Fussball
Nati-Goalie Leo Eichmann erzählt wie es wirklich war

Der ehemalige Schweizer Nationalkeeper lebt heute in der Provence und erzählt, was in der Nacht von Sheffield, die den Schweizer Fussball 1966 erschütterte, wirklich passierte.

Markus Brütsch
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Alfredo Foni (links) trimmt Leo Eichmann am 18. Juli 1966 für das dritte WM-Spiel gegen Argentinien.

Alfredo Foni (links) trimmt Leo Eichmann am 18. Juli 1966 für das dritte WM-Spiel gegen Argentinien.

Keystone

Es ist bald Mittag und die Sonne brennt gnadenlos. 37 Grad. Selbst für Leo Eichmann, der seit 20 Jahren in der Provence lebt, ist es zu heiss. «Es wird durch den Klimawandel immer wärmer hier», sagt Eichmann. Die Autofahrt führt von Avignon nach Maubec. «Dort hinten liegt der Mont Ventoux. Die Tour de France hat ihn berüchtigt gemacht», sagt Eichmann. «Man kann ihn von unserem Haus aus sehen.»

Aus einer ehemaligen Poststation aus dem Jahre 1832, die jahrelang eine Ruine war, hat Eichmann ein Bijou gemacht. Ein Jahr lang mauerte und zimmerte der gelernte Elektriker, dann veredelte seine Partnerin Nicole das Werk. Hier lebt seither der Mann, der einst in den grössten Skandal der Schweizer Fussballgeschichte involviert war. Er wird später am Nachmittag schildern, wie alles ablief.

Leo Eichmann und seine Partnerin Nicole Cartier

Leo Eichmann und seine Partnerin Nicole Cartier

Keystone

In Zürich-Affoltern aufgewachsen, war Eichmann ab Mitte der 50-er Jahre Goalie des FCZ, von Schaffhausen, GC und während 13 Saisons von La Chaux-de-Fonds. «Bei GC wollten sie mich nicht mehr, weil ich mit 1,76 Metern zu klein sei», sagt Eichmann. Sein Glück. So erlebte er die grosse Zeit des von der Uhrenindustrie getragenen Klubs, der 1961 Cupsieger und 1964 Meister wurde. Eichmann war dann noch Spielertrainer bei Brühl und pendelte zwischen La Chaux-de-Fonds und St. Gallen.

Inzwischen war er Vater von Zwillingen geworden, danach kam noch eine dritte Tochter hinzu. Zuerst arbeitete er als Elektriker, dann machte er mit seiner ersten Frau eine Bar auf, führte mit seiner zweiten zehn Jahre ein Sportgeschäft, verkaufte dieses, wurde Küchenbauer, schliesslich Manager einer Betonziegelfabrik und erlitt acht Monate vor der Pension einen Herzinfarkt. Er machte Schluss mit dem Berufsleben und zog mit Nicole, seiner dritten Liebe, in die Provence. Am 24. Dezember dieses Jahres wird Eichmann 80 Jahre alt.

Eichmann erzählt und erzählt

Jetzt sitzt er auf dem schmucken Gartensitzplatz. Er weiss, dass der Besucher gekommen ist, um von ihm, zu hören, wie es denn nun genau gewesen ist an jenem 11. Juli 1966. Denn in acht Tagen werden es exakt 50 Jahre her sein seit «der Nacht von Sheffield», die den Schweizer Fussball erschütterte. Mittendrin: Leo Eichmann. Er hat noch alles so vor Augen, als hätte es sich gestern zugetragen. Die Geschichte an der Weltmeisterschaft 1966 in England, am Tag vor dem ersten Spiel der Schweizer gegen Deutschland, hat ihn nie losgelassen.

Und Eichmann beginnt zu erzählen: «Wir waren in einem Hotel in Sheffield untergebracht, inmitten anderer Hotelgäste. Die Organisation durch den Verband war von A bis Z schlecht. Am Tag vor der Partie gegen Deutschland war das Nachtessen exakt auf den Zeitpunkt angesetzt, als das Eröffnungsspiel in London angepfiffen wurde. Wir erreichten, dass das Essen verschoben wurde und konnten das Spiel am einzigen Fernseher des Hotels zusammen mit anderen Gästen anschauen. Die Mannschaft war fast allein, 20 der 23 Offiziellen waren zur Eröffnung nach London gefahren. Nach dem Essen war nicht klar, was noch auf dem Programm stand. Ich sass allein in der Lobby, war angefressen, weil mir Charly Elsener als Goalie vorgezogen wurde, obwohl er bei Lausanne Ersatz war und ich bei La Chaux-de-Fonds Stammgoalie und in Hochform. Da kamen Köbi Kuhn und Werner Leimgruber vorbei und sagten: Komm Leo, machen wir noch einen kleinen Spaziergang. Kaum waren wir draussen im Park, hielt ein Mini; Kuhn hatte irgendeine Geste gemacht. ‹Was wollt ihr?›, fragen die beiden Mädchen. ‹Eine kleine Stadtrundfahrt?› Schon sassen wir im Auto. Die Mädchen wollten in ein Pub, doch in unseren Trainingsanzügen war das nicht möglich. Nach einer knappen Stunde fuhren wir wieder vor dem Hotel vor und gingen durch den Haupteingang nach drinnen. Ein paar von uns sassen noch da, auch Journalisten, und Trainer Alfredo Foni wünschte uns eine gute Nacht. Am nächsten Morgen traf ich Captain Heinz Schneiter auf dem Korridor. Leo, was habt ihr gemacht? Der ‹Blick› habe bereits berichtet, dass drei Spieler vor dem Deutschland-Spiel mit Girls abgehauen seien – natürlich ein Skandal. Es gab stundenlange Diskussionen und Kuhn, Leimgruber und ich wurden provisorisch suspendiert. Das Spiel gegen Deutschland ging 0:5 verloren. Es war eine Katastrophe. Ich war an der Pressekonferenz nach dem Spiel dabei, als Foni sagte, er habe auf seine drei besten Spieler verzichten müssen. Ich sah, wie Kuhn auf den Trainer losgehen wollte. Die Geschichte hatte ihn den Transfer zur AC Milan gekostet. Wir wurden dann begnadigt und ich durfte noch gegen Argentinien spielen. Doch die WM war kaputt, die Stimmung nicht mehr zu retten und das Krisenmanagement des Verbandes ein Debakel. Die Geschichte ist ein schwarzer Fleck in meinem Leben. Ich hatte als Captain des FC La Chaux-de-Fonds viele Leute enttäuscht. Es ärgert mich bis heute, dass wir diesen Seich gemacht haben.»

Aber natürlich nicht zu oft. Dafür ist das Leben in der Provence zu schön. Noch immer ist Eichmann stark am Fussball interessiert. Er schaut sich jedes EM-Spiel an und sagt: «Die Schweiz hat mir gut gefallen, aber die Niederlage gegen Polen tut weh. Sommer war zwar der kleinste, aber auch der beste Goalie des Turniers.»
Beim Abschied erzählt Eichmann, wie sehr er sich geärgert habe, als er am Donnerstag die Polen gegen Portugal spielen sah. «Diese Portugiesen hätten wir doch aus dem Weg geräumt. Gopfriedstutz!»