm/140 kg. – BE – Rang 1 der Jahreswertung.

Christian Stucki. (Archivbild)

Christian Stucki. (Archivbild)

KEYSTONE/URS FLUEELER

Der freundliche Titan
Eine furchteinflössende, fast unbesiegbare Kombination aus Gewicht, Wucht, Kraft, Beweglichkeit und Technik. Das Bewegungstalent und die technische Vielseitigkeit dieses Riesen werden nach wie vor unterschätzt. Und doch war er noch nie König. Der eidgenössische Schlussgangverlierer von 2013 (gegen Matthias Sempach) ist eben ein freundlicher Titan. Wenn am Unspunnen «sein» Tag ist, dann stoppt ihn niemand. Aber es ist halt nicht immer «sein» Tag, und er nimmt es dann nicht so tragisch. Es fehlt ihm der ultimative Ehrgeiz eines Dr. Ernst Schläpfer oder eines Jörg Abderhalden. Vielleicht ist er gerade deshalb ein «König der Herzen» und einer der populärsten «Bösen» geworden, die nie König waren. (kza)

Samuel Giger: 24.3.1998. – 193 cm/115 kg. – NOS – Rang 2 der Jahreswertung.

Samuel Giger. Keystone

Samuel Giger. Keystone

KEYSTONE/EDDY RISCH

Der verhinderte Titan
Wäre Samuel Giger ein Berner, dann wären seine Chancen grösser. Ob er Unspunnen gewinnt, wird auch davon abhängen, ab er die «zweite Garde» der Berner zu bodigen vermag. Der eidgenössische Kranzschwinger von 2016 bringt mit explosiven Angriffszügen jeden Titanen ins Wanken. Aber wenn «mittelböse» Berner gegen ihn einfach nicht verlieren wollen, dann wird es schwierig. Er ist technisch (noch?) nicht so vielseitig wie beispielsweise Matthias Sempach, daher der schwingerisch berechenbarste der Favoriten und hat Mühe gegen defensiv-destruktive Gegner. Deshalb kann das «schwingerische Proletariat» verhindern, dass der Zweitplatzierte des letzten Eidgenössischen ein Unspunnen-Titan wird. (kza)

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