Ski-Freestyle

Nationaltrainer Michel Roth: «Wollen wir an diesem Ort einen Weltcup durchführen?»

Das Team der Schweizer Skiakrobaten geht mit breiter Brust in die Weltcup- und WM-Saison. Michel Roth, der Nationaltrainer und Baumeister der Schweizer Erfolge, sprach im Interview über seine Schützlinge, die Corona-Pandemie und die Situation in Weissrussland.

Dass Michel Roth in der Aerials-Szene mehr ist als der Coach des Schweizer Nationalteams wird rasch klar. Während des Telefon-Interviews mit dem 57-Jährigen, der sich anlässlich des Weltcup-Auftakts im finnischen Ruka befindet, ist Roth immer wieder auch in seiner anderen Funktion zu hören, als Chefbauer der Weltcup-Schanzen.

Zwischen Aussagen über die Form seines Teams, die Erfolge der letzten Saisons und politischen Statements gibt Roth seinen Hilfskräften Anweisungen, wie die Sprunganlage in Ruka in weltcuptauglicher Form bleibt. Er findet an allen Fronten klare Worte.

Michel Roth.

Michel Roth.

Michel Roth, wie würden Sie die letzte Saison der Schweizer Skiakrobaten für Aussenstehende zusammenfassen?

«Sie war ein 'Träumli', einfach hammermässig. Noé (Roth - Red.) gewann den Gesamtweltcup, Pirmin (Werner - Red.) wurde Vierter und Rookie des Jahres. Das war gewaltig und daran möchten wir natürlich anknüpfen.»

Das Schweizer Aerials Team ist in den letzten beiden Saisons vom Jäger zum Gejagten geworden. Würden Sie diese These so unterschreiben?

«Ich würde nicht sagen, dass wir schon die Gejagten sind. Aber die anderen Teams müssen nun auf uns schauen. Dafür haben wir jahrelang gekämpft. Aber wir wollen uns mit Worten zurückhalten, weil wir wissen: An die Spitze zu kommen ist einfacher, als sich oben zu halten.»

Und doch wirken Sie zuversichtlich, dass das Level zumindest gehalten werden kann.

«Die Vorbereitung verlief gut. Die letzten Wochen hätten bei Noé noch eine Spur besser sein können, aber er ist halt ein Gefühlsmensch. Von den Sprüngen her haben wir aber alles zusammen, sind vorbereitet. Ich denke, es kommt gut.»

Der Hurricane (drei Salti mit fünf Schrauben), der schwierigste Sprung im Aerials der Männer, sitzt also?

«Noé kann den Sprung und ich würde behaupten, dass er ihn auch bereits im Weltcup stehen würde. Viele Konkurrenten wissen noch nicht, dass er diesen Sprung beherrscht. Aber wir werden mit der Wettkampf-Ausführung noch zuwarten bis zur Olympia-Saison im kommenden Jahr.»

Also gibt es diesmal keinen Deal, wie Sie ihn mit Ihrem Sohn vor Olympia hatten. Als er endlich einen Dreifach-Salto zeigen durfte?

«Dies mache ich nur, wenn ich spüre, dass er es auch wirklich will. Und bei diesem Sprung will er es selber noch nicht.»

In vielen Sportarten hat das Coronavirus die Saison-Vorbereitung verkompliziert. Welchen Einfluss hatte die Pandemie auf Ihr Team?

«Da wir eine kleine Gruppe sind, konnten wir im Sommer im Jumpin in Mettmenstetten wie geplant trainieren. Wir haben die Vorbereitung also in etwa so durchgeführt, wie wir sie geplant hatten.»

Aktuell sieht es sogar danach aus, als würde der Aerials-Weltcup trotz Corona fast planmässig durchgeführt werden können.

«Es sieht noch immer alles gut aus, das wurde gerade auch in einer Video-Konferenz der FIS bestätigt. Für die ersten Springen im Weltcup sind wir auf gutem Weg. Etwas schwieriger steht es gemäss Gerüchten um die Freestyle-WM in China.»

Wieso?

«Der Staat hat extreme Richtlinien aufgestellt, die für die Organisatoren kaum umsetzbar sind.»

Und dann steht da noch ein Weltcup-Springen im weissrussischen Raubitschi im Programm. In einem von Corona hart getroffenen und politisch unruhigem Land.

«Das Corona-Problem ist im Land offenbar noch viel grösser, als offiziell kommuniziert. Ich weiss nicht, wie die FIS auf die Zustände dort reagieren wird.»

Das weissrussische Aerials-Nationalteam hat die vergangenen Sommer oft im Jumpin verbracht, dort Seite an Seite mit den Schweizer Athleten und Ihnen trainiert.

«Ich bin relativ eng mit dem Team verbunden, ja. Und habe darum auch viele Informationen über die Situation vor Ort. Weissrussische Sportler oder Funktionäre werden eingeschüchtert, haben Angst vom Staat abgehört zu werden. Und wer sich öffentlich kritisch über die Regierung äussert, wird aus dem Nationalteam geworfen oder sonst hart bestraft. Es ist ein riesiges Problem und wir müssen uns schon fragen: Wollen wir an diesem Ort einen Weltcup durchführen?»

Wie sehr beschäftigt Sie die Situation?

«Ich habe schon sehr Mühe damit. Und vor allem habe ich Mühe damit zu sagen: 'Wir gehen einfach nur als Sportler dorthin, das ist doch kein Problem.' Da tue ich mich im Moment etwas schwer. Auch weil ich viele Betroffene persönlich kenne.»

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